Droste-Hülshoff-Roman von Karen Duve Romantisch die Romantik entlarvt

Zuletzt trat Karen Duve mit Weltuntergangsphantasien und Lebensmittelselbstversuchen in Erscheinung. Nun widmet sie sich einer bedeutenden deutschen Dichterin - in einem herrlich ironischen Roman.

Autorin Karen Duve
Kerstin Ahlrichs

Autorin Karen Duve

Von Britta Schmeis


Karen Duve hat schon viele Romane geschrieben. Sie hat Genres ausprobiert, Perspektiven gewechselt, mit Stilen experimentiert. Ihre ersten beiden Romane "Der Regenroman" und "Dies ist kein Liebeslied" spielten in der Gegenwart, es ging um unberechenbare Frauen und unerwiderte Gefühle. In "Die entführte Prinzessin" tauchte sie weit in die Vergangenheit ein, wagte einen Epochenmix irgendwo zwischen Wikingerzeit, Barock und Gegenwart, eine Adaption der Gudrunsage.

Mit "Taxi" im Jahr 2008 kam dann der große Durchbruch, mit dieser autobiografisch inspirierten Geschichte einer Studentin in den Achtzigerjahren, die nicht weiß, was sie will und deswegen lieber in der Lethargie verharrt - in Liebes- wie in Lebensdingen, aber immerhin skurrile Anekdoten aus ihrem Taxi-Alltag zu erzählen hat.

Es folgten Romane und Essaybände, in denen sie sich dem Brutalrealismus verschrieb, sich als wütende Mahnerin, misslaunige Bio-Bürgerin, radikale Kapitalismuskritikerin, dystopische Pessimistin und humorlose Umweltaktivistin etablierte. Und jetzt?

Jetzt widmet sie sich der großen deutschen Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848), dieser bedeutenden Schriftstellerin und Komponistin der Romantik, die bis heute fest im Literaturkanon verankert ist. "Fräulein Nettes kurzer Sommer" heißt das mehr als 500-seitige Epos, eine Familiensaga, ein Historienroman, ein Sittengemälde und ein in großen Teilen biografischer Roman - das 13-seitige Literaturverzeichnis zeugt davon.

ANZEIGE
Karen Duve:
Fräulein Nettes kurzer Sommer

Galiani Berlin, 592 Seiten, 25 Euro

Dabei führt der Titel gleich doppelt in die Irre: Denn es geht nicht um einen einzigen Sommer, vielmehr markiert er den Höhepunkt, die Katastrophe im Jahr 1820, auf die Duve über mehr als 300 Seiten hinsteuert. Den Sommer, in dem das Verhältnis der adeligen jungen Dame aus streng katholischem Hause mit dem bürgerlichen Rechtsstudenten Straube auffliegt - und nicht nur dieses Verhältnis. Dass eine Intrige dahintersteckt, ist ein umso pikanteres Detail, das Duve auskostet. Andererseits bleibt es wohl der einzige und somit auch kurze Sommer voller Liebesglück im Leben der Annette von Droste-Hülshoff.

Nette, Nervensäge und Projektionsfläche

Sorgfältig bereitet Duve diesen gesellschaftlich-desaströsen Höhepunkt vor. Ein Stammbaum im Buchcover hilft bei der Orientierung in der weitverzweigten Familie von Haxthausen (Annettes Mutter) und Droste von Hülshoff. Duve lässt die vielen Freunde und Bekannte in den vielen Schlössern, Herrenhäuser und Burgen des westfälischen Adels und die Kreise der Studenten in Göttingen den Intellektuellen im ganzen Land ihre ausufernden und teils elegischen Ausführungen darlegen. Die Grimm-Brüder gehen ein und aus, Goethe wird mal verehrt, mal verachtet, Schopenhauer und Hegel tauchen auf. Es ist modernes Namedropping und eine vergnügliche Geschichtsstunde.

