Premiere in Stuttgart Heilig's Krächle oder Gott ist ein VJ

Der für seinen poetischen Eigensinn vielgelobte Regisseur Kay Voges macht in seiner Stuttgarter Inszenierung "Das 1. Evangelium" aus der Jesusgeschichte grandioses Bildertheater - aber was hat er zu erzählen?

Szene aus "Das 1. Evangelium"
JU

Szene aus "Das 1. Evangelium"


Oberammergau ist jetzt in Stuttgart. Im Stuttgarter Staatstheater, das vor einigen Jahrzehnten mal richtig berühmt war, hat der Regisseur Kay Voges am Freitagabend auf der Bühne die Geburt und das Leiden gleich mehrerer männlicher und weiblicher Jesusfiguren gezeigt. Er hat das "Vater unser" beten lassen. Es wurde mit Blut und Dornenkronen hantiert und unter anderem in einem amerikanischen Diner herumgesessen. Das Diner trug den Namen "Paradise" und sah aus, als hätte es Edward Hopper gemalt. Dazu wurden Texte und Spruchweisheiten von Joseph Beuys und der Band R.E.M. gereicht. "Das 1. Evangelium, frei nach dem Matthäus-Evangelium", nennt Voges die theatralische Beschäftigung mit Glauben und Glaubenskrise im Jahr 2018.

Voges ist bekannt als eigensinniger Bilderträumer unter den deutschen Theaterregisseuren. Vergangenes Jahr war er mit der Dortmunder "Borderline-Prozession", einer Bild-und-Musik-Installation aus hochinteressanten Ansichten zum Leben moderner Großstadtneurotiker, beim Berliner Theatertreffen zu Gast. Nun eifert er in Stuttgart dem Filmregisseur Pier Paolo Pasolini nach, der im Jahr 1964 das von Matthäus überlieferte "1. Evangelium" karg und monumental in Schwarzweiß irgendwo im sizilianischen Bergland verfilmt hat. Voges setzt grellbunte Visionen aus Amerika und aus Hollywoodfilmen dagegen - und lässt dazu außer Johann Sebastian Bachs "Matthäus-Passion", aus der sich schon Pasolini bedient hat, unter anderem schön laut Musik von Alice in Chains spielen.

Das Making-of eines Jesusfilms

Die Bühne in Stuttgart ist ein unablässig rotierendes Karussell. Neben dem Paradise-Diner steht darauf ein geräumiger Wohnwagen, über dem in roter Leuchtschrift "Theatre" zu lesen ist; ein paar Meter weiter blickt man in ein Krankenzimmer, in dem eine rothaarige Krankenschwester mit Augenklappe zugange ist, als sei sie einem -Quentin Tarantino-Film entsprungen; ein Podest mit ein paar Säulen und Feuerschalen markiert das Portal des römischen Palasts, vor dem Pontius Pilatus auftritt. Am linken Bühnenrand steht ein schrottreifes Auto unter zerzausten Palmen, an der Rampe rechts ragt das Gestänge eines umgekippten Supermarkt-Einkaufswagens in die Luft.

In und über diese Sehnsuchtslandschaft sind drei Leinwände montiert, auf denen wir Filmbilder sehen, die manchmal pompöse Lava- oder Wasserfontänen zeigen und meistens Großaufnahmen des Bühnengeschehens. Zu Beginn wabert Weihrauchduft im Theater, und wir sehen einer Maria-Darstellerin beim Gebären eines blutverschmierten Plastik-Embryos zu, während die Genealogie des Alten Testaments ("Abraham zeugte Isaak, Isaak zeugte Jakob...") aufgesagt wird. Ein Mann, der sich als Regisseur ausgibt (gespielt von Paul Grill) ruft "Cut". Voges gibt also vor, das Making-of eines hollywoodesken Jesusfilms zu präsentieren.

Jesus, Maria und Josef, was für ein Kitsch!

Bald werden, wie in Oberammergau, Standbilder eingerichtet, von der Maria mit dem Heiland auf dem Arm oder vom toten Jesus nach der Kreuzabnahme. Man sieht aber auch eine blonde Diner-Bedienung halbtot auf einer Telefonkabine lagern, einen Superman-Darsteller in voller Montur herumschlendern, einen Kerl im Krankenbett in wilden Zuckungen zappeln. Der Regisseurs-Darsteller Paul Grill und Julischka Eichel als Darstellerin seiner Jesus-Darstellerin flüstern sich auf einem Bett Liebesschwüre zu.

Natürlich staunt man als Zuschauer über diesen fantastischen Bilderrausch. Weil sich aber auch nach einer guten Stunde noch keine Handlung einstellen will, denkt man sich aber auch: Jesus, Maria und Josef, was für ein Kitsch! Der Philosoph Gilles Deleuze wird auf Schrift-Einblendungen und im Programmheft zitiert, wonach christliche Religion und Kino viel miteinander gemeinsam haben und jeweils Kulte seien, "die sich über Kathedralen verbreiten", vom Dichter Rolf Dieter Brinkmann erklingt der Merksatz: "Man muss begreifen, dass 'Leben' Film ist und nichts Natürliches."

Irgendwann lässt Voges seinen Pontius-Pilatus-Darsteller eine schwache Kabarettnummer über die Eitelkeiten des Filmgeschäfts aufführen, weil er offenbar selbst gemerkt hat, dass seine erlösungssüchtige Inszenierung im lärmenden Leerlaufmodus angekommen ist. So überladen die Bilder dieses insgesamt gut zweistündigen Theaterabends wirken, so unterentwickelt ist seine Dramaturgie. Ist Gott ein VJ und jongliert mit bunten Bildern? "Eine Geschichte des Leidens und der Leidenschaft" hatte der Regisseur vor der Premiere angekündigt. Zu sehen ist davon nichts. "Want to Believe" verkünden ein paar Schilder auf der Bühne. Gerade in der merkwürdigen Leere dieses Evangelium-Spektakels manifestiert sich wohl tatsächlich die Sehnsucht des Regisseurs nach einer Kunst und einer Welt, in der das Glauben noch geholfen hat.



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haltetdendieb 20.01.2018
1. Ja, das passt gut in die heutige Theaterlandschaft....
...angucken würde ich es mir wahrscheinlich nicht. Mein Leben ist so schon total bilderüberladen, sei es durch Internet oder Fernsehen. In der Langeweile liegt die Ruhe. Ich muss aber dem Regisseur zugestehen, dass es heute nur noch sehr schwer möglich ist, die Zuschauer wirklich zu interessieren und zum Zuschauen zu bewegen. In der Einfachheit liegt der Luxus heutzutage!
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