Autobiografie von Gary Shteyngart Wunderbar, dieser Versager

Jude, Russe und Amerikaner in einem: Der New Yorker Star-Autor Gary Shteyngart hat mit knapp 40 Jahren seine Memoiren geschrieben. Herausgekommen ist eines der komischsten Bücher dieses Sommers.

Schriftsteller Shteyngart: Ein (Über-)Lebenskünstler, der sich amerikanisiert hat
Brigitte Lacombe

Schriftsteller Shteyngart: Ein (Über-)Lebenskünstler, der sich amerikanisiert hat

Von Thomas Andre


Schreib nicht wie ein Jude voller Selbsthass, trägt sein Vater ihm auf. Er ist ein autoritärer Vater, der den Sohn mit robuster Zärtlichkeit liebt, der außerdem Israel liebt und Amerika auch. Und Russland nicht: Deshalb ist er mit der Familie in die USA ausgewandert.

Was keineswegs heißt, dass das Russische je abgestreift wird. Als schräge Eltern mit völlig unamerikanischem Habitus richten sich Vater und Mutter eher nach den Vorgaben des "Sowjetischen Handbuchs für die Entwicklung des Jungen" als nach westlichen Standards. Und auf den Tisch kommt Hüttenkäse mit Aprikosen statt Hamburger.

Gary Shteyngart ist jener Sohn, um den es hier geht, ein Autor aus New York, der es mit seinen Romanen ("Super Sad True Love Story", "Snack Daddys abenteuerliche Reise") schon zu einigem Ruhm gebracht hat. Jetzt schreibt er, mit knapp 40, seine Autobiografie, und der Vater, der auch den erwachsenen Sohn noch "kleiner Sohn" ruft, kommt darin vor.

Er kommt darin sehr viel vor, gleiches gilt für die Mutter, die ihren Sohn in einem Mix aus Englisch und Russisch "Failurtschka" nennt - "kleiner Versager". So heißt auch dieses wunderbare Buch von Shteyngart. Es ist das komischste dieses Sommers. Durchdrungen von freudianischem Furor, von jüdischen Humor, tiefem Sentiment und ekstatischem Narzissmus. Aber immer warmherzig.

Amerikaner? Russe? Jude? Ja, was denn nun?

Erzählt wird der schräge Bildungsroman eines Einwanderers, der mitten im Kalten Krieg auf einem Identitätskarussell sitzt - Russe? Amerikaner? Jude? Was ist er eigentlich? - und später immer noch nicht zu wünschenswerter Klarheit vordringt. Es ist auch ein Stück Zeitgeschichte, das Shteyngart hier erzählt. 1979 reist seine Familie mit vielen anderen jüdischen Familien aus der Sowjetunion aus, um in die USA zu emigrieren. Dort werden Juden als Flüchtlinge anerkannt.

In "Kleiner Versager" entblättert sich nun wie in jedem Migrantenschicksal der Clash der Kulturen. Jeder wurschtelt sich selbst durch. Die Eltern, stets beschrieben aus der unbarmherzig-liebevollen Perspektive des Ich-Erzählers, haben Jobs und bemühen sich um den sozialen Aufstieg, fast ohne ihre russische Community zu verlassen.

Und der junge Gary, der bei seiner Geburt noch Igor hieß, wird in der Solomon Schechter School als "russischer Stinkbär" gemobbt. Er spricht Englisch mit starkem Akzent. Es dauert, bis er sich Respekt verschafft und noch länger, bis er sich als Amerikaner fühlt - zumindest überwiegend.

Der Kommunismus war ein Lügner, der Kapitalismus ist es auch

In "Kleiner Versager" wird aus der Sicht des Außenseiters vor allem eine Kindheitsgeschichte geschildert, in der im Nachgang die Selbstironie über alle Assimilationshärten triumphiert. Der "Kleine Versager" ist vor allem ein (Über-)Lebenskünstler, der sich unter enormen Anstrengungen amerikanisiert. Einer, der sich mit Schulaufsätzen Achtung verschafft, obwohl er die neue Sprache noch gar nicht richtig kann.

Vom Elternhaus entfernt er sich, je mehr er das Russische abstreift, aber das Kind dieser Eltern, also die Summe ihrer Eigenschaften, bleibt er doch.

Die trockene Komik in diesem Buch ist meist unauffällig. Sie äußert sich in Shteyngarts permanenter Selbstdistanzierung, die gleichzeitig eine Überidentifikation mit der eigenen skurrilen Rolle des Verlierers ist. Shteyngart schaut mit Sympathie auf russische Gewohnheiten, zum Beispiel den Machismo des Vaters (der seiner Frau ständig wüsteste Beschimpfungen entgegenschleudert - und umgekehrt), und gibt sie trotzdem der Lächerlichkeit preis. Und manchmal ist die Komik auch laut. So nimmt der kulturbeflissene Vater den Minderjährigen unwillentlich einmal statt in den anspruchsvollen französischen Film mit in eine "Emmanuelle"-Aufführung.

