Kochmemoiren "Der Mann ist eher ein Dr. Frankenstein in der Küche"

Elisabeth Bronfen verführt den Leser in ihren "Kochmemoiren" mit kulinarischen Erinnerungen. Hier spricht sie über Geschlechterrollen in der Küche, den Geschmack von Heimat und Hysterie.

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Ein Interview von Denise Jacobs


Ein Tag ohne Kochen ist ein trauriger Tag, sagt Elisabeth Bronfen. Und Kochen ohne Erinnerung, stellt man nach der Lektüre von "Besessen" fest, ist unmöglich. Das Buch verzichtet komplett auf Fotos und stellt sich damit auch in die Tradition der amerikanischen Kochlegende Julia Child.

SPIEGEL ONLINE: Frau Bronfen, nach unzähligen wissenschaftlichen Publikationen haben Sie nun ein Kochbuch geschrieben. Es ist schwarz und enthält keine Bilder. Aber viele Rezepte, die mit Ihrer Biografie verknüpft sind. Was hat Kochen mit Erinnern zu tun?

Elisabeth Bronfen: Beim Kochen erinnert man sich an Dinge, die man bereits gegessen hat. Aber auch an bestimmte Orte, die man mit einem Geschmack oder Geruch in Verbindung bringt. Wenn man sich an gar nichts erinnert, wird Kochen ein schwieriges Unterfangen. Ich koche zunehmend schneller und auch besser, weil ich mich daran erinnere, wie ich die eine oder andere Speise bereits zubereitet habe. Am Essen hängt eine längere Erfahrungsgeschichte.

SPIEGEL ONLINE: Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assman hat sich mit dem Zusammenhang zwischen Erinnern und Geschlecht auseinander gesetzt. Dabei wird das Erinnern weiblich eingeordnet, das Vergessen männlich. Ist Kochen eine weibliche Erinnerungstechnik?

Bronfen: Wir sind mittlerweile an einem Punkt, an dem Kochen nicht mehr so geschlechtsspezifisch ist. Kulturhistorisch sind natürlich die Männer die Jäger und die Frauen diejenigen, die das, was heimgebracht wurde, verarbeitet haben. Die Küche ist ein weiblicher Ort. Traditionell werden Rezepte von Müttern an Töchter und Enkeltöchter weitergegeben. Interessant wird es, wenn man das Vergessen männlich begreift.

Elisabth Bronfen
Tom Haller/ Echtzeit

Elisabth Bronfen

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Bronfen: Die Frau akzeptiert, dass ihre Kochkunst überliefert ist. Der Mann ist eher ein Dr. Frankenstein in der Küche - er erinnert sich an nichts. Mit der Erinnerung kommt ja auch das Wissen um Anerkennung, die Idee von Erbschaft ist eng damit verbunden. Das schließt Originalität aus, da man etwas weiterführt. Man könnte also sagen, die männlichen Köche sind diejenigen, die alles vergessen wollen, damit sie sich bei jedem Gericht neu erfinden können.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Leidenschaft zum Kochen ist eng mit Ihrer Familiengeschichte verwoben. Die Geschichte Ihrer Eltern ist auch diejenige einer globalen Diaspora. Ihr Vater wuchs, als Sohn jüdischer Einwanderer aus Osteuropa, in Brooklyn auf. Ihre Mutter war Deutsche. Was haben Mahlzeiten mit Heimat zu tun?

Bronfen: Ich bin kein Heimatmensch. Gerade weil ich nirgends hingehöre, gehöre ich an alle möglichen Orte. Essen transportiert Heimat immer dorthin, wo man gerade ist. Es gibt diese Geschichten von deutschen Einwanderern in den Vereinigten Staaten, die während des Zweiten Weltkrieges in New York sitzen und furchtbares Heimweh nach ihrem Geschnetzelten oder ihrem Apfelstrudel hatten. Mahlzeiten werden zu einer emotionalen Heimat, die man immer wieder aufrufen und erneuern kann. Essen ruft Erinnerungen an Orte wach, die es nicht mehr gibt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gesagt, dass es den Moment gegeben hat, in dem Sie Ihre Mutter in der Küche "entthront" haben. War das ein persönlicher Erfolg oder auch eine schmerzliche Erfahrung?

