Kommentar zum Nobelpreis: Hoffnung auf ein neues Mitteleuropa

Von Ulrich Baron

Eine politische Stimme, die auch poetisch singt: Herta Müllers Schreiben vereint die großen Tugenden der Literatur. Ihr Werk plädiert für Gerechtigkeit über nationale Grenzen hinweg. Auch deshalb ist der Nobelpreis für sie eine richtige und wichtige Entscheidung.

Literaturnobelpreis 2009: Herta Müller Fotos
DPA

Die Überraschung am diesjährigen Literaturnobelpreis ist: Sie ist dann doch eher eine kleine. Vom Buchmacher bis zum Großkritiker war man sich über Herta Müllers Preiswürdigkeit grundsätzlich einig. Und schon bevor das heitere Kandidatenraten um den ewigen Nobelpreis-Geheimtipp Philip Roth und Konsorten diesmal losging, war die am 17. August 1953 in Rumänien geborene deutsche Schriftstellerin in die Endausscheidung für den deutschen Buchpreis gekommen. Der wird es im langen Schatten von Stockholm nun schwerer haben, seinem Ruf als Bestsellermacher gerecht zu werden.

Interessanter als der Streit um die Preiswürdigkeit der Ausgezeichneten, der schon angesichts ihres gerade erschienenen Romans "Atemschaukel" (Hanser) aufflammte, ist, dass die Wahl auf eine Autorin gefallen ist, für die das Deutsche zugleich Muttersprache und die Sprache einer Minderheit gewesen ist.

Im Banat, einem deutschsprachigen Teil Rumäniens geboren, lernte Müller erst mit 15 Jahren die Landesprache. Nach Zensureingriffen in ihren ersten Erzählband "Niederungen" verzichtete sie darauf, in Rumänien zu veröffentlichen, und arbeitete privat als Deutschlehrerin.

Wegen des wachsenden Drucks des rumänischen Geheimdienstes stellte sie 1985 einen Ausreiseantrag und lebt seitdem - unterbrochen von Zeiten als writer in residence in verschiedenen Universitäten Europas und der USA - in einem Land, dessen Sprache ihr Zuhause war, bevor sie es erstmals betrat.

Und doch ist Herta Müllers Deutsch nicht nur anders, weil es aus einer Exklave stammt, die über Jahrhunderte ihre Eigenarten, ihren eigenen Tonfall entwickelt hat. Herta Müllers Deutsch ist eigensinniger, so, als sei sie davon besessen, diese Sprache noch auf andere als die übliche Weise zu gebrauchen.

Schreiben gegen den Terror

Ihr in West-Berlin entstandener Prosaband "Reisende auf einem Bein" (1989) beschreibt ihre Ausreise und die Ankunft in der neuen Heimat. Müller konfrontiert die Leser mit der fremden Welt des Ceausescu-Regimes, doch auch mit den Befremdlichkeiten ihres eigenen Lebens.

Das Leben unter totalitärer Herrschaft steht auch im Zentrum ihrer Romane "Der Fuchs war damals schon der Jäger" (1992), "Herztier" (1995) und "Heute wär ich mir lieber nicht begegnet" (1997). Über das Nachwirken ihrer Rumänien-Erfahrungen schrieb sie in "Hunger und Seide" (1995) mit der ihr eigenen Bildhaftigkeit: "In meiner Stirn sind die Beschädigungen einer Einheimischen und die Bedenken eines fremden Passagiers".

Mit "Im Haarknoten wohnt eine Dame" (2000) versammelt Herta Müller Gedicht-Collagen zu einem eigensinnigen Poesiealbum, das sich mit Kinderreimen und Abzählversen gegen die Niederungen des Lebens abhebt.

Wie kindliche Wortmagie muten auch die Sprachschöpfungen in ihrem jüngsten Werk an, das Müller ursprünglich mit ihrem verstorbenen Kollegen Oscar Pastior über dessen Erfahrungen in einem sowjetischen Arbeitslager schreiben wollte. Komposita wie die titelgebende "Atemschaukel", "Herzschaufel", "Tageslichtvergiftung", "Hungerengel" oder "Hautundknochenzeit" kommen hier zusammen, so als wollten sich die Wörter gegen die Schrecken von Hunger, Tod und Dunkelheit verbünden, von denen sie berichten. So als könnten sie alleine gar nicht tragen, was sie sagen sollen.

Grenzenloses Sprechen

Man kann gegen die Lobredner von "Atemschaukel" und natürlich auch wieder einmal gegen die Stockholmer Entscheidung manches einwenden. Unter anderem, dass hier Inhalte und Qualitäten gepriesen und prämiert werden, die man auch in Werken der aktuellen chinesischen Literatur hätte entdecken und auszeichnen können.

Doch die Entscheidung der Nobelpreisjury hat dieses Jahr etwas Originelles, weil sie den Streit, welches Land und welcher Autor nun aber "dran" sei, dadurch konterkariert, dass sie den Preis an eine Autorin vergeben hat, die auf ganz eigene Art - zwischen den Nationalterritorien und für sich - steht und schreibt.

Das könnte ein Signal geben, an ein Mitteleuropa-Konzept anzuknüpfen, das durch die jugoslawische Tragödie und die EU-Erweiterung aus dem Rennen geworfen worden ist. An ein Konzept, in dem Identitäten nicht von Nationalstaaten vergeben, sondern durch kulturelle Bindungen bestimmt werden.

