Kampf der Comic-Verlage "Captain America" wirft "Batman" auf den Müll

Sind die Superhelden-Macher bald pleite? Seit Jahren sinken die Umsätze der großen US-Comic-Verlage. Dagegen geht Marktgigant Marvel jetzt mit einer rabiaten Strategie vor: Gegen eine kleine Belohnung sollen Händler die Hefte vom Konkurrenten DC Comics vernichten - wortwörtlich.

Marvels "Captain America" versus "Batman" von DC: Schlag gegen den Konkurrenten
Marvel/ DC Comics

Marvels "Captain America" versus "Batman" von DC: Schlag gegen den Konkurrenten


Es scheint ein unglaublicher Affront zu sein: Der Superheldenverlag Marvel ("Spider-Man", "Hulk", "Captain America") bietet den amerikanischen Händlern, die seine Hefte im Angebot haben, ein seltenes Comicheft mit exklusiv gezeichnetem Cover an, noch dazu gratis - wenn sie nachweisen können, dafür 50 Hefte vom Konkurrenzverlag DC Comics zerstört zu haben.

Welche Hefte dafür in Frage kommen, schreibt Marvel in einer Liste genau vor: Insgesamt 19 Titel - von "Green Lantern" bis "Wonder Woman" - sollen vernichtet werden; natürlich Ausgaben von diesem Monat. Zum Beweis müssen die Händler die abgerissenen Cover der Hefte einsenden. Stichtag für die Aktion ist dieser Freitag.

"In ökonomisch harten Zeiten wie diesen sehen wir uns verpflichtet zu helfen", begründet David Gabriel, Vizepräsident der Verkaufsabteilung des Verlages, die Initiative. Hintergrund von Gabriels bizarrer Argumentation ist das komplexe Bestellsystem für amerikanische Comics. Weil Händler unverkäufliche Hefte nicht an den Verlag zurückgeben können, müssen sie bereits Monate vorher angeben, wie viele Exemplare einer Ausgabe sie benötigen. Die Verlage drucken dann genau so viele Hefte, wie sich aus den Bestellungen aller Händler ergeben, und stellen sie über den Vertrieb den Shops zu.

Da sich der Bedarf an Heften aber nie exakt vorhersagen lässt, bestellen die meisten Händler eher etwas mehr als zu wenig - und sitzen dann in vielen Fällen auf überschüssigen unverkäuflichen Heften. Und zwar auf nicht wenigen, schließlich veröffentlicht Marvel jeden Monat knapp 80 Hefte in den USA, DC Comics rund 70. Dazu kommen die Titel einer Vielzahl kleinerer Verlage. Insgesamt erscheinen monatlich mehr als 300 neue Comichefte in den USA. Nicht gezählt sind hierbei Comics in Buchform, mit weiteren bis zu hundert monatlichen Novitäten.

Vordergründig ist Gabriels Argumentation: Die Händler sollen die zu viel bestellten Hefte, die sie sowieso nicht mehr verkaufen können, zerstören - und Marvel beschenkt sie dafür auch noch. Letztlich will Marvel aber erreichen, dass sich die Händler keine Bestände mit Konkurrenzprodukten aufbauen können und DC kein Geld mit Kaufnachzüglern machen kann.

Eine Branche auf sanfter Talfahrt

Es ist nicht das erste Mal, dass Marvel den Konkurrenten auf diese Art ärgert. Bereits im Januar 2010 unterbreitete der Verlag den US-Comicshops ein praktisch identisches Angebot. Auch damals sollten sie 50 Cover aus einer vorgeschriebenen Liste von DC-Comics einsenden und bekamen dafür je ein seltenes Marvel-Heft mit brandneu gezeichnetem Cover.

Das Angebot selbst ist also Affront genug, die schamlose Wiederholung der bereits damals einhellig von der Branche kritisierten Aktion ist es um so mehr. Noch dazu in Zeiten wie diesen. Denn bereits seit Monaten erlebt der Markt für amerikanische Comic-Hefte eine zuvor unbekannte Schwächephase. Verlief der Absatz der Hefte in früheren Jahren wellenförmig, mit dem Höhepunkt der Welle im Sommer und dem Tiefststand im Winter, ist dieses Muster seit ein, zwei Jahren durchbrochen.

Seither befinden die Absätze kontinuierlich auf sanfter Talfahrt. Verkauften die amerikanischen Comicshops für das gesamte Jahr 2007 insgesamt 85 Millionen Comichefte, waren es 2010 nur noch 75 Millionen. Für 2011 wird ein neuer Tiefstand erwartet.

Infolgedessen setzt keine Comicserie in den USA mehr über 100.000 Hefte ab - bei einer Gesamtbevölkerung von rund 300 Millionen. "Batman", eine der traditionsreichsten Comicreihen von DC, fand zuletzt noch etwas mehr als 50.000 monatliche Käufer, "The Amazing Spider-Man", Marvels Traditionstitel, nur wenige hundert Exemplare mehr. Damit liegen beide immerhin noch im oberen Viertel der Verkaufscharts.

