Kinderbücher Biller, Bella und die Wunschbox

Kinderbücher können entsetzlich nerven. Umso besser, dass nun auch gestandene Literaten das Genre für sich entdecken. Jüngstes Beispiel ist Maxim Biller. Sein Buch "Ein verrückter Vormittag" zeigt Berlins Lieblingspolemiker von einer ganz neuen Seite.

Von Silja Ukena


Es gibt eine Aufforderung aus dem Repertoire unserer Kinder, die wir als bildungsfreudige Eltern ausgesprochen gerne hören: "Noch mal lesen!", heißt sie und kann bis zu 200-mal wiederholt werden, bevor die Geschichte für langweilig befunden wird. Andererseits gibt es trotz des boomenden Marktes nicht allzu viele Kinderbücher, die man tatsächlich so oft vorlesen kann, ohne wachsenden Hass auf den Autor zu entwickeln oder ihm vor Langeweile unschöne Dinge an den Hals zu wünschen.

Biller-Kinderbuch "Ein verrückter Vormittag": Auf eine freundliche Art sehr lustig

Biller-Kinderbuch "Ein verrückter Vormittag": Auf eine freundliche Art sehr lustig

Eine Lösungsmöglichkeit sind dann Bücher, an denen man selbst auch ein Interesse hat, zum Beispiel weil der Autor normalerweise für Erwachsene schreibt.

Davon gibt es überraschend viele: Navid Kermani etwa, in den Feuilletons eher als Spezialist für den Islam und das Arabische bekannt; die knallharte Realistin Karen Duve oder auch Felicitas Hoppe, Thomas Lehr, Tanja Dückers, Monika Czernin, Gila Lustiger. Die Reihe erweitert hat soeben Maxim Biller, den man vielleicht am wenigsten unter diesen Autoren erwartet hätte.

Als Literaten werden sie meist für etwas gefeiert, das in Kinderbüchern möglichst gar nicht, oder zumindest nicht so deutlich vorkommt: literarisches Schwergewicht (Lehr), Nazis und Judenverfolgung (Dückers, Lustiger) oder wohl plazierte Bösartigkeit (Duve). An die Zumutungen des Daseins sollen unsere Kinder schließlich langsam herangeführt werden. Was aber bleibt beispielsweise von Maxim Biller übrig, wenn er einfach eine nette Geschichte erzählen soll?

"Ein verrückter Vormittag" heißt das Buch, in dem sich das Mädchen Bella Sonnenschein dank einer herbeigezauberten, zauberhaft rosafarbenen Wunschbox in die glückliche Lage versetzt sieht, sich alles, absolut alles wünschen zu können. Also wünscht sie sich, dass ihre Eltern noch ein bisschen länger schlafen (woran man schon sieht, dass es sich um ein sehr unwahrscheinliches Kind handelt) und macht sich dann auf eine weite Reise, die unter anderem zum Meeresboden führt.

Da aber die hübsche Wunschbox auch nur eine Maschine ist, gibt es eine Panne, und plötzlich hängt Bella auf dem Planeten Elektra fest, der Heimat aller Roboter. Das Fazit am Ende lautet in etwa, dass eine selbst verdiente Eiswaffel tausendmal besser schmeckt als hundert gewünschte Eiswaffeln.

Geschrieben ist das sehr schön, und - um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen - zeigt Maxim Biller von einer Seite, die in seinem jüngsten literarischen Buch "Liebe heute" auch schon einmal kurz aufschien: die Fähigkeit, auf eine freundliche Art sehr lustig zu sein. Das passt natürlich nicht zu seinem sorgsam gepflegten Image vom Schnauzer tragenden Berlin-Mitte-Boy, steht ihm aber ganz gut. Kindern sind solche Überlegungen natürlich wurst. Sie denken lieber darüber nach, wie es wäre, wenn alle Wünsche in Erfüllung gingen. Und dann sagen sie: "Noch mal lesen!"

P.S. Unbedingt erwähnt werden müssen noch die wunderbaren Illustrationen von Witalij Konstantinow. Sie erzählen die Geschichte dezent, aber mit vielen witzigen Details, die man erst mit der Zeit zu entdecken lernt.


Kinderbuch Maxim Biller: "Ein verrückter Vormittag". Illustriert von Witalij Konstantinow. Bloomsbury, Berlin; 32 Seiten; 10,90 Euro. Ab 6 Jahren.



insgesamt 2 Beiträge
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Jeeeves 28.07.2008
1. Billiger
Biller ist Berliner? Ich dachte, Münchner. Er ist Polemiker? Achwas!? Ich bin allerdings Berliner, seit 63 Jahren. Und mein "Berliner Lieblingspolemiker" ist Wiglaf Droste, dem Herr Biller nicht das Wasser reichen kann. Auch Max Goldt, Henschel, Klaus Bittermann, etc. wunderbare Polemiker. Aber der peinliche Biller? Himmelhilf.
Pablo alto, 28.07.2008
2. Phantom-As
Zitat von JeeevesBiller ist Berliner? Ich dachte, Münchner. Er ist Polemiker? Achwas!? Ich bin allerdings Berliner, seit 63 Jahren. Und mein "Berliner Lieblingspolemiker" ist Wiglaf Droste, dem Herr Biller nicht das Wasser reichen kann. Auch Max Goldt, Henschel, Klaus Bittermann, etc. wunderbare Polemiker. Aber der peinliche Biller? Himmelhilf.
Und ich hätte geschworen, er sei Hamburger. Wie man sich irren kann. Aber war der nicht mal bei der hiesigen "Szene" mit 'nem monatlichen Kolümnchen? "100 Zeichen Spaß" oder so ähnlich. Nun, des Rätsel Lösung: Er ist Prager.
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