"Eheroman": Eine Frau will mehr
Sie fühlen sich nicht ganz wohl in Ihrem Leben? Das geht Ava genauso. Hätte sie doch bloß nicht Danilo geheiratet. Warum? Das erzählt Katrin Seddig in ihrem beeindruckenden "Eheroman".
Geheiratet wird im "Eheroman" erst auf Seite 263. Nur das Paar und seine Tochter finden sich ein. "Ich kann doch nicht immer sagen, das ist meine Freundin", hatte Danilo seinen Heiratsantrag begründet: "Es ist doch besser zu sagen, das ist meine Frau. Meine Frau. Meine Familie. Das klingt für mich richtig. Also, was sagst du?" Die große romantische Liebe ist das nicht. Nicht mehr, vielleicht nie gewesen.
Kennengelernt haben sich Danilo und Ava beim Osterfeuer in einem kleinen Dorf auf dem platten Land Norddeutschlands, irgendwo südlich der Elbe. Ava ist 16, Danilo erst zwölf, hat einen Wuschelkopf und trägt eine dicke Brille. Inständig hofft Ava, dass er niemandem davon erzählt, dass sie sich geküsst haben.
Ein paar Jahre später ist Ava Krankenschwester im Städtischen Klinikum Lüneburg. Der Assistenzarzt, mit dem sie zusammen ist, disqualifiziert sich dadurch, dass er ihr Heimatdorf "urig" findet - und so zieht schließlich Danilo bei ihr ein: Der Junge mit dem "Kroaten-Afro, wenn es so was gibt", der sich angezogen hat "wie Ricardo Tubbs aus Miami Vice", der immer so gerade daliegt beim Schlafen, wie ein Soldat. Da ist er noch Gymnasiast, später studiert er Philosophie, wird dann politischer Journalist.
Katrin Seddig wurde für ihren Debütroman "Runterkommen" 2010 sehr gelobt, nicht zuletzt deshalb, weil sie nichts beschönige. In "Runterkommen" hatte sie das ziemlich gewöhnliche Schicksal einiger Menschen im nichtssagenden Hamburger Mittelschichtsstadtteil Niendorf geschildert, aus wechselnden Perspektiven. In ihrem zweiten Buch, dem "Eheroman", konzentriert sie sich nun auf eine Hauptfigur, Ava Grünebach. Und wieder beschönigt sie nichts.
Mal mit einem Lkw-Fahrer, mal mit einem 70-Jährigen
"Sie hat immer gewusst, dass sie etwas Besonderes ist. Nicht einfach eine Krankenschwester. Nicht einfach eine Mutter. Nicht einfach eine Frau. Sie ist Ava, benannt nach Ava Gardner", sagt sie sich einmal. Dieser Glaube, etwas Besonderes zu sein, der sie schon in ihrem Heimatdorf wissen ließ, dass sie dereinst von dort abhauen würde, dieser Glaube nagt in ihr, lässt sie niemals so ganz zufrieden sein und treibt sie immer mal wieder in Ausbruchsversuche aus der Beziehung mit Danilo: Mal mit einem Lkw-Fahrer, mal mit einem 70-Jährigen, mal mit Danilos bestem Freund. Danilo erduldet alles, die Liebe zu Ava verleiht seinem Leben Stabilität, nach der er sich sehnt; vielleicht weil sein Vater in Kroatien geblieben ist, entweder tot oder abgehauen. Als lebensgroße Nachbildung in Form einer Puppe allerdings ist er auf bizarre Weise allgegenwärtig bei dem jungen Paar.
Ava findet, dass Danilo sich nicht für sie interessiert, sondern nur für sein Studium, seine Arbeit, die Gegenstände seiner intellektuellen Beschäftigung. Es ist der Alltag, der die Beziehung zwischen Danilo und Ava vergiftet, der Job, die Kinder, die Müdigkeit, die Sprachlosigkeit. Man möchte die Figuren schütteln und sagen: Du musst da raus! Und wüsste doch nicht, wo es besser sein könnte. Es ist wie im richtigen Leben: trostlos. Wenn die Kinder traurig sind, kann man sie trösten, bei Erwachsenen gelingt das niemals so ganz.
Dass Katrin Seddig dieser Trostlosigkeit so viele Momente des lakonischen Humors abgewinnt, ist keine kleine Leistung. Sie beschreibt die Verzweiflung und die Hoffnung ihrer Hauptfigur enorm plastisch, vor allem aber auch das Gefühl, das Ava einer Patientin gegenüber einmal so beschreibt: "Wir haben alle unsere Probleme. Aber wir - reißen uns zusammen. Jeden Tag reißen wir uns zusammen." Der Roman endet in der Gegenwart, wieder beim Osterfeuer auf dem Dorf, Ava ist so alt wie die 1969 geborene Autorin.
Der "Eheroman" hat Ansätze zum großen Provinzpanorama, wie es Jan Brandt mit "Gegen die Welt" vorgelegt hat, oder auch zum großen, realistischen Familienporträt, wie es in der Folge von Jonathan Franzens "Die Korrekturen" so häufig zu lesen war. Dass sich Seddig aber auf Ava beschränkt, verleiht ihrem Buch eine beeindruckende emotionale Tiefe und Genauigkeit. Avas Vater, der im Dorf schon immer als Sonderling galt und seiner Tochter den besonderen Namen aussuchte, hat einen Standardsatz: "Ich fühl mich nicht ganz wohl hier." So geht es auch seiner Tochter, so geht es vielen Menschen oft. Doch ob es anderswo besser ist?
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- Montag, 07.05.2012 – 16:26 Uhr
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- Katrin Seddig:

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