Rhetorik-Experte Göttert "Brüllerei stößt uns heute nur noch ab"

Der Germanist Karl-Heinz Göttert hat große Redner verglichen, darunter Cicero und Joschka Fischer. Das erstaunliche Ergebnis: Die Strategien haben sich kaum verändert. Erst in jüngster Zeit kündigt sich ein Wandel an.

Ein Interview von

DPA

SPIEGEL ONLINE: Herr Göttert, in Ihrer neuen Rhetorik-Studie vergleichen Sie Joschka Fischer mit Cicero. Meinen Sie das ernst?

Göttert: Durchaus, ich finde Fischer in gewisser Hinsicht sogar besser (lacht).

SPIEGEL ONLINE. Oha. Das wird Fischer gefallen.

Zur Person
  • privat
    Karl-Heinz Göttert, geboren 1943, war Professor für Ältere Deutsche Literatur an der Universität zu Köln. Er hat historische Kriminalromane geschrieben, vor allem aber wissenschaftliche Werke wie "Deutsch. Biographie einer Sprache" und "Abschied von Mutter Sprache. Deutsch in Zeiten der Globalisierung". Sein neues Sachbuch "Mythos Redemacht" ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Göttert: Ja, vielleicht sollte ich es nicht zu laut sagen, er ist eitel genug. Aber in seinen großen Reden hat Fischer tatsächlich eine Wucht entfaltet, die an Cicero erinnert und ihn teilweise übertrifft. Fischer beherrscht das Sprechen in klaren Antithesen, bereichert um Sprachwitz und brillante Frechheiten. Und das aus dem Stegreif heraus. Dafür hat man ihn geliebt und gefürchtet. Gleichzeitig verzichtet er auf allzu pathetische Effekte, die bei Cicero noch hoch im Kurs standen. Fischer ist eben ein ausgesprochen moderner Vertreter der Redekunst.

SPIEGEL ONLINE: Sie analysieren Reden der vergangenen 2500 Jahre. Wann war die Blütezeit der Rhetorik?

Göttert: Nach der geläufigen Vorstellung gab es in der Antike die großen Redner, später lange Zeit nur noch lahme Gesellen. Geprägt hat diese Vorstellung Walter Jens mit seinem Wort: "Herrscht das Volk, regiert die Rede; herrscht Despotismus, dann regiert der Trommelwirbel." Doch das stimmt nicht. Es stimmt nicht, dass es in den vergangenen 2500 Jahren ohne Demokratie keine Redekunst gab. Es stimmt vor allem nicht, dass es überwiegend abwärts ging. Es ist eher so, dass sich über die Jahrhunderte hinweg ein hohes Niveau verfolgen lässt - und eine große Ähnlichkeit der Reden. Gerade in dieser Ähnlichkeit liegt die Überraschung.

SPIEGEL ONLINE: Was verbindet die Reden?

Göttert: Es gibt eine europäische Tradition, beginnend im antiken Griechenland. Der europäische Redner weiß, dass es schwierig ist, Zuhörer zu überreden, weil sie unaufmerksam sind oder gar dumm. Er weiß, dass Zuhörer ihm nur glauben, wenn er Autorität gewinnt. Das versucht er auf zwei Weisen. Erstens indem er seine Rede logisch kunstvoll aufbaut, mit Antithesen oder Paradoxen. Zweitens indem er sie stilistisch kunstvoll gestaltet, mit Sprachschmuck wie Metaphern oder Anaphern. Beide Elemente finden sich in allen Reden, die ich analysiert habe. Wer beide Elemente beherrscht, wirkt auf europäische Zuhörer intellektuell und damit vertrauenswürdig.

SPIEGEL ONLINE: Die Zuhörer schließen von sprachlicher Brillanz auf inhaltliche Brillanz.

Göttert: Das ist ein Fehlschluss, natürlich, aber genau dieser Fehlschluss ist typisch für unsere Kultur. Und er ist auch nachvollziehbar: Redner haben nicht genug Zeit und Aufmerksamkeit, um eine Frage in allen Details zu erörtern. Ganz abgesehen davon, dass sich in politischen und juristischen Fragen anders als in der Wissenschaft ohnehin keine Gewissheit erzielen lässt. Unter diesen Voraussetzungen muss Autorität Argumente stützen, wenn nicht ersetzen.

SPIEGEL ONLINE: Besteht da nicht die Gefahr, dass ein guter Redner seine Redemacht missbraucht?

Göttert: In der Antike haben Autoren behauptet, ein guter Redner sei ein moralischer Redner. Das halte ich für einen ganz großen Irrtum. Mit den Mitteln der Logik und des Stils lassen sich ebenso moralische Zwecke verfolgen wie unmoralische.

SPIEGEL ONLINE: War Hitler ein guter Redner?

Göttert: Auch wenn man bei dem Satz zusammenzuckt: Ja, Hitler war ein guter Redner, jedenfalls rednerisch kein bloßer Depp. Er hat in seinen Reden verbrecherische, unmenschliche, unerträgliche Thesen verfochten. Aber er hat dafür Kunstgriffe verwendet, die in hohem Ansehen standen.

SPIEGEL ONLINE: Schwer vorstellbar, wenn man sich alte Rundfunkaufnahmen seiner Reden anhört.

Göttert: Die Brüllerei stößt uns heute selbstverständlich nur noch ab. Aber dafür gibt es eine Erklärung: Hitler, Goebbels und Konsorten kamen aus einer Zeit, in der es noch keine Lautsprecher gab. Als sich die Lautsprecher dann Mitte der Zwanzigerjahre verbreiteten, haben sie genauso weiter geschrien wie vorher. Wenn wir das ausblenden und nur die Redetexte analysieren, sehen wir, dass sich auch ein Hitler in die europäische Tradition einreiht.

