Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Aufsteigerroman "Die Gierigen": Das System ist böse? Ich bin böser!

Von

Karine Tuils "Die Gierigen": Penthouse und Pavement Fotos
Jean-Francois Paga

Zwischen Pariser Banlieue und New Yorker Geldadel: Karine Tuil zeichnet in "Die Gierigen" das Porträt eines gnadenlosen Aufsteigers aus dem Migrantenmilieu.

Wer ohne soziales Bewusstsein und ohne moralische Instanzen aufwächst, kann alles werden - Heiratsschwindler, Gangster oder, noch schlimmer: Anwalt. Oder noch mal schlimmer: alles zusammen. Das ist die grausame Pointe in Karine Tuils knapp 500-seitigem Roman "Die Gierigen" über einen Aufsteiger aus der Pariser Banlieue, der in der vergangenen literarischen Saison in Frankreich als kleine Sensation gefeiert wurde und jetzt auf Deutsch erscheint.

Der tunesischstämmige Samir, die Hauptfigur, wächst in unterschiedlichen Elendszonen des Einwanderungslandes Frankreichs heran. Auf dem engen Dachboden eines reichen Politikers etwa, der gleichzeitig der Liebhaber seiner Mutter ist. Aber auch in der Sozialbausiedlung am Rande von Paris, wo er später in einer heruntergekommenen Wohnung mit seinem Halbbruder zusammenlebt, der aus der Dachbodenaffäre hervorgegangen ist, während die Mutter in der engen Küche verhasste maghrebinische Hühnchengerichte kocht.

Was für eine Genugtuung muss es sein, dass der wütende, entwurzelte, dadurch aber auch extrem bewegliche junge Mann die Gesellschaft, die ihn immer ausgegrenzt hat, durch eine Art Überassimilation zu schlagen vermag. Oder dass er sich zumindest der Illusion hingeben kann, dass er sie schlägt. Das System ist böse? Ich bin böser! Samir wird in Frankreich zum hochgehandelten Nachwuchsanwalt, und mehr noch: Der Sohn muslimischer Eltern nimmt eine jüdische Scheinidentität an, lässt sich nach New York versetzen und heiratet dort in eine der reichsten jüdischen Familien des Landes ein. Gier, Lust und Rachedurst sind sein Treibstoff.

Identität in Trümmern

Mit furioser Fabulierlust bringt Autorin Tuil die Handlung zwischen penthouse and pavement voran. Dass das gewagte Rollenspiel des Protagonisten aufgeht und (zumindest über weite Strecken des Romans) plausibel erscheint, liegt auch daran, dass Samirs Identität in Trümmern vor ihm liegt. Wenn er sich schon eine neue zusammenzimmern muss, kann es doch eigentlich auch gleich die eines Gewinners sein.

Doch wo es Gewinner gibt, muss es auch Verlierer geben. Im Falle von Samir sind das seine alten Studienfreunde Nina und Samuel; in ihren frühen Zwanzigern bildeten sie ein inniges Trio, dann kam die Liebe dazwischen, später auch noch der Neid, die Einheit zerbrach. Samir klaute Teile aus der Biografie seines jüdischen Freundes Samuel und lügt und betrügt sich so in die New Yorker High Society, die beiden anderen aber bleiben zurück mit ihren unerfüllten Ambitionen: er als verhinderter Schriftsteller, sie als leicht verlotterte Version einer Frau von Welt.

Die Selbsterfindung als Kriegserklärung an die Welt - auch dem Roman einer anderen Schriftstellerin, der in der letzten Saison in Frankreich gefeiert wurde und der im Sommer auf Deutsch erschienen ist, grenzt sich die Hauptfigur denkbar radikal von ihrer Herkunft ab: In "Ladivine" erzählt Marie NDiaye von einer jungen Frau, die ihre dunkelhäutige Mutter verleugnet und sich eine Scheinexistenz konstruiert. Auf über 400 Seiten wird ein komplexes Ineinander aus Selbstbetrug und Fremdbestimmung aufgezeigt. Filigran in der Beschreibung, energisch in der psychologischen Beweisführung. So ist in Frankreich das Thema Migration längst dem Fach der wohlmeinenden Problemliteratur entwachsen und zum Stoff für den großen psychologischen Roman geworden.

Ein Thema, zwei Herangehensweisen: Während NDiaye die Unbehaustheit ihrer Hauptfigur konsequent aus der Binnenperspektive zeigt, weitet Tuil den Blick ins gesellschaftliche Panorama. Gerade zum Ende springt sie, inzwischen ein wenig atemlos, die gesellschaftlichen Ebenen zwischen der Pariser Banlieue und dem alten Geldadel der US-Ostküste ab - stets aber nutzt sie für dieses Hierarchie-Hopping geschickt den Resonanzraum, den reale Figuren und reale Ereignisse geschaffen haben. Mal denkt man beim Lesen an Rachida Dati, die schillernde ehemalige französische Justizministerin mit Wurzeln im Maghreb, mal an Dominique Strauss-Kahn und die sexuellen Ausschweifungen, die ihn zum Fall brachten.

Am Ende droht auch Tuils Aufsteiger durch sein gefährliches Antriebsgemisch aus Gier, Lust und Rachedurst vor die Hunde zu gehen. Da zeigt sich dann doch Karine Tuils abgründige Erzählkunst: Der Gierlappen Samir ist einem da längst ans Herz gewachsen.

Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. nichts neues
hinnerk.albert 20.08.2014
das thema des buches, sich neu zu erfinden, ist nichts neues. das kann ich jeden tag in Hamburg studieren. die stadt ist voll von solchen leuten. berühmte beispiele : Markus Lüpertz oder Helmut Schmidt (''Helmut Schmidt- Kanzler und Pianist'')
2. Migranten müssen ein mehrfaches an Energie aufwenden,
mielforte 20.08.2014
die sich im Nachgang auszahlt. Helene Fischer als beredtes Beispiel zu nennen ist so abwegig nicht, denn was sie leistet ist für eine/n Künstler/in absolut überdurchschnittlich und sprichwörtlich gnadenlos. Eine Frau Andrea Berg sieht dagegen winzig klein aus. Da mag die Tatsache, dass Fischer als Kind aus Russland nach Deutschland kam, eine große Rolle spielen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
Anzeige

SPIEGEL ONLINE
Was lesen? Was kaufen? Was verschenken?

Die aktuelle Taschenbuch-Bestsellerliste: Welche Titel sind gerade heiß begehrt.

Jede Woche bei SPIEGEL ONLINE.

Übersicht: Alle Bestseller



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: