Literaturstar Knausgård in Hamburg Der Mann, der sein Übelstes preisgibt

Und wie ist er so? Gerade weil er in seiner autobiografischen Buchreihe so viel von sich verrät, ist der Norweger Karl Ove Knausgård zum Autorenmythos geworden. Nun las er in Hamburg - und berichtete vom ausgestreckten Mittelfinger.

Autor Knausgård: Ein Schriftsteller, der die Menschen bewegt
André Løyning

Autor Knausgård: Ein Schriftsteller, der die Menschen bewegt

Von Thomas Andre


Ein Mann auf der Borderline, der sich selbst runtermacht und das Gesicht zerschneidet, unter seinem autoritären Vater leidet und am eigenen Ungenügen, der als Kind immerzu heult und als Erwachsener vor allem den Drang hat zu gefallen. Das klingt nach Antiheld. Und ist in Wirklichkeit die derzeit faszinierendste literarische Figur der Gegenwart, die sich bemüht, ganz echt und überauthentisch zu sein: Karl Ove Knausgård, Literaturstar aus Norwegen. Gerade ist er mit seinem mehrbändigen autobiografischen Projekt auf Lesereise und machte nun zwischen Auftritten in London und Wien Station in Hamburg.

Dort las Knausgård am Dienstagabend vor knapp 450 Leuten, die dank der Sprachkenntnisse des Skandinavisten Uwe Englert, der den Abend moderierte, jetzt wissen, wie man den Namen des Literaturstars korrekt ausspricht: "Kneusgoor". Und jener Knausgård ist unbedingt eine Schau, ein Schriftsteller, der die Menschen bewegt und bei dessen Lesungen sich anschließend an den Signiertischen lange Schlangen bilden.

Knausgårds schriftstellerisches Programm der radikalen Selbst-Transparenz und der Ausstellung aller Ich-Übel ist gerade dabei, auch in den deutschsprachigen Ländern ein Massenpublikum zu finden. Da ist ein Mann, der seine Schwächen, sein Versagen und seine Ängste offen vor sich herträgt und damit zum global funktionierenden Schriftsteller wird: Haben wir etwa alle keine Lust mehr auf Facebook-Narzissmus?

Ein episches Literatur-Selfie

Man darf die Lektüre der Knausgård-Bücher, von denen jetzt mit "Träumen" das Fünfte von insgesamt sechs auf Deutsch erschienen ist, durchaus als Gegengift für skeptische Ich-Erkunder im digital getunten Ego-Zeitalter betrachten. Aber Selbstbespiegelung bleibt Selbstbespiegelung, weshalb Knausgårds "Min kamp"-Zyklus ("Mein Kampf") auch nichts anderes als ein episches Literatur-Selfie ist.

Es ist aber auch: das überwältigende Zeugnis eines gequälten Geistes, dem man sich tatsächlich nur schwer entziehen kann. Die Zeiten, in denen Bücher, seien sie formal noch so gelungen oder inhaltlich noch so fesselnd, den berühmten Sog ausübten, schienen längst vorbei. Dann kam Knausgård, dessen Bücher allein in seiner Heimat Norwegen mehr als eine halbe Million Menschen kauften und dessen Ruhm auch hierzulande zu Recht weiter wachsen dürfte: Am 2. Oktober ist "Träumen" eines der besprochenen Bücher in der Premierensendung des neuen "Literarischen Quartetts".

Darum geht's in "Träumen"

"Träumen" ist das Porträt des Künstlers als junger und noch nichts darstellender Mann. Der knapp 20-jährige Karl Ove kommt nach einer Lebensepisode als Aushilfslehrer nach Bergen, um dort an einem Schreibinstitut bei Jon Fosse zu studieren. Er ist der Jüngste im Seminar und merkt schnell, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine riesige Lücke klafft: Er fühlt sich zum Dichter berufen, hat aber keine Geschichten zu erzählen. Außerdem müht er sich mit den Frauen ab, hat aber immerhin das Problem des vorzeitigen Samenergusses überwunden.

Der Rest ist herrlichstes studentisches Zeitmanagement: Wer nicht das eigene Curriculum Vitae vorantreiben will, der betrinkt sich schon tagsüber, stöbert ständig in Buchhandlungen und Plattenläden oder zieht durch die Nächte. Eine tragende Rolle in "Träumen" spielt Knausgårds Bruder Yngve, der vier Jahre Ältere, der viel Selbstbewusstere - er ist der Kopf der Band, in der Karl Ove mittrommeln darf, obwohl er auch das nicht besonders gut kann.

Hartes Brot, Loserjahre: Die Leiden des jungen Knausgård werden aus Sicht des Patienten selbst also wieder ausufernd beschrieben. Um den Preis, dass auch die, mit denen der Wahrheitsekstatiker zu tun hat, in die Öffentlichkeit gezerrt werden. In "Träumen" treten unter anderem der Dramatiker und Erzähler Jon Fosse, frühere Geliebte und alte Weggefährten auf.

