Kinder und Karriere: Wie viel passt in ein Leben?

Von Anke Dürr

Die Star-Anwältin und sechsfache Mutter Juliane Kokott muss jeden Schritt minutiös durchplanen. Akten lesen, Liebe geben, Berlusconis Gesetze anfechten, Windeln wechseln und auf Empfängen tanzen - eine Geschichte über den Alltag einer Superfrau.

Die Woche beginnt für Juliane Kokott am Montag um sechs. Eigentlich hat sie sogar schon zwei Stunden früher begonnen, als ihr jüngster Sohn schrie. Hunger. Zum dritten Mal schon in dieser Nacht. Aber ihr Mann hat das Füttern übernommen, hat dem Baby, das zwischen ihnen lag, schnell eine der bereitstehenden Milchflaschen verabreicht, und alle sind noch mal eingeschlafen.

Anwältin Kokott: "Ich kann gut Kinder kriegen - ich weiß nur nicht wann sie kommen!"
AFP

Anwältin Kokott: "Ich kann gut Kinder kriegen - ich weiß nur nicht wann sie kommen!"

Aber jetzt klingelt Juliane Kokotts Wecker, und sofort steht sie auf und geht ins Bad. Eine Stunde hat sie für sich, um sich fertig zu machen, zu frühstücken und die Zeitung zu lesen. Allein. Um sieben Uhr folgen die anderen, Schlag auf Schlag. Binnen einer Stunde müssen dann sieben Leute, zwei Erwachsene und fünf Kinder, aus dem Haus sein, nur das Baby bleibt da.

Juliane Kokott macht Kaffee, Tee, Kakao, schmiert Frühstücks- und Pausenbrote, hilft den Kleineren beim Anziehen und beim Kämmen. Zum Abschied gibt es einen dicken Kuss: "Tschüs, Mama." – "Tschüs, bis Donnerstag."

Als alle weg sind – Jakob*, 17, Maximilian, 14, und David, 12, im Gymnasium, Marie, 7, in der Grundschule, Katharina, 6, im Kindergarten und ihr Mann auf dem Weg in seine Kanzlei –, geht sie noch mal zu dem acht Monate alten Justus. Er liegt auf seiner Babydecke im Wohnzimmer, von wo aus er auch den morgendlichen Trubel interessiert beobachtet hat, und strahlt sie an.

Dann kommt schon die Kinderfrau, sie reden ein paar Takte, es gibt nicht viel zu besprechen. Monika kennt sich aus. Seit vielen Jahren arbeitet sie bei der Großfamilie, zurzeit hat sie den Montag. Vier andere junge Frauen, die meisten von ihnen wie Monika Studentinnen, arbeiten auch jeweils einen Tag in der Woche im Haushalt. Monika wird bleiben, bis der Vater nach Hause kommt. Heute wird das gegen 19 Uhr sein, aber manchmal ist er auch erst zu Hause, wenn die Kinder längst im Bett sind.

Juliane Kokott holt ihren Rollkoffer und die fünf Aktenordner, die sie bereits gestern Abend bereitgelegt hat, das heißt, eigentlich war es schon Nacht, als sie endlich vom Schreibtisch aufgestanden ist. Das Abendkleid für Mittwoch ist in einem Extrakleidersack verstaut.

Draußen vor dem weißen Stadthaus aus den dreißiger Jahren wartet der Fahrer. Er begrüßt seine Chefin mit wenig mehr als einem Nicken, auch er weiß, was zu tun ist. Juliane Kokott setzt sich in den Fond ihres Dienstwagens, ein silberner BMW, und der Fahrer macht sich auf den Weg nach Luxemburg. Juliane Kokott nimmt den ersten Ordner zur Hand und beginnt zu arbeiten.

Spätestens jetzt ist ihre Verwandlung vollzogen. Aus der Ehefrau und sechsfachen Mutter, die auch im größten Durcheinander niemals nervös wirkt, wird Professor Dr. Dr. Juliane Kokott, Generalanwältin am Europäischen Gerichtshof, eine ganz und gar auf ihre Akten konzentrierte Juristin.

Die 48-Jährige ist eine Ausnahmeerscheinung, in jeder Hinsicht: Die Zahl der Familien mit sechs Kindern wird im Mikrozensus gar nicht ausgewiesen, die Familien mit "fünf Kindern und mehr" machen weniger als ein Prozent aus. Und Juliane Kokotts Posten ist einer der höchsten in Europa, die man als Jurist erreichen kann. Nur acht Generalanwälte gibt es am Europäischen Gerichtshof.

Ein Generalanwalt hat die Aufgabe, die Richter – 25 sind es seit der EU-Erweiterung – mit unabhängigen Rechtsgutachten während eines Verfahrens bei der Urteilsfindung zu unterstützen. Was an dem Job so reizvoll ist? "Ich kann wissenschaftlich arbeiten und nehme gleichzeitig direkten Einfluss auf einen Prozess", sagt Juliane Kokott.

Die Richter müssen der Empfehlung des Generalanwalts zwar nicht folgen, aber sie tun es in ungefähr achtzig Prozent der Fälle. Wie zum Beispiel im sogenannten Manninen-Urteil: Der finnische Aktionär hatte dagegen geklagt, dass er die Gewinne aus seinen schwedischen Aktien doppelt versteuern muss – in Schweden und in Finnland. Ein Verstoß gegen die Kapitalverkehrsfreiheit, befand Juliane Kokott. Das Gericht folgte ihr; Steuerrückzahlungen an Aktionäre in halb Europa waren die Folge.

