"Kranke Comics" Eine absurde Menge geballter Dreck

Niedliche Bärchen drucken die versautesten Comics: Klaus Cornfields grauenhaft gute Comics erscheinen jetzt im Sammelband - "für keine Altersgruppe empfohlen" und mit reichlich Abspritzgeräuschen.

Klaus Cornfield/ Weissblech Comics

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Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Also, jetzt wird's richtig heftig. Sogar regelrecht widerlich. Ekelerregend. Aber trotzdem: gut. Und auch sehr, sehr komisch. Schon gut, das klingt unglaubwürdig, doch ich versichere: Das geht, wenn auch nicht oft.

Beispielsweise im soeben völlig unerwartet erschienenen Sammelband der "Kranken Comics" von Klaus Cornfield. Der Verlag "Weissblech Comics" hat die in den Neunzigerjahren veröffentlichten acht Hefte wieder herausgebracht, das nie erschienene neunte Heft und ein paar Bonusspezialitäten dazugeheftet, mit bewundernswerter Risikobereitschaft: Denn rein unternehmerisch muss das Projekt ein Wagnis sein, die "Kranken Comics" sind nichts weniger als eine grenzenlose Zumutung.

Langweilige Comics kauft keiner

Die Handlung ist dabei immer ähnlich: Die süßen kleinen Verlegerbärchen Fou-Fou und Ha-Ha aus der verträumten Stadt Fürth wollen liebe, langweilige Comics verlegen, wie etwa "Fifi backt Brot". Leider kauft das keiner, weshalb sie aus Geldnot Geschichten aus dem Leben ihrer bizarren Bekannten drucken müssen.

Dazu gehören Leute wie der Schläger Sir Angry, der Pornoproduzent VJ Slam, sein Darsteller Slupi, die Nutte Nini, der Junkie Björn, der Idiot Klobert, der kiffende Schnorrer Bernd, die dämlich-geilen Zwillinge Irmi und Schirmi, Akne-Jürgen und ähnliche Gestalten, ich kenne keinen Comic mit einer gruseligeren Belegschaft.

Tja, und dann - wie soll man beschreiben, was dann passiert? Stellen Sie sich vor, man hält Fix und Foxi 72 Stunden lang wach, ernährt sie ausschließlich mit Kokain und Viagra und lässt sie dann los. Aber richtig.

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"Kranke Comics": Eine grenzlose Zumutung

Letzteres ist bedeutend, weil Cornfield viel weiter geht als nur irgendwelche frechen Vögeleien zu pinseln. "Krank" ist die Mission und Cornfield nimmt sie todernst. Dreckig ist gar kein Ausdruck, nicht nur im übertragenen Sinn: VJ Slams Lieblingsdarsteller Slupi etwa ist alles andere als reinlich, und das zeichnet Cornfield in allen Details, mit Arschhaaren und Klopapierresten. Wenn der Heroinvorrat zur Neige geht, werden die Käfer aus der schimmligen Wand im Mixer verflüssigt und dann gespritzt. VJ Slams Drogenversteck liegt tief in der enormen Vagina der "hässlichsten Nutte der Welt".

Es gibt keinen Eiterpickel, der Akne-Jürgen nicht im unpassendsten Moment aufplatzt, und ich bin hier noch zurückhaltend. Es wird ohne Unterbrechung gefickt, gepisst, geschissen. Cornfield zeigt, was Hemmungslosigkeit wirklich bedeutet, er löst die Handbremse nicht nur, er schmeißt sie aus dem Fenster, zusammen mit dem Erste-Hilfe-Kasten, dem Sicherheitsgurt und dem Warndreieck. Aber zugegeben, Provokation gibt's ja öfter - warum sind ausgerechnet die "Kranken Comics" auch gut?

Erstens ist das ganze keine verklemmte "Liebesgrüße aus der Lederhose"-Angelegenheit, denn der ganze nackte Wahnsinn ist trotz seiner Detailtreue als Porno völlig ungenießbar. Zweitens ist Cornfield in seinem Witz genauso erbarmungslos wie in seiner Sudelei: Wenn der süchtigen Hure Nini zu ihrer erneuten Schwangerschaft mit der Nadel im Arm nur einfällt: "Fuck, jetzt darf ich wieder für zwei drücken", dann kapitulieren bei mir einfach sämtliche Filter im Kopf unter der schier absurden Menge geballten Drecks.

