"Black Lives Matter"-Protest Die medienwirksamste Bürgerrechtsbewegung seit den 60ern

"Black Lives Matter" wurde in den USA in kürzester Zeit zu einem enormen Erfolg. Warum das funktionierte, beschreibt Keeanga-Yamahtta Taylor in einem kämpferischen Abriss schwarzer Protestkultur.

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Ab welchem Moment Einzelne sich zusammenschließen und politisch aktiv werden, lässt sich nur schwer voraussehen. Dass Afroamerikaner in den USA häufiger zum Opfer von Polizeigewalt werden als alle anderen Bevölkerungsgruppen, ist nichts Neues. Aber erst die über die sozialen Medien verbreiteten Bilder der Erschießung von Trayvon Martin im Februar 2012 und der Freispruch des Schützen George Zimmermann wurden zu Initialzündungen von "Black Lives Matter", der medienwirksamsten Bürgerrechtsbewegung seit den Sechzigerjahren.

Die Serie der durch Polizisten getöteten jungen schwarzen Männer ist seitdem nicht abgerissen. Die Gründe für die zumindest 2016 noch rasante Dynamik der Proteste gehen allerdings tiefer. In ihrem Buch "Von #BlackLivesMatter zu Black Liberation", das in den USA bereits vor der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten erschienenen ist, stellt Keeanga-Yamahtta Taylor, Assistant Professor am Institut für African American Studies in Princeton, die Proteste in Zusammenhang mit der Enttäuschung, die die Regierung Obama für viele bedeutet hat. "Das schwarze politische Establishment, angeführt von Präsident Obama, hat immer wieder gezeigt, dass es nicht fähig ist, die grundlegendste aller Aufgaben zu erfüllen: schwarze Kinder am Leben zu erhalten. Die junge Generation muss das selbst tun."

Ein paradoxer Effekt: Einerseits markierte die Wahl Obamas eindeutig einen Fortschritt. Noch wenige Jahre zuvor wäre ein schwarzer US-Präsident undenkbar gewesen. Zugleich sollte sie ein Symbol dafür sein, dass die USA zu einer Gesellschaft geworden sind, in der Hautfarbe und soziale Herkunft keine Rolle mehr spielen. Wenn ein Schwarzer sogar Präsident werden kann, kann jeder alles werden. Und das Scheitern ist immer Sache des Einzelnen. Ein ideologischer Irrtum, kommentiert Taylor: Konservative wie Liberale "sehen die Wurzeln der Probleme Schwarzer in deren Gemeinden und Familien, anstatt in der gesellschaftlichen Struktur". Obama appellierte beispielsweise in einer Rede an die "abwesenden Väter", erwähnte aber nicht, dass ein großer Teil dieser abwesenden Väter in den Gefängnissen sitzt, was seine Gründe wiederum in den Lebensbedingungen und dem Justizapparat findet.

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Black Lives Matter: Der lange Weg Richtung Gleichheit

Dabei sind die Verhältnisse laut Taylor weitgehend unverändert: "Der Prozentsatz schwarzer Arbeitslosigkeit blieb während der gesamten Amtszeit Obamas zweistellig. Sogar schwarze College-Abgänger sind doppelt so oft arbeitslos wie weiße (...). Seit Obama im Amt ist, fiel das Durchschnittseinkommen Schwarzer um 10,9 Prozent (...). Im selben Zeitraum fiel das Durchschnittseinkommen Weißer um 3,6 Prozent (...)." 27 Prozent der afroamerikanischen Bevölkerung leben laut Taylor in Armut. Über eine Million Afroamerikaner sind inhaftiert und dürfen auch nach ihrer Entlassung nicht wählen.

Kämpferische Geschichtsschreibung

Keeanga-Yamahtta Taylor musste im Juni dieses Jahres Vorträge wegen Morddrohungen absagen, die sie erhalten hatte, nachdem sie Donald Trump in einer Rede vor Studenten einen "rassistischen, sexistischen Megalomanen" genannt hatte. In ihrem Buch betreibt sie eine kämpferische Geschichtsschreibung, die in einem ganz klassischen Sinne aufklärerisch ist: Taylor beschreibt die Kontinuität einer tief verwurzelten Diskriminierung, die in den Schüssen auf unbewaffnete schwarze junge Männer nur ihren drastischsten Ausdruck findet. Es wird nicht über kulturelle Unterschiede oder Identitäten fabuliert, es geht schlicht um die Bedingungen, auf die Menschen stoßen, wenn sie versuchen, ihre Interessen zu realisieren.

