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Kinder-Sachbücher: Wenn die Motte tanzt

Von

Kinder-Sachbücher: Bescheuerte Hühner Fotos
Aleksandra & Daniel Mizielinska/ Moritz

Was machen die Luchse im Harz? Und wieso flattern Nachtfalter zum Licht? Drei zauberhaft illustrierte Bilderbücher betrachten die Welt mit den Augen der Kinder.

Es ist ja schon schwer genug, einem kleinen Kind zu erklären, was eigentlich eine Stadt ist und wo der Unterschied zwischen Berlin, Köln und München liegt. Aber wie erklärt man, was Deutschland für ein Land ist? Oder Finnland? Oder Tansania?

Bei diesen Fragen hilft jetzt das ungewöhnliche, großformatige Landkartenbuch "Alle Welt" der Illustratoren Aleksandra Mizielinska und Daniel Mizielinski, die auch schon mit "50 Geschichten aus Mamoko" ein lustiges und originelles Wimmelbuch im Krickelkrackel-Stil gezeichnet haben. "Alle Welt" versammelt auf Karten, was ein Land kennzeichnet und was Kinder an diesen Ländern interessiert. Es beginnt mit einer Weltkarte, auf der auch Piratenschiff, Galapagos-Riesenschildkröte und Delfine zu finden sind, erklärt dann Europa und die es umgebenden Meere, stellt anschließend Länder aller Kontinente vor und endet bei Arktis und Antarktis, bei den Expeditionen von Robert F. Scott und Roald Amundsen.

Vorstellen heißt in diesem Fall: Menschen, Tiere (auch seltsame wie der Pyrenäen-Desman), Pflanzen, Städte, Berge, historische Persönlichkeiten, Nationalgerichte und beliebte Sportarten sind als kleine Zeichnungen auf den doppelseitigen Karten zu erkunden. Sie sind Ausgangspunkt für die Geschichten, die Eltern beim gemeinsamen Betrachten mit den Kindern erzählen können.

Anhand der Schweiz-Karte kann man beispielsweise etwas über die gefährliche Besteigung der Eiger-Nordwand oder über die Aufgaben des Internationalen Roten Kreuzes lernen. Oder man kann sich die Deutschland-Karte vornehmen und über Strandkörbe sprechen, die eine deutsche Erfindung sind, über Luchse im Nationalpark Harz, über Steinkohle und die Gebrüder Grimm. Für Eltern ist es dabei amüsant zu analysieren, was die polnischen Illustratoren offenbar für typisch deutsch halten: das Oktoberfest natürlich mit der Maß-schleppenden Blondine, den deutschen Schäferhund und die Namen Leonie und Lukas.

"Mein erstes großes Buch von der Natur"

"Frrratt! Frrrratt! Irgendetwas schlägt gegen die Glühbirne, flattert und flirrt." Und was? Eine Motte natürlich, erklärt "Mein erstes großes Buch von der Natur". Geschrieben hat die Texte die britische Zoologin Nicola Davies, die Illustrationen stammen von Mark Hearld. Erschienen ist die deutsche Ausgabe in dem noch jungen und kleinen Aladin-Verlag, der ein ausgesprochen gut ausgewähltes Kinderbuch-Programm anbietet.

Dieses ebenfalls recht großformatige Sachbuch ist in vielem das Gegenteil von "Alle Welt": große, fast wilde Zeichnungen, dazu manchmal literarisch anmutende Texte, wie viele Eltern sie gerne selbst formulieren würden. Begriffe wie Ernte, Blumen oder Honig werden nicht mit wissenschaftlicher Sachlichkeit diskutiert, sondern die Erklärungen orientieren sich an der kindlichen Wahrnehmung der Welt.

Praktischen Nutzwert bietet "Mein erstes großes Buch von der Natur" auch: Es gibt Rezepte für Vogelfutter und Beerenkuchen, Anleitung für Spielen in der Höhle und Unterhaltsames wie "Fünf Gründe, Hühner zu halten", wobei Grund Nummer eins ist, dass Hühner bescheuert aussehen, wenn sie ein Bad im Staub nehmen. Und Grund fünf das herrliche Gefühl, warme Eier aus dem Nest zu holen.

Die Kunst in "Hannas Nacht" besteht im Weglassen

Und noch ein Buch muss erwähnt werden, das eigentlich nicht in eine "Tageskarte" über Sachbücher gehört, denn es ist ein fiktionales Bilderbuch für Kleinkinder: "Hannas Nacht" von Komako Sakai. Aber das Bilderbuch ist so zauberhaft, dass es einfach erwähnt werden muss: "Hannas Nacht" kommt mit wenigen Sätzen aus, die einfach und sachlich sind und gerade deshalb so viel Platz für Phantasie lassen.

"Eines Nachts, als Hanna aufwachte, war es draußen noch ganz dunkel und still." Das kleine Mädchen steht auf, geht zur Toilette, isst etwas, schaut aus dem Fenster, spielt mit dem Spielzeug der großen Schwester, schläft irgendwann wieder ein. Was sie dabei empfindet, ist ausgespart, und genau das macht dieses Bilderbuch so außergewöhnlich: Es ist nicht beschrieben, dass ein kleines mutiges Mädchen nachts keine Angst hat vor Schatten oder vor Eckenmonstern. Die große Kunst dieses mit fremd-poetischem Pinselstrich gemalten japanischen Buches besteht im Weglassen. Denn das erzählt am meisten.


Buchangaben:
Aleksandra Mizielinska und Daniel Mizielinski: Alle Welt - Das Landkartenbuch. Aus dem Polnischen von Thomas Weiler. Moritz-Verlag, Frankfurt/Main; 110 Seiten; 26 Euro.
Nicola Davies: Mein erstes großes Buch von der Natur. Illustriert von Mark Hearld. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Aladin-Verlag, Hamburg; 108 Seiten; 24,90 Euro.
Komako Sakai: Hannas Nacht. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Moritz-Verlag, Frankfurt/Main; 40 Seiten; 12,95 Euro.

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insgesamt 2 Beiträge
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    Seite 1    
1. Mögen sollen
taglöhner 18.09.2013
So reizend die Sachdarstellungen und Illustrationen auch sind: Mir drängt sich der Eindruck auf, dass gerade diese Bücher mehr das darstellen, was Mami und Papi schön und süß finden anstatt, wie behauptet, die Welt mit den Augen der Kinder zu sehen.
2. optional
Sentimenta 18.09.2013
Kinderbücher müssen nunmal vor allem den Eltern gefallen. Seien wir ehrlich: Gerade solche Wimmelbücher oder oben gezeigte Landkarten sind nichts zum alleine "lesen" und auch nicht unbedingt das "was Kinder an diesen Ländern interessiert". Sie werden erst dann interessant, wenn sich Eltern zu ihren Kindern setzen und solche Bücher gemeinsam ansehen und durchsprechen. Dann sind sie auch wirklich wertvoll.
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