Memoiren von Kim Gordon Sex verkauft auch Noise

Mit "Girl in a Band" legt Sonic-Youth-Bassistin Kim Gordon ihre Autobiografie vor. Wer Einblicke in die Geschlechterverhältnisse im Rock-Business erwartet, wird enttäuscht. Dafür gibt's viel Klatsch - und eine Abrechnung mit Ex-Mann Thurston Moore.

Getty Images

Von Christiane Rösinger


Wenn in dieser Woche die deutsche Übersetzung von Kim Gordons Autobiografie "Girl in a Band" erscheint, dürften sich gleich mehrere Generationen von Musikfans auf das Buch stürzen. Schließlich ist die ehemalige Bassistin und Sängerin von Sonic Youth einer der einflussreichsten weiblichen Rockstars der Musikgeschichte.

Sonic Youth gründeten sich 1981 in New York als avantgardistisches Noise-Projekt in der Zeit des Übergangs von Punk zu New Wave. Mit ungewöhnlichen Gitarrenstimmungen, brachialen Soundexperimenten, ausgedehnten Feedbacks und dem Verzicht auf herkömmliche Songstrukturen kreierten Sonic Youth ein unverwechselbar dissonantes Klangbild. Ihren Durchbruch feiern sie 1988 mit dem stilbildenden Doppelalbum "Daydream Nation". Als ihre Schützlinge, die bis dato unbekannten Nirvana, mit ihrer Hilfe beim Major Label Geffen landeten und die Charts eroberten, galten Sonic Youth endgültig als Paten des Alternative Rock.

Kim Gordon erzählt die Geschichte der Band vom Ende her und beginnt mit dem letzten Sonic-Youth-Konzert in Itu, Brasilien, und der bizarren Situation, mit dem zukünftigen Ex-Mann auf der Bühne zu stehen, aber nicht mehr mit ihm zu reden.

Kunst, Alltag und Familie werden eins

27 Jahre waren Kim Gordon und Gitarrist Thurston Moore verheiratet, die Trennung im Jahr 2011 war ein Schock für viele Fans. Schließlich galten die beiden als das Vorzeigepaar des Indierock, eine moderne Version des romantischen Künstlerpaares, bei dem Kunst, Alltag und Familie eins werden.

Am interessantesten ist "Girl in a Band" aber, wenn es nicht um Musik und zerbrochenes Eheglück, sondern um Gordons Kindheit und Jugend in Los Angeles geht. Als weißes Mittelschichtsmädchen aus Südkalifornien spürte sie "eine besondere Art von Unbehagen aufgrund des ständigen Drucks, glücklich zu sein, neu zu sein, zu lächeln. Und unter alledem Schatten und Risse und Brüche - der pure Freud'sche Todestrieb."

Kalifornien ist in ihren Teenagerzeiten ein Ort des Todes, umso mehr seit den Morden der Manson Family und den Toten des Altamont-Konzerts 1969. Von den Sechzigerjahren in Los Angeles springt die Autorin immer wieder ins New York der Achtziger und die Gegenwart, da fällt es mitunter schwer im Rhythmus der Erzählung zu bleiben. Schlüsselmomente werden mehrfach angekündigt und Pointen vorweggenommen, aber um Pointen oder Humor geht es in "Girl in a Band" nicht, es ist kein besonders vergnügliches Buch. Kunst und Indierock sind schließlich ernste Angelegenheiten.

Billy Corgan? Heulsuse

Der Buchtitel bezieht sich auf die von Musikjournalisten immer wieder gestellte Frage, wie es so sei als "Frau in einer Band" zu spielen. Wer aber von Gordon eine tiefergehende Analyse oder Beschreibung der Geschlechterverhältnisse in der Popkultur erwartet, wird enttäuscht. Immerhin erfährt man, dass auch bei Sonic Youth das Styling den Marktmechanismen unterworfen wurde: "Mitte der Neunzigerjahre freundete ich mich langsam mit einer neuen Idee an: Wenn man sich sexyer anzog, konnte man dissonante Musik leichter verkaufen."

Von den typischen Euphoriemomenten junger Bands erzählt sie wenig. Selbst die ersten Konzerte in Moskau und Japan hören sich bei ihr nach Rockroutine an. Vielleicht weil Gordon mehr in der Kunst- als in der Musikszene zu Hause ist. Seitenlang berichtet sie, welche Künstler sie persönlich kennt: Mike Kelley, Raymond Pettibon, Dan Graham, Richard Price, Gerhard Richter, sogar in Cindy Shermans Wohnung hat sie eine Zeit lang gelebt.

Die Klatsch- und Tratschgeschichten aus der Rockwelt hingegen überraschen kaum: Kurt Cobain war hochsensibel, Courtney Love eine gestörte, unerfreuliche Person, Billy Corgan von den Smashing Pumpkins eine Heulsuse, Neil Young hingegen sehr kollegial und ein rundum feiner Mensch.

Vom Groupie flachgelegt

Die letzten Kapitel ihrer Memoiren hat Gordon der Trennung gewidmet, deren Analyse sie bereits auf den ersten Seiten geliefert hatte: "Ein weiteres typisches Beispiel für eine gescheiterte Ehe: ein Mann mit Midlife-Crisis, eine andere Frau, ein Doppelleben." Nun legt sie mit Details nach und lässt uns an den unwürdigen Szenen ihrer Ehe teilhaben - und da ist die coole Bassistin verständlicherweise gar nicht mehr cool, sondern eine betrogene Ehefrau, die Mails und SMS ihres Mannes kontrolliert und dabei immer neue Lügen und Geheimnisse entdeckt.