Hintergrund ist auch die allgemein schlechte wirtschaftliche Lage in den USA. Die zwingt viele Kunden, streng zu kalkulieren, ob ihnen das Vergnügen einer knapp zehnminütigen Lektüre den Coverpreis von drei bis vier Dollar wert ist. Gerade mal 20 bis 22 Comicseiten sind so teuer wie knapp vier Liter Benzin.

"Echte Gewinne" ist die Devise

Zudem müssen immer mehr Shops aufgrund mangelnder Umsätze schließen, was die Absatzzahlen des Gesamtmarktes zusätzlich drückt. Mit Aktionen wie der aktuellen geht der Verdrängungskampf, den sich die beiden Comicriesen seit Jahrzehnten liefern, von einem bisher kalten Krieg, in dem sich die zwei gegenseitig stichelten, in eine heiße Phase über.

Beiden Verlagen steht, so berichten Brancheninsider, das Wasser längst bis zum Hals. Mindestens 10.000 Dollar kostet die Produktion einer neuen Comicausgabe inklusive aller anfallenden Honorare für Autor, Zeichner, Farbgebung und derlei mehr. Sind die Hefte von Starkünstlern mit großer Fangemeinde, liegen die Kosten deutlich darüber.

Betrachtet man die Absatzzahlen, ergibt sich daraus, dass, abzüglich der üblichen Kosten für Vertrieb und der Gewinnspanne für den Handel, kaum eine Superheldenserie in den USA rentabel sein kann. Ähnlich wie im Filmgeschäft wird der Gewinn frühestens mit Zweitverwertungen gemacht: dem Nachdruck in Buchform, dem Verkauf der Titel an ausländische Verlage.

Das scheint nun nicht mehr zu genügen. "We need to show some serious profit", wir müssen jetzt echt mal Gewinn reinholen, zitierte der schottische Comicautor Mark Millar ("Kick-Ass"), der in der Vergangenheit für Marvel und DC gearbeitet hat, auf dem Glasgow Comic Con im Sommer dieses Jahres einen der Verantwortlichen von DC.

Während DC allerdings den Befreiungsschlag sucht, indem der Verlag im nächsten Monat erstmalig in seiner fast 80-jährigen Geschichte das gesamte Programm neu startet, um so neue Käufer anzusprechen, setzt Marvel auf pure Zerstörung.



insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
L0k3 12.08.2011
1. Tja
Also eigentlich wäre das cleverste unrentable Serien einzustampfen und sich nur noch auf die großen Serien zu konzentrieren. So würde man die Marktsituation entschärfen und könnte ggf. wieder etwas durchatmen. Denn 150 Comichefte pro Monat sind einfach too much. 25 pro Verlag sollten mehr als ausreichen
Spades 12.08.2011
2. ...
Zitat von sysopSind*die Superhelden-Macher*bald pleite? Seit Jahren sinken die Umsätze der großen US-Comic-Verlage. Dagegen*geht Marktgigant Marvel*jetzt mit einer*rabiaten Strategie vor:*Gegen eine kleine Belohnung sollen Händler die Hefte vom Konkurrenten DC Comics vernichten - wortwörtlich. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,779828,00.html
ich konnte Marvel eh nie leiden. Allerdings ist auch DC (oder besser der Tochterverlag VERTIGO) seit dem Auslaufen von Y und 100 Bullets nicht mehr sonderlich interessant. vielleicht werde ich ja einfach nur alt...
DJ Doena 12.08.2011
3. .
In related news: DC hat mich als Käufer ja faktisch schon wieder verloren, bevor der Reboot überhaupt angefangen hat. Ich hatte ja ernsthaft drüber nachgedacht, mit der neuen Superman-Reihe (ab #1) anzufangen. Aber als dann die Ansage kam kein Clois, sondern Supes + Wonder Woman, da war mir die Lust auch schon wieder vergangen.
wanderprediger, 12.08.2011
4. Marvel macht den Hulk
Zitat von sysopSind*die Superhelden-Macher*bald pleite? Seit Jahren sinken die Umsätze der großen US-Comic-Verlage. Dagegen*geht Marktgigant Marvel*jetzt mit einer*rabiaten Strategie vor:*Gegen eine kleine Belohnung sollen Händler die Hefte vom Konkurrenten DC Comics vernichten - wortwörtlich. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,779828,00.html
Es sind definitiv zu viele Comic-Reihen beider Verlage. Daher unrentabel. Und zumindest für Deutschland gilt, definitiv zu teuer. Sonderband im Durschnitt € 19.95 und davon kommen im Monat Dutzende auf den Markt. Jugendliche können sich das nicht mehr leisten (schade), nur noch alte Herren/Damen so wie ich.
Nania 12.08.2011
5. @DJ Doena
Ist aber rein subjekt. Vielen anderen gefällt die Entwicklung. Der schlechte Stand liegt m.E. in Deutschland wohl eher daran, dass Comics immer noch als Kinderliteratur betrachtet wird, die sie nicht ist. Der Gratis-Comic-Tag ist da schon eine ganz passable Idee ist.
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