Das Opfern der Privatsphäre vor allem von Familie und Freunden ist Knausgård oft vorgehalten worden, als vor fünf Jahren die Norweger sein wie im Rausch geschriebenes Selbstentblößungsepos verschlangen. Sein Onkel drohte mit einer Verleumdungsklage und sprach von "Judas-Literatur", eine Exfreundin klagte, sie sei zum bloßen Objekt degradiert geworden. Es ist die Freiheit der Kunst, auf die Knausgård sich berufen kann.

Ein Bergwerk der Erinnerung

Das eher zurückhaltende, aber aufgrund des gewaltigen Erfolgs auch selbstgewisse Auftreten des gutaussehenden Knausgårds, seine sanfte Stimme, die das fremd klingende Norwegisch so vertraut erscheinen ließ: Das machte Eindruck beim Hamburger Lesepublikum. Es wohnte bereitwillig für anderthalb Stunden Knausgårds literarischem Ego-Exerzitium bei. Im Gespräch mit dem Moderator sprach Knausgård vom freudlosen Pietismus seiner Herkunftswelt, von Jon Fosse, der seine Prosa noch immer nicht möge - und vom Stinkefinger, den sein eigenes Werk symbolisch ausfahre: "Er richtet sich an alle, die in meiner Jugend Konformität von mir einforderten."

Wie humorvoll das Jammertal der eigenen Biografie sein kann, bewiesen die von Helmut Mooshammer auf Deutsch gelesenen Passagen. Kein Glaube, keine Liebe, keine Hoffnung und auch doch wieder alles zusammen: Knausgård hat die Ästhetisierung der persönlichen Kümmernisse zu einem beeindruckenden Werk und einer beachtlichen Karriere verholfen. Wobei das mit der Ästhetisierung so eine Sache ist: Seine Kritiker sprechen Knausgård jeglichen Formwillen ab und bezeichnen seine Bücher manchmal gar als unliterarisch. Nichts könnte weniger stimmen. Knausgårds Bücher sind ein Bergwerk der Erinnerung, in dem perfekt geschliffene Erlebnisse zutage gefördert werden.


Karl Ove Knausgård liest am 2. Oktober im Haus der Berliner Festspiele. Veranstaltungsbeginn ist um 19.30 Uhr.



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chuckal 30.09.2015
1. Werbung
Falls dieser Artikel eine Werbung sein sollte, hat er sein Ziel aber gründlich verfehlt. Das klingt alles so epigonal und überholt. Nichts ist in diesen Tagen bedeutungsloser, als die ewig gleiche Nabelschau der Wohlstandskinder. Alles, was es über die bürgerliche Gesellschaft zu lesen gibt, hat Proust bereits geschrieben und wenn man es moderner möchte, findet man volle Regale. Da braucht es diesen Hype um einen Fosse-Schüler (dass der ihn nicht leiden kann, spricht allerdings für ihn, denn Fosse ist der schlimmste von all diesen Langweilern) nun wirklich nicht.
melmag 30.09.2015
2. Charles Bukowski
den hab ich in den späten 70ern entdeckt und verschlungen. Ich wette Herr Kneusgoor auch. Leute, die sich öffentlich selbst zerfleischen sind nix neues, auch wenn sie aus der Wäsche schauen wie ein Psychopath. Aber Glückwunsch, er findet ja sein Publikum.
moleblind 30.09.2015
3. Ein Meisterwerk
Eines der besten und berührendsten literarischen Biographien, die ich je gelesen habe. Völlig anders als Proust natürlich. Wer von verächtlich von "Nabelschau der Wohlstandskinder " spricht (s.o. chuckal), zeigt nur, dass der das Werk entweder gar nicht gelesen oder - schlimmer - nicht verstanden hat.
zafoilyx 30.09.2015
4. Hm,
wenn ich richtig gelesen habe gab es bei dieser Lesung lange Passagen in Norwegisch. Das wäre nichts für mich. Auch der Umgang des Autors mit der Privatsphäre seiner Protagonisten ist problematisch. Dazu gesellt sich der mißlungene Titel der Buchreihe.
chuckal 30.09.2015
5. Klar.
Zitat von moleblindEines der besten und berührendsten literarischen Biographien, die ich je gelesen habe. Völlig anders als Proust natürlich. Wer von verächtlich von "Nabelschau der Wohlstandskinder " spricht (s.o. chuckal), zeigt nur, dass der das Werk entweder gar nicht gelesen oder - schlimmer - nicht verstanden hat.
In meinem Fall - am Schlimmsten - Beides. Aber Fosse, den kenne ich und wer da studieren geht, muss ein Wohlstandskind sein. Na und nun mal ehrlich; Sie müssen mir doch zugestehen, dass sämtliche hier erschienenen Besprechungen doch sehr deutlich diesen Punkt beschreiben. Man will ihm ja schließlich kein Stück Brot und eine Schale Reis reichen, sondern Kleenex und Sonnenbrille. Aber das hab ich alter Holden Caulfield Kumpel wohl auch wieder nicht richtig verstanden.
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