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Knausgård über Houellebecq: "Ich hatte noch nie ein Buch von ihm gelesen"

Karl Ove Knausgård: Hält sich auch von Filmen von Lars von Trier fern Zur Großansicht
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Karl Ove Knausgård: Hält sich auch von Filmen von Lars von Trier fern

Karl Ove Knausgård hat zum ersten Mal in seinem Leben ein Buch von Michel Houllebecq gelesen. In einem Essay bespricht er jetzt dessen umstrittenes Werk "Unterwerfung" - und verteidigt seinen Kollegen gegen den Vorwurf der Islamophobie.

Ein ungewöhnlicher Anfang für eine Rezension über ein Werk von Michel Houellebecq: "Ich muss ein kleines Geständnis ablegen. Ich hatte noch nie ein Buch von ihm gelesen". In einer Mischung aus Rezension und Essay (Klicken Sie hier, wenn Sie Englisch verstehen und gerade sehr viel Zeit haben) hat sich der norwegische Bestsellerautor Karl Ove Knausgård in der "New York Times" mit Michel Houellebecqs Buch "Unterwerfung" beschäftigt - und dabei eingeräumt, dass er sich zuvor von den Büchern seines französischen Kollegen stets fernhielt.

Zwar seien ihm dessen Werke, besonders "Elementarteilchen", häufig empfohlen worden. "Aber der Widerstand, ein Buch von Houellebecq anzufangen, war einfach zu groß." Die Erklärung für sein Verhalten liefert der Norweger auch: "Durch das Lesen der Bücher würde ich daran erinnert, wie hervorragend Kunst sein kann und daran, wie weit unter diesem Niveau meine eigene Arbeit ist", so Knausgård, der mit seiner autobiografischen Buchserie "Mein Kampf" weltweit Erfolge feiert. "Besser ist es, deine Augen zu schließen und mit deiner eigenen Arbeit weiterzumachen." Ähnliches gelte für die Filme von Lars von Trier, die er ebenfalls meide.

Er habe in der Vergangenheit aber auch durchaus Konversationen über den französischen Autor geführt, diesen etwa für seinen Mut gelobt. "Sein Name ist so reich an Assoziationen und Bedeutung." Jeder wisse, wer Houllebecq sei und worüber er schreibe. Seine Gesprächspartner hätten seine Unkenntnis nie bemerkt.

Neben diesen selbstreflektiven Passagen im Plauderton ("Im hellen Licht der Lampe lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück, zündete eine Zigarette an, schenkte mir einen Kaffee ein und begann zu lesen") verteidigt Knausgård Houellebecq vor allem im zweiten Teil seines Textes durch eine detaillierte Analyse von "Unterwerfung" auch gegen den Vorwurf der Islamophobie.

In "Unterwerfung" entwirft Houellebecq über das Porträt eines desolaten Literaturwissenschaftlers ein Bild von Frankreich im Jahr 2022, in dem ein muslimischer Präsident die Macht übernommen hat. Das Buch, das in Frankreich am Tag des Attentats auf die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" veröffentlicht wurde, hatte eine kontroverse politische Diskussion ausgelöst, im französischen Fernsehen wurde es etwa als "islamophob" kritisiert. Andere Rezensenten verteidigten wiederum Houellebecqs Buch - es bediene das für den Autor typische Spiel mit Denkmustern und literarischen Verweisen.

Knausgård zieht in seiner Analyse von "Unterwerfung" ausführlich Parallelen zu dem französischen Schriftsteller Joris-Karl Huysmans, einem Vertreter der Dekadenzliteratur im 19. Jahrhundert, mit dem sich der Ich-Erzähler in "Unterwerfung" beschäftigt: "Das Ziel des Buchs sei gewesen, Huysmans neu zu schreiben, seine Konflikte in unserer Zeit zu testen."

Nach ausführlicher Analyse kommt Knausgård unter anderem zu dem Schluss, dass Houellebecq in "Unterwerfung" den Bedeutungsverlust einer gesamten Kultur beschreibe - auf satirische Weise. Der Schriftsteller richte sich so letztlich gegen die intellektuellen Klassen, die sich, ohne Idealismus und ohne den Willen, um Werte zu kämpfen, nur vom Pragmatismus leiten ließen.

eth

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