Denn in "Fräulein Nettes kurzer Sommer" kehrt Duve zu ihrer nicht immer sehr feinsinnigen, aber doch trocken-ironischen, lakonischen Erzählweise zurück. Sie seziert die Gesellschaftsformen, die politischen Umstände und die Menschen als Individuen.

Nette, diese 23-jährige Nervensäge, die sich in die Gespräche der Männer einmischt, statt sich auf ihre Handarbeit zu konzentrieren, die immer zu laut und etwas zu grell lacht, die schmächtig und kränklich ist, sich buckelig hält, fast blind ist und noch dazu abstoßende Glubschaugen hat, ist dafür eine großartige Projektionsfläche. Denn sie verschafft sich mit ihrer Klugheit bei den Männern immer wieder gehörigen Respekt, auch wenn das keiner zugeben mag. Sympathien für diese emanzipierte Frau hegt die Leserin schon von der ersten Seite an - was aus heutiger Sicht vielleicht auch nicht allzu schwierig ist.

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)
imago/ Leemage

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)

Auch mit Heinrich Straube, dem Freund von Nettes Onkel August von Haxthausen, zunächst Nettes "Herzensfreund" und dann schnell ihr Galan und Liebhaber, ist Duve nicht zimperlich. Geschätzt wird auch er für seinen Intellekt, doch als mittelloser, bürgerlicher Protestant hat er in den Adelskreisen keine Chance. In der westfälischen Provinz ist die Aufklärung zu Beginn des 19. Jahrhunderts, immerhin die ersten Jahre des Deutschen Bundes, höchstens in der Theorie angekommen. Es ist die Zeit der Romantik, der man sich in seiner eigenen Selbstgefälligkeit hingibt.

All das porträtiert Duve unterhaltsam-distanziert und stilistisch souverän, wenn sie immer wieder ihre Tonart wechselt, in poetische Schwärmereien verfällt, wenn sie von Nettes Anbändelungen berichtet, ganz nüchtern wird, sobald es um die Eitelkeiten der aufstrebenden Studenten und Intellektuellen geht, die Loslösung der Deutschen von den Franzosen in ein paar Nebensätzen thematisiert.

In "Fräulein Nettes kurzer Sommer" geht es um weit mehr als um eine Anekdote im Leben einer jungen Frau, die trotz aller Ressentiments ihrer Zeit zu einer der bedeutendsten Dichterinnen wurde. Es geht um das Porträt einer ganzen Epoche, das Karen Duve so entzückend romantisch und zynisch-nüchtern aufschreibt. "Fräulein Nette" ist ein großer Lesespaß.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fein-gold 14.09.2018
1. 2. Chance
Nach dem "Regenroman" habe ich von Karen Duve kein Buch mehr angefasst. Das wird auch so bleiben. Sie bekommt bei mir keine zweite Chance.
vepchi 14.09.2018
2. Man wird sehen, was K. Duve daraus macht,
sobald gelesen. Erst einmal danke für die Kurzrezension. So manchem Zeitgenossen würde es gut tun, mal "Nettes" wunderbar realistische Novelle "Die Judenbuche" (wieder) zu lesen und vor allem auf das Motto zu achten, das dem Text in Hebräisch vorangestellt ist. Vielleicht könnte man das Reclamheftchen kostenlos im "Osten" verteilen...
T800 17.09.2018
3.
Nichts für ungut, aber die Protagonistin in "Taxi" ist keine Studentin. Ansonsten kann ich mich der Kritik bisher (habe das Buch noch nicht ausgelesen) nur anschließen, dass Duves neuer Roman lesenswert ist. @vepchi: das Buch hat mich veranlasst, "Die Judenbuche" gelesen von Gert Westphal zu hören. Ich bin Ossi, glaube aber unabhängig von meiner Herkunft davon zu profitieren. Ich ahne selbstverständlich, worauf Sie anspielen. Diesen Leuten fehlt aber meines Erachtens der Zugang zu Argumenten und zu guter Literatur sowieso.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.