Wenn das dem Literaturnobelpreis gelingen sollte, müsste man Herta Müller dafür dankbar sein.


Die Beiträge von Herta Müller sind dem Hörbuch "Die Nacht ist aus Tinte gemacht" entnommen. 2 CDs, , supposé Verlag, 24,80 Euro

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Forum - Literaturnobelpreis für Herta Müller - eine gute Wahl?
insgesamt 375 Beiträge
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1.
Shiraz 08.10.2009
Zitat von sysopSensationelle Ehrung für eine Außenseiterin: Die Deutsche Herta Müller erhält den Nobelpreis für Literatur. Das gab das schwedische Nobelpreiskomitee am Donnerstag in Stockholm bekannt. Eine gute Wahl?
Obwohl ich viel lese, kenne ich diese Dame noch rein gar nicht. Werde aber gleich ein Buch von ihr kaufen und mir ein Urteil bilden.
2.
kurzundknapp 08.10.2009
Zitat von sysopSensationelle Ehrung für eine Außenseiterin: Die Deutsche Herta Müller erhält den Nobelpreis für Literatur. Das gab das schwedische Nobelpreiskomitee am Donnerstag in Stockholm bekannt. Eine gute Wahl?
Phlip Roth hätte ichs auch gegönnt. Aber Herta Müller, d a s passt genau!! Noch einmal: Beste Glückwünsche!!
3. Marcel Reich-Ranicki is not amused ;-$
DorisP 08.10.2009
Zitat von sysopSensationelle Ehrung für eine Außenseiterin: Die Deutsche Herta Müller erhält den Nobelpreis für Literatur. Das gab das schwedische Nobelpreiskomitee am Donnerstag in Stockholm bekannt. Eine gute Wahl?
Marcel Reich-Ranicki versteht die Welt nicht mehr ... Günter Grass aus Schesien war schon eine Zumutung für den polnischen Literaturkritiker ... aber jetzt noch Herta Müller aus Rumänien ... Was wird wohl Thomas Mann dazu sagen ?!
4.
Baikal 08.10.2009
Zitat von sysopSensationelle Ehrung für eine Außenseiterin: Die Deutsche Herta Müller erhält den Nobelpreis für Literatur. Das gab das schwedische Nobelpreiskomitee am Donnerstag in Stockholm bekannt. Eine gute Wahl?
Was soll der Nobelpreis denn wohl wert sein wenn ihn weder Updike noch Roth bekommen haben - wohl aber Herta Müller?
5.
Juliane Fuchs 08.10.2009
Zitat von sysopEine gute Wahl?
Eine sehr gute. Herzliche Gratulation an die Autorin!
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Nobelpreis für Literatur
Alle Literaturnobelpreisträger seit 1901
Der erste Nobelpreis für Literatur wurde 1901 an den französischen Poeten und Philosophen Sully Prudhomme verliehen. Seitdem erhielten den renommierten Preis Autoren und Autorinnen unterschiedlichster Nationen und Kulturen. In den Jahren 1914, 1918, 1935 sowie von 1940 bis 1943 wurde kein Literaturnobelpreis vergeben. Viermal - 1904, 1917, 1966 und 1974 - mussten sich zwei Schriftsteller die Auszeichnung teilen. Zwei Autoren lehnten den Nobelpreis bisher ab. Er wird jeweils am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel, in Stockholm überreicht. Hier die Preisträger im Überblick.
Deutschsprachige Literaturnobelpreisträger
Bislang haben 13 deutschsprachige Autoren den Literaturnobelpreis erhalten. Neun von ihnen sind gebürtige Deutsche. Hier zur Übersicht.
Nobelpreisträgerinnen
Seit der ersten Preisverleihung 1901 herrscht ein Ungleichgewicht zwischen Literaturnobelpreisträgern und -preisträgerinnen. Nur zwölf Frauen haben die begehrte Trophäe bisher erhalten. Ihnen stehen 92 Männer gegenüber. Die Literaturnobelpreisträgerinnen im Überblick.
Warten auf Stockholm
Als Heinrich Böll 1972 den Nobelpreis für Literatur erhielt, stand auch Günter Grass schon auf der Liste der möglichen Kandidaten. Erst 27 Jahre später ist ihm die Ehre zuteilgeworden. Auch der im November 2007 verstorbene amerikanische Schriftsteller Norman Mailer gehörte lange Zeit zu den üblichen Verdächtigen. Die Liste der Daueranwärter für den Literaturnobelpreis.
Wer alles leer ausging
Bei der Auswahl der Kandidaten hat es nach Ansicht vieler Kritiker im Laufe der Jahre viele Versäumnisse gegeben. Die Bedeutung der Werke von Autoren wie Franz Kafka, Robert Musil, Marcel Proust oder Fernando Pessoa zu Lebzeiten richtig einzuordnen, hätte für die Jury der schwedischen Akademie sicher eine enorme Leistung bedeutet. Die Liste der Namen von Schriftstellern, die den Preis verdient hätten, aber nicht bekommen haben, ist lang.
Wer den Preis nicht wollte
Zwei Schriftsteller haben den Literaturnobelpreis bisher abgelehnt: Der russische Dichter Boris Pasternak und der französische Philosoph Jean-Paul Sartre. Hier zu den Gründen für ihre Ablehnung.

Literaturnobelpreis-Quiz
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