Klaus Cornfield
Klaus Cornfield

Klaus Cornfield

Fassungslosigkeit angesichts der überbordend kranken Fantasie

Dazu kommt die Fassungslosigkeit angesichts dieser überbordend kranken Fantasie. Sir Angry lässt Björn seine Schulden abarbeiten, indem er ihn als künstlichen Hasen auf der Windhundrennbahn mit dem seltenen Geräusch "Draufsteck" anal befestigt. Oder etwas harmloser: VJ Slams Darsteller macht schlapp, also zieht sich VJ eine gewaltige Ladung Koks rein und stellt sich der enormen Aufgabe, "99 Cumshots" zu liefern. Die kommen auch, Panel für Panel liefert Cornfield sie, mit Abspritzgeräuschen wie SUPP, FLENZ, BORAK oder FLECKMACH.

Vielleicht liegt es aber auch an diesem unglaublichen Gegensatz: Cornfield, eine höfliche, beinahe zierliche Person, gilt gemeinhin als gutartig und ist auch von normalen Menschen wohlgelitten. Beim durchaus anständigen Jaja-Verlag hat er eben "Pizza für Plüschohren" herausgebracht, ein kleines, hundertprozentig sexloses Kochbuch der wehleidigen Verlegerbärchen. Er war in den Neunzigern Kopf der tadellosen Indie-Kapelle "Throw That Beat in the Garbagecan". Und hier findet sich möglicherweise auch der Schlüssel zum Rätsel.

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Klaus Cornfield:
Kranke Comics

Das gesammelte Elend

Weissblech Comics; 432 Seiten; 24,90 Euro

Schon bei "Throw That Beat" oder auch mit seiner späteren Band "Katze" (die er beide in gleichnamigen Comics verwurstete), zeigt Klaus Cornfield eine Vorliebe für eine bewusst überspitzte, klebrig-schleimige Niedlichkeit. Vom "Schokoriegel zum Frühstück" singt er zum Beispiel, oder wie man auf dem Sofa fernsieht und sich dazu einen feinen Kakao macht, also Heimeligkeiten, die in ihrer zuckrigen Konzentration genauso unerträglich wirken wie VJ Slams Salto in den Swimmingpool, über die weltweit einmalige Fleischrutsche aus vierzehn mit Tiroler Nussöl geschmierten Arschbacken. Erst zusammen wird ein sehr lustiger Schuh draus.

Aber obacht: Die Bärchen warnen nicht umsonst auf dem Titel: "Für keine Altersgruppe empfohlen". SCHWOMP! SCHLAWOK! SPRUDOZ!


Klaus Cornfield: "Kranke Comics - Das gesammelte Elend", Weissblech Comics, 24,90

Klaus Cornfield: "Pizza für Plüschohren", Jaja-Verlag, 6 Euro

Klaus Cornfield: "Luna + Luno", Gesammelte Streiche, Jaja-Verlag, 14 Euro

insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
stot 20.06.2018
1. Nichts erkennbar
Leider ist auf mobilgeraeten kein einziges bild erkennbar. Die bilder sind viel zu klein und die seite laesst sich nicht zoomen. Enttaeuschend!
dasfred 21.06.2018
2. Die Bilder haben Lust auf mehr geweckt
Hatte mich nur geärgert, dass ich die Comics nicht schon in den neunziger Jahren entdeckt habe, sonst ständen sie bei mir längst zwischen Moers, König, Reiser und Co.
#9vegalta 21.06.2018
3. @1 Geht auf meinem Teflon schon,
aber verpasst hast Du nichts. Selbst unter dem Motto „Humor ist wenn man trotzdem lacht“ kann ich der Auswahl nichts abgewinnen. Das ist Humor mit der Brechstange (oops) - Fritz the Cat war besser und nicht so aufgesetzt.
klaus_gaffkus 21.06.2018
4.
Zitat von #9vegaltaaber verpasst hast Du nichts. Selbst unter dem Motto „Humor ist wenn man trotzdem lacht“ kann ich der Auswahl nichts abgewinnen. Das ist Humor mit der Brechstange (oops) - Fritz the Cat war besser und nicht so aufgesetzt.
Danke! Endlich merkt es mal einer:-)
ThomasZiegler 28.06.2018
5. Danke Klaus...
...das ich ein paar von deinen Heften drucken durfte. War eine extrem schöne Zeit in der Nürnberger Südstadt. Thomas
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