Kanzler-Comic Die nötige "Gesichtsschwere"

Armer Gerhard Schröder: Im neuen Comic vom "kleenen Punker"-Erfinder Jackie Niebisch wird seine Regierungskoalition von einer Punkerpartei entmachtet. Der Zeichner sieht sein "Bundeskanzlerpunkermärchen" als Statement gegen die belanglosen Sprüche der Politprofis.


Gezeichnete Politparodie: "Deutschland, ein Bundeskanzlerpunkermärchen"
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Gezeichnete Politparodie: "Deutschland, ein Bundeskanzlerpunkermärchen"

Hamburg - Kanzler Gerhard Schröder tritt wohl erstmals als zentrale Comicfigur in einem Buch auf. Zeichner Jackie Niebisch ("Der kleene Punker aus Berlin") widmete dem Regierungschef unter dem Titel "Deutschland, ein Bundeskanzlerpunkermärchen" eine wenig schmeichelhafte Geschichte. Nach Ansicht von Niebisch sind die Sprüche der Politiker so belanglos geworden. Deshalb habe er ebenfalls gnadenlos überzogen, berichtete er in Hamburg über sein Motiv.

In dem Märchen, das im August im Kieler Achterbahn Verlag erschienen ist, geht es um vier kleine Punker, die für eine Hauptstadtfete eine Menge Geld brauchen, und deshalb eine Partei gründen. Immerhin gibt es für jede Wählerstimme Bargeld und das wollen die kleinen Punks nach alter Tradition in alkoholische Getränke investieren.

Zwei Monate hat der 40-jährige Zeichner für Text und Bilder gebraucht, bis die Story stand. Niebisch, Autodidakt und von Haus aus Germanist und Musiker, gibt sich zufrieden. Der Kanzler sei "gar nicht so schwer zu zeichnen". Der habe eine "Gesichtsschwere", die einfach zu fassen sei. Problematischer sei dagegen Joschka Fischer auf das Papier zu bannen gewesen. Der Außenminister verfüge über "keine klare Linie" und "spiegelt einfach mehrere Charaktere im Gesicht wider", meinte Niebisch.

Zeichner Niebisch mit seinem Werk
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Zeichner Niebisch mit seinem Werk

Im Buch jedenfalls geht die Rechnung der unter permanenter Geldnot leidenden Punker erst einmal auf: Die kleene Punk-Partei (PuP) der vier Freunde lehrt die Politik-Profis das Fürchten. Bei der Auszählung der Stimmen zur Bundestagswahl leidet die Forschungsgruppe Wahlen größte Qualen. Zimperlich geht Niebisch in seinen Texten mit den Volksvertretern nicht gerade um. Nach der verlorenen Wahl vom Koalitionsteam heißt es kurz und bündig: "Gerhards Face wird blass und blässer, Joschkas Schweiß nass und nässer. Beide schauen traurich drein, fangen öffentlich zu wein' an." Und in Kanzleramt und Bundestag regiert von nun an der Punk.

464 Sitze ergattert die Punkerpartei. CDU/CSU können sich bei der Wahl noch mit vier Sitzen vor der SPD mit drei behaupten. Die Grünen schneiden besonders schlecht ab: Sie erhalten nur einen aufklappbaren Hocker im Parlament. Auch für FDP und PDS kennt der Zeichner keine Gnade, sie werden eiskalt zum Fensterputzen auf der neuen Reichstagskuppel verdonnert.

Besonders heftig leidet Außenminister Fischer an der Wahlschlappe, weil er in der Story sein Spezialflugzeug abtreten und wieder Taxi fahren muss. Die Ex-Koalitionäre sind nach dem Regierungswechsel vollständig demotiviert, sogar unter Brücken sollen sie trinkend gesehen worden sein. Jedoch endet das kleine Bundeskanzlerpunkermärchen ganz unerwartet - wie es sich für ein Märchen gehört - , und die alten Verhältnisse werdenwieder hergestellt.

Jackie Niebisch: "Deutschland, ein Bundeskanzlerpunkermärchen". Achterbahn AG, Kiel; 19,80 Mark.



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