Und so ist "Girl in a Band" nicht nur Musikerinnenbiografie, sondern auch Abrechnung. Die Welt soll wohl wissen, dass Gitarrengott Thurston Moore sich von einem verrückten Groupie aufs Kreuz hat legen lassen und dadurch seine Band und seine Familie verlor. Von Vergebung keine Spur.

Im Schlusskapitel blickt sie dennoch hoffnungsvoll in die Zukunft, sie hat ihre Karriere als Künstlerin mit Ausstellungen in Berlin, Los Angeles und London wiederbelebt und sich mit einer neuen Band, dem Duo Body/Head, weiterhin dem exzentrischen Noiserock verschrieben.

Das Buch endet recht unvermittelt mit einer Knutsch- und Fummelszene im Auto, die eher peinlich berührt, und Gordons Feststellung, dass sie nach der Trennung und dem Ende der Band wohl ein anderer Mensch ist.

Kim Gordon war stets ein role model für jüngere Frauen und Musikerinnen und nach der Lektüre von "Girl in a Band" wünscht man sich, dass sie in Zukunft ein role model für Altersgenossinnen werden könnte: 60, Single und glücklich mit vielen Freunden und interessanten neuen Musik- und Kunstprojekten.

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insgesamt 4 Beiträge
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Abel Frühstück 07.04.2015
1.
Ich kann zur Übersetzung nichts sagen. Aber "Girl in a Band" ist, obwohl stellenweise auch banal, recht vergnüglich zu lesen. Für viele (u. a. auch mich) sind die frühen, vielfältigen Verknüpfungen zur Kunstszene in Details sicher neu oder nur oberflächlich bekannt. Eine Lektion: Solche Verbindungen entstehen oft schon früh im Leben, wenn alle noch am Anfang stehen. Die privaten Geschichten - nun ja. Andere schreiben es auf Facebook.
rosie_ 07.04.2015
2. DIY in Perfektion
Die Idee vom Punk ist, dass jeder Künstler sein kann. Dass man keine jahrelange Ausbildung braucht sondern einfach macht was man gerade machen will, und das man es vor allem selbst macht. Dieses Konzept hat sie ja anscheinend perfekt umgesetzt. Kann man eigentlich nur sagen: Hut ab!
Linus Haagedam 07.04.2015
3. egal
Kim Gordon war mit Sonic Youth für mich ein wesentlicher, prägender Teil meines Lebens. Nicht weniger - aber auch nicht mehr. Dass sie als verletzter Mensch mit einem gewissen Geltungsdrang (den alle Künstlerinnen und Künstler haben) ein womöglich nicht umwerfend großes Buch schreibt - geschenkt. Es stellt sich im Rückblick halt immer wieder heraus: Es gibt nur eine kurze Phase im Leben von (manchen) Bands und Musikerinnen/Musikern in der sie eine Relevanz haben. Meistens indem sie das Lebensgefühl von Jugendlichen (selten einer "Generation", gelegentlich auch von Älteren) ausdrücken, beeinflussen und so auch gesellschaftliche und künstlerische Bedeutung erlagen. Die allerwenigsten können es bei dieser Phase belassen, da Musik ihr Leben und ihr Broterwerb ist und kommerzieller Erfolg oft auch erst nach dieser Phase kommt. Viele Künstler verkaufen ihre Musik erst richtig, wenn ihre Zeit eigentlich schon abgelaufen ist. Bei Sonic Youth waren es immerhin gut 10 Jahre von Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre (Evol, Sister, Daydream Nation, Goo, Dirty), in denen sie diese Relevanz hatten. D.h. nicht, dass sie danach gleich ihre Berechtigung verloren haben (das beste Konzert, dass ich jemals gesehen habe, waren Sonic Youth 2005 in Berlin und auch The Eternal fand ich noch ziemlich gut) - aber das gesellschaftlich elektrisierende, die Aktualität der Fragestellung ist halt bei Rockmusik irgendwann nicht mehr gegeben (und dabei kommt es nicht darauf an, wann der Einzelne es entdeckt. Mich hat der Punk der Jahre 75-77 irgendwann Ende der 80er elektrisiert - nicht aber ehemalige Punkbands, die Ende der 80er noch auftraten). Rockmusik lebt von der Aktualität und von dem Moment, sie ist eine Kunstform, die aus Musik, Text - aber auch aus Stil und Haltung (zu den aktuellen Dingen und Themen) besteht und damit flüchtig. Kurz: Kim Gordon bleibt, die Zeit ihrer Kunst war aber schon seit längerem vorbei. I know a secret or two about Goo She won't mind if I tell you She likes to wear green underwear And lays down almost anywhere
Linus Haagedam 07.04.2015
4. äh, nein.
Zitat von rosie_Die Idee vom Punk ist, dass jeder Künstler sein kann. Dass man keine jahrelange Ausbildung braucht sondern einfach macht was man gerade machen will, und das man es vor allem selbst macht. Dieses Konzept hat sie ja anscheinend perfekt umgesetzt. Kann man eigentlich nur sagen: Hut ab!
und zwar weder noch.
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