Auch mit dem italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi legte sie sich an: Der war als Großunternehmer in Italien der Steuerhinterziehung angeklagt worden; kaum wurde er 2002 Ministerpräsident, ließ er die Gesetze zu seinen Gunsten ändern. Geht nicht, sagte Juliane Kokott – und hätte den Regierungschef damit vermutlich hinter Schloss und Riegel gebracht. In diesem Fall allerdings taten die Richter nicht das von der Generalanwältin Empfohlene, sondern erklärten sich für nicht zuständig und verwiesen den Fall Berlusconi einfach wieder zurück nach Italien.

Wenn man solche Geschichten über Juliane Kokott und ihren Job liest, stellt man sich unwillkürlich ein großes, dröhnendes Kraftweib vor. Aber falsch. Auffallend an der Juristin ist erst mal ihre sanfte, leise Stimme – sie könnte Meditationskassetten mit dieser Stimme besprechen. Wenn die schmale Frau einen mit sanftem Händedruck begrüßt, möchte man ihr sofort zwei Fragen stellen: Erstens, wie schaffen Sie das? Und zweitens – aber so was traut man sich natürlich zunächst nicht zu fragen – wieso müssen es so viele Kinder sein?

Montagvormittag, Juliane Kokott kommt vor dem "Entré Thomas More" des Europäischen Gerichtshofes an. Mit der Rolltreppe fährt sie in ihr Büro im ersten Stock. "Cabinet Kokott" steht draußen dran. Sie begrüßt ihre Mitarbeiter, zwei Vorzimmerdamen und vier Referenten. Ein langer Tag mit Aktenstudium und Sitzungen beginnt, selbst zum Abendessen steht Juliane Kokott nicht von ihrem Schreibtisch auf. Sie isst nebenbei ein belegtes Brot.

Spät in der Nacht begibt sie sich nach Hause; sie bewohnt ein kleines Haus nicht weit vom Gerichtshof entfernt. "Die erste Nacht in Luxemburg schlafe ich immer wie ein Stein", sagt sie. Kein Baby, das sie weckt, die Mutterinstinkte sind ausgeschaltet.

Tatsächlich lebt Juliane Kokott, solange sie in Luxemburg ist, das Leben einer Karrierefrau ohne Kinder – das heißt bei ihr, erst kommt die Arbeit und dann lange nichts. Bis Juni 2005 war das allerdings anders: Da wohnten an den Tagen, an denen Juliane Kokott in Luxemburg war (sie versucht, ihre Anwesenheit auf vier Tage die Woche zu beschränken), auch Justus und eine Kinderfrau mit in dem Haus.

Weniger gearbeitet hat Juliane Kokott deshalb allerdings nicht. Sie stillte das Baby morgens und ging dann zum Gerichtshof. Die Kinderfrau brachte den Kleinen zweimal täglich, mittags und abends, zum Stillen im Büro vorbei. So hat sie es mit den meisten ihrer Kinder gehandhabt. Die Kinder hätten diese "Diät", nur dreimal am Tag gestillt zu werden, gut mitgemacht, sagt Juliane Kokott. "Dafür kamen sie dann nachts öfter, aber das war okay."

Es gibt Experten, die vertreten die These, dass in Deutschland auch deswegen so viele Frauen auf Kinder verzichten, weil sie nicht bereit sind, ihr ganzes Leben auf das der Kinder auszurichten. In Deutschland würde diese Opferhaltung von den Eltern, das heißt vor allem von den Müttern, aber erwartet. In Frankreich dagegen sei es normal, dass sich die Kinder nach dem Leben der Eltern richten und nicht umgekehrt.

Juliane Kokott sagt, sie beschäftige sich wenig mit solchen Thesen, habe auch kaum Erziehungsratgeber gelesen, die Ratschläge würden sich eh häufig ändern oder widersprechen. Aber sie scheint sich instinktiv für das französische Modell entschieden zu haben.

Dienstag, 9 Uhr 25, Europäischer Gerichtshof. Die Grande Salle d’Audience sieht mit ihrer niedrigen, holzverkleideten Decke aus wie ein überdimensioniertes Tonstudio, rundherum verglaste Kabinen, in denen allerdings keine Toningenieure sitzen, sondern Dolmetscher, für Deutsch, Spanisch, Lettisch und so weiter, einige Kabinen bleiben heute leer.

Auf den Zuschauersesseln sitzen in breiten Reihen Besuchergruppen, ein grüner Punkt am Revers kennzeichnet die griechischen Jurastudenten, die deutschen Rentner haben gelbe Punkte. Um 9 Uhr 32 ertönt ein elektronischer Gong, "La Cour" wird angekündigt. Die Zuschauer erheben sich, und durch die Doppeltür aus rötlichem Edelholz auf der Rückseite des Raumes treten die Mitglieder der Großen Kammer ein, dreizehn Richter in dunkelroten Roben, allesamt grauhaarig oder mit Glatze.

Fast gleichzeitig öffnet sich auch die kleinere Tür links daneben, und Juliane Kokott tritt ein. In der weiten Robe wirkt sie noch schmaler, die blonden Haare sind auf der linken Seite etwas zerzaust, das Gesicht hinter der Brille mit dem schmalen grünen Metallrand ist ungeschminkt. Sie wirkt mädchenhaft, niemals würde man auf die Idee kommen, dass sie achtundvierzig Jahre alt ist.

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