Konstantin Richter: Blankenese, Berlin

Von Nikolaus von Festenberg

Eine moderne Schule der Gefühle, vorgelegt von Konstantin Richter.

Hamburg-Blankenese ähnelt anderen vornehmen Vororten. Die Muttis (und Väter auch) wollen für ihre Kinder nur das Allerbeste - der Wettbewerb um die perfekteste Begluckung ist unerbittlich. Man spielt Hockey, man feiert Kindergeburtstage, man erwärmt sich in Maßen für die Welt jenseits von Blankenese. Nur Alexanders Mutter ist anders. Sie lässt Bach-Kantaten durchs Haus dröhnen, sie ist für alles Vorstadtferne zu begeistern, für Kultur, Gefühl und Weltoffenheit, für das ganze Curriculum des bürgerlichen 68ertums. Sie stellt ihrem Sohn einen Mann vor, der all diese mütterlichen Sehnsüchte symbolisiert: den Anwalt Bettermann. Die Mutter und Herr Bettermann drängen Alexander zu einer Freundschaft mit dem Sohn des Anwalts, einem vom Internat geflogenen Banausen. Die von den Erwachsenen eingefädelte Jünglingsfreundschaft geht auseinander, was Alexander vor allem wegen der Anwaltstochter Anna bedauert.

Der Autor dieses Romans, der in Berlin lebende Konstantin Richter, 36, beschreibt Alexanders weiteres Leben in nüchternkurzen Sätzen, so als sei der Held der coole Herr seiner Entscheidungen. Alexander landet in der internationalen Finanzwelt.

Auf kurzweiligen Erzählstrecken erfährt der Leser vom Corpsgeist der jungen Bankertruppe, vom Spott über das kapitalistisch zurückgebliebene Deutschland. Doch wo ist Anna? Alexander muss zurück nach Blankenese, zum Ort, wo mütterliche Liebessehnsucht einst einen nichtsahnenden, emotionalen kindlichen Gefangenen gemacht hat. Der coole Held der globalisierten Ökonomie lernt in dieser Schule der Gefühle, ohne dass es kitschig wird, Tränen zu vergießen. Er wird frei. Besser können moderne Geschichten nicht enden.

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