Bronfen: Das war überhaupt nicht schmerzlich. Das war ausschließlich ein persönlicher Erfolg. Für meine Mutter war es schwierig, eine Tochter zu haben, die unbedingt erfolgreiche Wissenschaftlerin werden wollte. Ich habe natürlich viel Zeit in meine Dissertation gesteckt. Meine Mutter hat daraus ihre eignen Schlüsse gezogen: Ihre Tochter würde weder heiraten, noch die Kunst des Kochens erlernen.

SPIEGEL ONLINE: Und damit hat sie Ihren Ehrgeiz geweckt?

Bronfen: Ich habe mir dann fest vorgenommen, ihr das Gegenteil zu beweisen. Für Thanksgiving hatte ich mir das Truthahn-Rezept von meiner Mutter geben lassen. Immer und immer wieder habe ich geübt. Als sie dann zum traditionellen Erntedankfest zu mir nach Zürich kam, sagte sie, der Truthahn würde zwar nicht so schmecken wie bei ihr, aber er wäre doch recht passabel. Dabei waren meine Beilagen viel üppiger und ich hatte auch mehr Gäste. Das war ein Moment des Triumphs - aber ein liebevoller.

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SPIEGEL ONLINE: Eine Ihrer Inspirationsquellen ist die amerikanische Köchin Julia Child. Über sich selbst sagte Child einmal, dass sie 32 war, als sie mit dem Kochen anfing. Vorher habe sie nur gegessen. Wie war das bei Ihnen?

Bronfen: Während des Studiums gehörte Kochen für mich zum Alltag. Es war damals unter Studenten üblich, dass man sich gegenseitig zum Essen einlädt. Meine Wohnung in München, wo ich damals studiert habe, war natürlich sehr klein. Mein Schlafzimmer war auch mein Wohnzimmer. Und wenn ich meine Professoren und Gastprofessoren zu mir eingeladen habe, dann saßen die eben in meinem Schlafzimmer und haben gegessen. Das fanden weder ich noch die Professoren merkwürdig.

SPIEGEL ONLINE: Heute sind Sie selbst Professorin. Wurden Sie schon einmal von Ihren Studenten zum Essen eingeladen?

Bronfen: Nein! Das ist wirklich noch nie vorgekommen.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Bronfen: Zum einen ist es sicherlich der Tatsache geschuldet, dass die jungen Leute nicht mehr kochen können. Deswegen schreibe ich ja dieses Buch: sie sollen wieder zurück in die Küche! Zum anderen mangelt es ihnen vielleicht auch an der nötigen Geselligkeit.

SPIEGEL ONLINE: Von einer feministischen Kulturwissenschaftlerin erwartet man nicht zwangsläufig, dass sie für eine Renaissance des Haushaltsunterrichts wirbt. Ist das nicht ein Widerspruch?

Bronfen: Es ist vielleicht im deutschsprachigen Raum ungewöhnlich. Für eine Amerikanerin gibt es keinen Widerspruch zwischen Kochen und wissenschaftlicher Arbeit. Aber vielleicht muss man ein bisschen älter sein, um das zu verstehen. Ich weiß nicht, ob ich einer jungen aufstrebenden Wissenschaftlerin raten würde, ein Kochbuch zu schreiben. (lacht)

SPIEGEL ONLINE: Das sinnlich-emotionale Band, das wir über das Essen herstellen, wird zunehmend von Ängsten überschattet. Allein das Wort 'Kohlenhydrate'.

Bronfen: Ja, diese Berührungsängste sind sehr modern. Wir haben Angst vor Fett, Angst vor Gluten, Angst vor Nüssen. Natürlich gibt es Unverträglichkeiten - die meine ich auch nicht. Essen ist etwas Lebensbejahendes. Es ist eine Umarmung dessen, was man leiblich zu sich nehmen könnte. Die Verneinung dieses Begehrens ist vielleicht das Symptom einer Verdrängung der eigenen Sterblichkeit. Aber das ist eine kühne These.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch schreiben Sie von "nervösen Speisen". Da denkt man unwillkürlich an Ihre Kulturgeschichte der Hysterie. Steckt das Trauma sogar im Essen?

