Eheroman "Trennung" Ein Abschied in Slow Motion

Die meisten Liebesromane erzählen vom Anfang - das Ende lassen viele aus. Katie Kitamuras "Trennung" erzählt vom Abschiednehmen, ohne einen Hauch Sentimentalität.

Trauernde auf einem Athener Friedhof
AP

Trauernde auf einem Athener Friedhof


Die Liebe ist anfangs immer erst mal eine Erfindung. Und am Ende auch. Wir entwerfen sie uns als eine Vorstellung, sie fängt mit einem Könnte an und hört mit einem Wäre, einem Hätte auf. Immer geht es darum, welche Fiktion wir uns und anderen von ihr erzählen. Denn Geschichte passiert uns nicht, nein: "Geschichte wird gemacht / Es geht voran".

Und wenn sie vorbei ist, diese Beziehungsgeschichte, wird man sich eine andere Story entwerfen müssen über dieses Wir, das nicht mehr das ist, was es einmal war. Was passiert, wenn sich das Neudefinieren wie in Slow Motion vollzieht, erzählt Katie Kitamura in ihrem Roman "Trennung" - dem ersten der drei Romane der gebürtigen Kalifornierin auf Deutsch - mit einer ungewöhnlichen analytischen Schärfe.

Autorin Katie Kitamura
DPA

Autorin Katie Kitamura

Es ist die Geschichte einer unvollendeten Geschichte. Das Setting eine Art Kammerspiel in der griechischen Pampa, fünf Autostunden von Athen entfernt. Die Erzählerin, namenlos, reist ihrem Noch-Mann Christopher hinterher, er ist dort, um für ein Buch über Trauerrituale zu recherchieren, nun ist er verschwunden. Sie haben sich vor sechs Monaten getrennt, nur ist es nicht ausgesprochen, nicht einmal seine Mutter weiß es - so dass die ihre Schwiegertochter dem Sohn hinterherschickt. Um ihn zu suchen.

"Solange eine Entscheidung nicht in die Tat umgesetzt wird, bleibt sie hypothetisch, eine Art Gedankenexperiment", gibt die Erzählerin zu Beginn ihrer Reise zu Protokoll. Sie arbeitet als Übersetzerin, sie ist es gewohnt, sich fremde Rollen anzueignen. Und sinniert, welche Kraft Worte haben: "Ja, ich will", ein Ritual, geknüpft an den Akt des Aussprechens. Nun ist sie unterwegs in der Sommerhitze in jenes griechische Dorf, um jenen anderen Satz zu sagen, der den Aggregatzustand einer Beziehung ändert: "Ich will mich scheiden lassen." Nur spricht sie die Worte nicht aus. Denn der, an den sie gerichtet sind, nach fünf Jahren Ehe, er ist nicht da. Und bleibt weg. Bis er tot am Strand aufgefunden wird. Dass es keine Rolle spielt, wie es dazu kam, gehört auch zur Brillanz dieser Story.

Kein Heulen, Toben, Schnauben

Es gibt zwei Kategorien von Liebesromanen: Die einen, die überwiegende Mehrheit, bilden ab, wie zwei Menschen vorsichtig ihre Leben gegenseitig abtasten, um das "Könnte" auszuloten. Die anderen nehmen die Geschichte auf, wenn sie im schmerzhaften "Hätte-Wäre" angekommen ist. Nick Hornby hat diesen Ablösungsprozess in "High Fidelity" mit einem bombastischen Soundtrack erzählt, Siri Hustvedt zeigt im umwerfenden "Der Sommer ohne Männer", wie sich ihre Protagonistin langsam neu definiert. Neben diesen beiden - zugegeben sehr unterschiedlichen - zeitgenössischen Klassikern hat Kitamuras "Trennung" die Chance, die so nüchtern wie sanfte Variante dieser Gattung zu werden.

Kitamura zeichnet nach, wie die Erzählerin sich kreisend zwischen ihrer alten und ihrer neuen Rolle bewegt, Erinnerungen auf überraschende Weise direkt in die Erzählzeit hineinschneidet. Alles ausgerechnet in einem Hotel, diesem Idealtypus von Zwischenraum. Sie lässt ihre Figur ausloten, was sie über ihren Noch-Mann weiß, der "ganz Oberfläche" war, mehr über seine Buchprojekte redete als sie umzusetzen, und was sie nur zu wissen glaubt. Und gibt ihr damit die Chance, sich langsam mit diesem dreifachen Abschied auseinanderzusetzen: von der Ehe, die war; von der, die sie nicht weiterleben wird; und final vom Toten. Das alles ist von einer faszinierenden Ruhe. Schmerz ist da nicht, kein Heulen, Toben, Schnauben. Nein, es ist das überfällige Portrait einer Frau, die stark genug ist, ihre Trennungsgeschichte selbst zu bestimmen. Ein Roman über das Ende einer Ehe und übers Abschiednehmen, ohne einen Hauch Sentimentalität.

Die Realität eines Abschieds bewältigen

Dass diese Geschichte so stark nachwirkt, liegt auch an dem doppelten Boden, den Kitamura einzieht: Mit leichter Hand lässt sie das Sterben dieser Liebe, das Trauern über das vergangene "Wir" widerhallen in der Arbeit griechischer Klageweiber. Die Tante eines lokalen Taxifahrers praktiziert dieses rare Ritual noch, Christophers Recherchen über Trauerrituale mögen ihn deswegen in die Gegend geführt haben, auch das bleibt in der Schwebe.

Als die Erzählerin neben der alten Frau sitzt und zuhört, wie sie sich gegen Geld wiegt und weint, um "dem Leid des Trauernden [...] durch den Körper eines anderen Menschen Ausdruck" zu verleihen, stehen auf einmal Original und Kopie eines Gefühls nebeneinander. Und damit die letztlich tief moralische Frage, welche Phantasie man für sich und andere entwirft, um eine Geschichte abschließen zu können: "Wie und um wen - Ehemann, Exmann, Geliebten, Verräter - würde ich trauern?".

So steht sie dann da, am Ende, wissend um die "Künstlichkeit ihrer Witwentrauer". Wie gut, dass man sich für eine Fiktion entscheiden kann, um die Realität eines Abschieds zu bewältigen. Und wenn es in der Rolle als Klageweib ist.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
YouDrinkCoffee 06.02.2017
1. Herrlich...
das Buch schenke ich meiner Frau zum Geburtstag.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.