Kannibalen-Krimi "Fettsack" Gier nach Bürgerfleisch

Hannibal Lecter? Eine Witzfigur gegen Daniel "Chaingang" Bunkowski. Der Serienkiller aus Rex Millers furiosem Krimi "Fettsack" ist der schaurigste Kannibale der Thriller-Literatur. Auf dem Speiseplan steht das komplette bürgerliche Amerika.

Von Tobias Gohlis


Serienkiller sind zum Speien. Die seltenen realen, weil sie angeblich keiner versteht, und die unendlich vielen fiktiven, weil die Krimi-Industrie sie inzwischen produziert wie fast food. Das Motiv des rein aus Lust, ästhetischem Genuss oder warum auch immer Leute abmurksenden moralischen Aliens ist ausgelutscht, durch alle Grotesken und Selbstverarschungen hindurch totparodiert wie das des ähnlich gelagerten Vampirs.

Miller-Roman "Fettsack": "Loch der Finsternis"

Miller-Roman "Fettsack": "Loch der Finsternis"

Immer wenn die dunkle Seite der menschlichen Psyche verabsolutiert, und das heißt zum Subgenre formbar und verkaufbar Gestalt annimmt, wird es eklig. Und doch gibt es trotz des kommerzialisierten Vampirismus die ein, zwei faszinierenden Vampirfilme, und trotz normiertem Seriengekille die ein bis drei Bücher und Filme, die nicht vergessen werden sollten.

Zu diesen Büchern gehört der beinahe schon verschollene Roman des amerikanischen Radiomoderators, Diskjockeys und Horrorspezialisten Rex Miller mit dem englischen Titel "Slob". Das Lexikon bietet dazu herrliche Konnotationen: Morast, Schlamm, Bauer, Trottel, Fiesling. Neuerdings muss man hinzufügen "Fettsack".

Unter diesem Titel ist jetzt eine erstmals vollständige und dazu zeitgemäß neue Übersetzung des in den Staaten schon 1987 erschienenen Romans herausgekommen, liebevoll vom Kleinverlag mit einem der wüstesten Buchcover der Saison ausgestattet. Die Edition Phantasia, eher spezialisiert auf Horror, und ihr Verleger, der "Slob" übersetzt hat, haben prächtig zugepackt.

Schon das erste, bisher nicht ins Deutsche übertragene Kapitel, intoniert den Grundton des Grauens: "Der Präkognat: Sein Verstand ist ein Hort von unvorstellbar Abscheulichem und Bösem. Eine Todeszone des Grauens, wo Der Exorzist und Der weiße Hai eine Verbindung eingehen. Er ist ein brutaler und soziopathischer Killer, so tödlich und unaufhaltbar, dass er das Herz deines schlimmsten Alptraums zu einem kreischenden, leeren, blutverschmierten Loch der Finsternis macht."

Mozart und Menschenfleisch

Das Faszinierende und Unwiederbringliche an Millers "Fettsack" ist seine lustvolle Ästhetik der Grauslichkeit. "Slob" wurde in den USA veröffentlicht, als die ersten Serienkillerromane und –filme schon erschienen waren. Die Psychologie (traumatische Kindheit, frühe Devianz: Katzen und Frösche zerrupfen, später Mädels oder Buben) war bereits im öffentlichen Bewusstsein abgelagert. Ein Jahr später, 1988, erschien Thomas Harris' "Das Schweigen der Lämmer", wo der Serienkiller, der eigentlich gesucht wird, schon ganz im Schatten des zum Übermenschen ästhetisierten Hannibal Lecter steht, der Mozart und Menschenfleisch gleichermaßen liebt.

"Fettsack" markiert ästhetisch exakt den Punkt, wo noch einmal – und zum letzten Mal glaubwürdig – der Serienkiller als Verkörperung des amerikanischen Alptraums auftritt. "Chaingang" war der Kriegername der zum Töten abgerichteten Killermaschine Daniel Bunkowski, der in Vietnam auf den Geschmack gekommen ist: ob Freund oder Feind, er hat alles gefressen, was er mit seinen stahlharten Wurstpfoten zu packen bekam.

Miller interessiert die pure Monstrosität, nicht ihre gesellschaftliche Genese. Kindheit und Abrichtung in einem US-Militär-Spezialprogramm werden gerade mal gestreift (kennt man), jetzt ist er in Chicago und hat Hunger. Fettsacks Kugelgestalt (er hat so viele Menschen auf dem Gewissen wie er Pfunde auf die Waage bringt: 450) reflektiert alle Deutungen und Symbolisierungen und wirft sie als Geschwätz zurück. Er ist das Ende allen Geredes: Er ist "eine einzige fließende Bewegung des Ausweidens, die Fleisch und Gedärme und blutige Organe und Knochen zerfetzt…".

Fettsack, die einmalige Spezies, tötet sich durch die Vororte Chicagos, der ehemals größten Fleischfabrik der USA, und landet - dank abnormaler Intelligenz den Häschern immer voraus - dort, wo er hingehört: in der Kanalisation. Dort wird er von seinem Gegenspieler Jack Eichord – auch er als Alkoholiker, Witwer und (hübsch ironisch) Experte für Serienkiller-Phänomene eine herrlich austarierte Trash-Konstruktion – an der einzigen Stelle gepackt, an der er verletzlich ist.

Das Finale kommt gänzlich unerwartet – und ist ein letzter bitterer Hohn auf das Amerika der WASPs, der weißen angelsächsisch-protestantischen Mittelschicht. Die hat Miller gefressen, zum vollmundigen Vergnügen der Leser.


Rex Miller: "Fettsack". Aus dem Amerikanischen von Joachim Körber. Edition Phantasia, 270 Seiten, 15,90 Euro



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.