Dann wieder lassen die Shteyngarts sich von der Reklame neppen, die ihnen Millionengewinne verspricht und Fake-Schecks ausstellt. Sie kennen nur die Imperative der Mangelwirtschaft und leben nun in einer Überflussgesellschaft, in der mit dubiosen Mitteln Zeitschriften-Abos verkauft werden. Aber der Kapitalismus ist ein Lügner, genauso wie der Kommunismus ein Lügner war: Die "Shitgarts", wie es manchmal auf den Briefumschlägen heißt, haben immer einen Grund, dem Leben mit einer Mischung aus Humor und Wut zu begegnen.

Alle Hoffnungen bündeln sich in der Erwartung, dass aus dem Jungen etwas wird. Was zum inneren Drama der zweiten Generation und von Gary mit der Ein-Meter-Bong ("Big Blue") betäubt wird, die auf dem College zu seinem treuen Begleiter wird.

Scheitern ist mehr als Selbstmarter

Dass alle Personen, denen Gary begegnet, nur Nebendarsteller sind, ist die Grundvoraussetzung der autobiografischen Selbstschau. Wer die Literatur als egogetriebene Ausdrucksform begreift, muss damit lediglich kokettieren wie Shteyngart, er wird damit durchkommen.

Vielleicht tut er das auch, weil Shteyngart die Menschen so gut kennt wie Saul Bellow und Philip Roth, dabei aber so eine Art talentierte Comedy-Version der beiden großen amerikanischen Schriftsteller ist. Überzeugter als Shteyngart, dass das eigene Scheitern zu mehr taugt als zur Selbstmarter, kann man nicht sein, auch wenn in einer immer wieder aufgebrochenen Chronologie zum Beispiel das ewige Liebesleid nur kursorisch behandelt wird. "Könnte ich die unerwiderte Liebe der letzten 20 Jahre komprimieren", schreibt er, "käme vermutlich Kunst dabei raus."

So ist die größte Liebe wahrscheinlich die zu seinen Eltern. Er kann sie, im Epilog dieses Buchs, sogar überreden, noch mal in ihr Geburtsland zu reisen, um mit ihm die Stätten ihres alten Lebens abzugehen. Sie sind unerbittlich in ihrer Zuneigung und ihrer Direktheit. Sie stehen immer für Shteyngarts Wurzeln.

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  • Gary Shteyngart:
    Kleiner Versager

    Aus dem Englischen von Mayela Gerhardt.

    Rowohlt; 480 Seiten; 22,95 Euro.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Bubi Hönig 05.08.2015
1.
Seit wann soll denn dieser Gary Shteyngart ein "Starautor" sein? Von dem haben wahrscheinlich 99 prozent der Deutschen und 98 Prozent der Amerikaner noch nie gehört.
shoper34 05.08.2015
2.
Ich kann diese Stadtneurotiker nicht mehr ausstehen. Woody Allen war ja noch witzig, aber seine Schüler sind nur noch nervig, ätzend und blöde.
DasBuh 05.08.2015
3. Gary
wer? Kennt kein Mensch. Sommerloch halt. Irgendwas muss ja die Seiten füllen.
ulfila 06.08.2015
4. @ Kommentar 1, 2 und 3
Peinlich: Keine Ahnung vom Autor, aber erstmal tüchtig meckern. Gary Shteyngart ist sowohl in Deutschland und insbesondere in den USA bekannt. Nicht umsonst hat Sigrid Löffler diesen Autor mit ihr Buch "Die neue Weltliteratur und ihre großen Erzähler" aufgenommen. Shteyngart hat eine intelligente und humorvoll-ironische Art zu erzählen und spart nicht mit tiefgründiger Kritik an gesellschaftlichen Zuständen, die er charmant und lesenwert verpackt. Anstatt sich über das "Sommerloch" zu beklagen, sollten Sie es versuchen, dieses mit Literatur zu füllen. Lesen Sie beispielsweise ein Buch von Gary Shteyngart. Die sind nämlich wirklich empfehlenswert. Wie auch das aktuell in deutscher Übersetzung erschienene.
meergans 06.08.2015
5. Super Sad True Love Story
und ABSURDISTAN (dt.: Snack Daddys Abenteuerliche Reise) sind großartige Bücher, die ein Leser von Welt einfach kennen muß. Sie sind voller scharfer und genauer Beobachtungen, die dazu noch köstlich formuliert sind und einem beim Verständnis der Welt ein gutes Stück weiterhelfen. Die grundhumane Haltung Gary Steyngarts erinnert an Kurt Vonnegut, den ich mich als seinen Freund vorstellen könnte, doch die Beiden haben sich um eine Generation verpaßt.
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