SPIEGEL ONLINE: Welche Redekultur unterscheidet sich denn von der europäischen?

Göttert: In meinem Buch analysiere ich die Rede, mit der sich der Indianer-Häuptling Seattle 1855 an den US-Präsidenten Franklin Pierce wendet, der ihm sein Land abnehmen will. Der Häuptling geht nicht strategisch vor. Er versucht nicht, sich in den Präsidenten hineinzuversetzen. Er versucht nicht, ihn zu überreden. Er sagt einfach, was er denkt. Das ist sympathisch, europäisch ist es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie schauen Angehörige anderer Kulturen auf die europäische Redekultur? Mit Sympathie?

Göttert: Eher mit Misstrauen. In China höre ich jedenfalls, dass dort die Bekundung von Einverständnis höher bewertet wird.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folge hat das für die europäische Tradition der Rede? Wir leben in einer globalisierten Welt.

Göttert: Die europäische Redekultur verändert sich zurzeit stark. Sie ist unter Druck geraten, nicht nur durch die Globalisierung. Auch das Fernsehen und die Emanzipation haben ihren Einfluss. Aus der Psychologie wissen wir, dass die sprachliche Kunst, die jahrhundertelang so gut gewirkt hat, weniger erfolgreich ist.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch taucht nur eine einzige Rednerin auf: Rosa Luxemburg. Ist die europäische Redekultur eine Kultur männlichen Redens?

Göttert: Das war sie, ja, aber das verändert sich eben gerade. Die amerikanische Psycholinguistik unterscheidet männliche und weibliche Rede. Als männlich gilt eine Rede, die stark logisch orientiert ist, also auf Antithesen und Paradoxe setzt. Als weiblich gilt eine Rede, die mit Beispielen und Erzählungen arbeitet. Und siehe da: Beispiele erweisen sich heute erfolgreicher als Logik. Anders gesagt: Empathie schlägt Überwältigung.

SPIEGEL ONLINE: Der bekannteste Vertreter dieser weiblichen Redekultur ist ein Mann: Barack Obama.

Göttert: Genau. Man weiß, dass er seinen Aufstieg wie kein anderer US-Präsident Reden zu verdanken hat, in denen er immer wieder von sich selbst erzählt, von seiner Herkunft, von seinem Großvater. Die Reden leben vom konkreten Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Könnte man heute noch so reden wie Martin Luther King? Oder wie Charles de Gaulle? So pathetisch?

Göttert: Eher nicht. Martin Luther Kings "I have a dream"-Rede strotzt vor metaphorischem und sonstigem Sprachschmuck. Das sind wir nicht mehr gewohnt. Auch de Gaulle hat in den Fünfziger- und Sechzigerjahren mit Sprachschmuck aufgetrumpft. Seine Zuhörer haben das damals begierig aufgenommen, sie haben das rednerische Können als Beweis seiner Intellektualität gesehen. Heute würde man davor eher zusammenzucken, wir würden es als peinlich empfinden.

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, dass Barack Obama in seinen Reden häufig von seinem Großvater spreche, "der noch Sklave war". Unser Interviewpartner Karl-Heinz Göttert hat dies nun korrigiert und bedauert den Fehler: Obama bezeichnet seinen Großvater als "domestic servant", was Hausangestellter bedeutet. Allerdings lebte der Großvater laut Göttert tatsächlich nur zwei Generationen von der Sklaverei entfernt.

LITERATUR SPIEGEL auf Facebook

Anzeige

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
josho 18.02.2015
1. Interessanter Beitrag....
Wenn man einzelne Abgeordnete im BT vom Blatt ablesen sieht oder stottern hört, dann fragt man sich schon, ob die dort richtig aufgehoben sind oder wie sie es überhaupt dorthin geschafft haben.
lari_fari 18.02.2015
2.
Zitat von joshoWenn man einzelne Abgeordnete im BT vom Blatt ablesen sieht oder stottern hört, dann fragt man sich schon, ob die dort richtig aufgehoben sind oder wie sie es überhaupt dorthin geschafft haben.
Mir geht es oft ähnlich. Andererseits werden sie ja nicht primär bezahlt, um große Reden zu schwingen. Nicht-Reden-Können schließt ja nicht aus, dass sie ansonsten möglicherweise gute Arbeit leisten.
brille000 18.02.2015
3. Des Täuschers Redegewandtheit
Genau das ist es: Beeindrucken durch Redeschwall aus dem Stehgreif heraus. Das schafft beim Zuhörer Respekt und vermittelt bei diesem gleichzeitig den Anspruch auf hochwertigen Inhalt. Allerdings ist dies nur ein Schein. "Einfache" Menschen lassen sich damit doch allzuleicht beeindrucken. Ich persönlich fand das heisere Gebrüll des Fischer nur lästig und weitestgehend inhaltslos.
crazy_swayze 18.02.2015
4.
Beispiel schlägt Logik. Ich weiß nicht was ich von dem weiblichen Einfluss nun halten soll. XD
andreasdolphin 18.02.2015
5. wie folgt man einem Redner...
überhaupt? - Manchmal ist dies so schwierig und überfordert eine große Zahl der Zuhörer dauerhaft. Da sind Stilmittel wie Metaphern, Beispiele, aber auch die Betonung hilfreich, um zu verstehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.