Bronfen: Es gibt ja Menschen - nicht nur Männer, aber vor allem Männer - die gerne komplizierte Sachen kochen, bei denen man jedoch auch die Anstrengung spürt. Es steckt sehr viel Nervosität in der Frage: "Wird mir dieses extrem originelle, gewagte, ungewöhnliche Gericht, mit dem ich auch angeben kann, gelingen?" Die Emotion, die man beim Kochen spürt, steckt tatsächlich im Essen drin. Es gibt also durchaus eine Nähe zur Hysterie.



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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
upalatus 24.01.2017
1.
Bronfen: Zum einen ist es sicherlich der Tatsache geschuldet, dass die jungen Leute nicht mehr kochen können. Deswegen schreibe ich ja dieses Buch: sie sollen wieder zurück in die Küche! Zum anderen mangelt es ihnen vielleicht auch an der nötigen Geselligkeit. Sorry, mit dem ganzen Wortgewitter und querverweis-ableitend-ziselierenden Gedanken das Kochen betreffend hätt ich auch den Kochlöffel nicht mehr unbedarft und freudig in der Hand, oder bekäm große Lust dazu. Da hab ich, als Mann, auch noch recht alte Kochbücher zur Hand (oft auch diverse Internetseiten, wo sich weitere verschleckte, auch recht genügsame und vor allem Freude habende Löffelschwinger tummeln), die aber sicherlich nicht in traurigem Schwarz gewandet daherkommen. Zur letzten Bronfen-Aussage versagt mein hemmunglos kochfreudegeladenes Männerhirn vollends. (...oh, da fällt mir ein, dass es zu Kinderzeiten ein paar mal gebratenes Kalbshirn gab; mal wieder ausprobieren und Heimatgefühle widerkauen....)
chukwumeze 24.01.2017
2. Ist das ernst gemeint?
Zumindest die biologistischen Rollenzuschreibungen sind so was von gähn, wie meine Tochter sagen würde.
annibertazeh 24.01.2017
3.
Die Tochter will die Mutter besiegt haben. Mit Truthahn. – Das Ergebnis: Die Mutter urteilt über Töchterleins Geflügel, der Truthahn schmecke zwar nicht so wie bei ihr, er sei aber doch recht passabel. Dem widerspricht das Töchterlein nicht. Vielmehr glaubt sie mit Quantität statt Qualität („… meine Beilagen viel üppiger …“) punkten zu können und letztlich sogar gänzlich abwegig („… ich hatte auch mehr Gäste“). – Ich möchte nun doch lieber von der Mutter eingeladen werden.
southpaw 25.01.2017
4. Selbstironie... kennen wir nicht, mögen wir nicht
Wunderbares Interview mit eine sehr witzigen Frau. Merci!
Freund_Fettsack 25.01.2017
5. Onkel Siegmund lässt erneut grüßen!
Welch Freud(e) wohl gleichnahmiger Onkel Siegmund an diesem Interview gehabt hätte. Projektionen über Projektionen; so wird die ursprünglich eher dem Weiblichen zugeordnete Hysterie verdrängt und auf das andere Geschlecht projiziert. Eine echte Auseinandersetzung bleibt also aus. Allzu rigide Verdrängung aber erzeugt psychische Beschwerden. Und auf diese Art und Weise macht sich Feminismus immer stärker als krankmachendes, voreingenommenes und vor allem einseitiges Phänomen bemerkbar. Man kann sich diese Tatsache dadurch bewusst machen, indem man sich vorstellt, was wohl passieren würde, wenn nicht eine Elisabeth, sondern ein Elmar dieses Buch geschrieben hätte und mit dem dann dieses Interview geführt worden wäre. Und man dann noch, als Gedankenexperiment, überall im Text den Begriff "männlich" durch "weiblich" ersetzen würde. Die zu beantwortende Frage wäre dann: Würde so ein Buch heutzutage überhaupt erscheinen können? Oder wäre der (dann ja männliche) Autor aufgrund von sexistischen Äußerungen bereits am Ende seiner Karriere? Begreifen viele Feministinnen eigentlich nicht, dass ihr Geschwafel nicht nur vielen Menschen auf den Keks geht, sondern Männer (und noch mehr:) Frauen auf Dauer krank macht, weil von sich selbst und eigenen Bedürfnissen entfremdet. Lustiger ist da schon die Passage, wo mit der adipösen Autorin über die Angst vor Kohlenhydraten gesprochen wird! Ich hätt mich wegschmeißen können!
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