Wie diese Bedingungen ausgesehen haben, zeichnet Taylor in einem pointierten Durchgang durch die Geschichte der Segregation und der politischen Kämpfe in den USA nach - von der Bürgerrechtsbewegung über den unverhohlen rassistischen Wahlkampf Nixons, der den Rollback einläutete, und den Abbau des Sozialstaates seit Ronald Reagan, bis hin zur Wirtschaftskrise von 2008, deren Auswirkungen die afroamerikanische Bevölkerung ungleich härter getroffen haben als die weiße.

Die Gratwanderung zwischen historischer Analyse und politischer Streitschrift gelingt, auch wenn Leerstellen bleiben und Ambivalenzen, wie etwa die Gewaltrhetorik der Black Panther, nicht thematisiert werden. Ein pessimistisches Buch ist "Von #BlackLivesMatter zu Black Liberation" nicht. Im Zentrum steht der Protest, und der entscheidet laut Taylor, was eine Minderheit ertragen muss und was nicht: "Ob sich Rassismus öffentlich zeigen kann, hängt von der Stärke der antirassistischen Bewegung ab." Es werden Dinge in Erinnerung gerufen, geglückte Revolten, die heute kaum mehr präsent sind - der Poststreik von 1970 zum Beispiel, der größte wilde Streik in der Geschichte des Landes, der das Postwesen der USA in weiten Teilen lahmlegte und laut Taylor maßgeblich von Schwarzen angeführt wurde, die im Niedriglohnsektor traditionell überproportional stark vertreten sind.

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Keeanga-Yamahtta Taylor:
Von #BlackLivesMatter zu Black Liberation

Aus dem Englischen von Gabriel Kuhn

Unrast Verlag; 296 Seiten; 19,80 Euro

Taylor geht es um einen Universalismus, der sich von den aktuellen Debatten um kulturelle Identität abgrenzt. In der Situation der Schwarzen in den USA zeige sich das Wesen des Kapitalismus nur in besonders deutlicher Weise. "Identität" ist dementsprechend nicht kriegsentscheidend: "Weiße Arbeiter*innen müssen verstehen, dass auch sie Armut und Bitterkeit nicht entkommen werden, wenn sie sich den Kämpfen schwarzer Arbeiter*innen nicht anschließen - auch wenn ihr Leben immer noch etwas besser als das schwarzer Arbeiter*innen sein mag."

Das lässt sich verallgemeinern. In Zeiten, in denen der Wohlfahrtsstaat weiter runtergefahren wird und die sozialen Spannungen zunehmen, funktioniert die Verachtung einer Minderheit, der es immerhin noch schlechter geht als einem selbst, ausgezeichnet als Blitzableiter. Keeanga-Yamahtta Taylor geht es um den Moment, in dem diese Spaltung nicht mehr greift und die vermeintlich anderen sich in ihren gemeinsamen Interessen als Gleiche erkennen.

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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
unky 14.07.2017
1. Das gilt überall
Zitat: "Das lässt sich verallgemeinern. In Zeiten, in denen der Wohlfahrtsstaat weiter runtergefahren wird und die sozialen Spannungen zunehmen, funktioniert die Verachtung einer Minderheit, der es immerhin noch schlechter geht als einem selbst, ausgezeichnet als Blitzableiter. Keeanga-Yamatha Taylor geht es um den Moment, in dem diese Spaltung nicht mehr greift und die vermeintlich anderen sich in ihren gemeinsamen Interessen als Gleiche erkennen." Nach diesem Prinzip entstehen die sozialen Spannungen überall - auch in Deutschland. Und anstatt sich zu solidarisieren, kultivieren viele der Abgehängten ihre Ressentiments gegenüber den "Anderen", den "Fremden". Teile und herrsche - diese Strategie der herrschenden Kreise hat schon immer funktioniert.
de_populist 14.07.2017
2.
BLM ist keine Bürgerrechtsgruppe, sondern sie ist einach nur bescheuert genauso wie Third-Wave Feminismus.
brazzo 14.07.2017
3. @uzsjgb
Also wenn ich mir die beiden Beiträge so anschaue, sind es eher Sie, welcher hier mit Hetzparolen arbeitet.
W/Mutbürger 14.07.2017
4. Die These
ist nicht krude, sondern Realität. Oder glauben Sie tatsächlich, dass Rassismus ausschliesslich eine "weiße" Eigenschaft ist? Wenn ja, haben Sie sich gerade erfolgreich in die Reihen der Rassisten eingereiht.
rjb26 14.07.2017
5. was ist passiert?
spon schreibt schon wieder nicht im Sinne der Merkel Gang
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