Graphic Novel "Love Addict" So sieht sie aus, die Liebe in den Zeiten von Tinder

Koren Shadmis Graphic Novel "Love Addict" zeigt die Tücken des Onlinedatings und lässt seinen Protagonisten so lange durch die Betten Brooklyns turnen, bis er sich selbst nicht mehr erkennt.

Von

Koren Shadmi/ Egmont

Eine unermessliche Auswahl an möglichen Partnern, bereitwillige Frauen allerorten, die schönsten Leiber noch dazu und das alles ohne Mühen und Verbindlichkeiten.

Was klingt wie ein billiges Pornodrehbuch oder das Werbeplakat für einen dieser ekligen "Pick-up Artists", wird für den Protagonisten von Koren Shadmis "Love Addict" Realität, als sich der scheue Zeichner K. auf Anraten seines Mitbewohners auf dem Onlinedatingportal "Lovebug" anmeldet.

Es läuft etwas langsam an, solange K. noch mit dem normalen Anspruch und all seinen mitgebrachten Unsicherheiten in die Begegnungen mit den fremden Frauen geht. Als er das ablegt und feststellt, wie wenig es eigentlich braucht, um sich von den anderen Onlinetypen und deren billigen Maschen abzusetzen, nimmt sein Liebesleben rasant an Fahrt auf.

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Fortan springt der vorher mäßig erfolgreiche K. von Bett zu Bett, erlebt ein Sexabenteuer nach dem nächsten und fühlt sich plötzlich wie Don Juan persönlich. Die Leser dürfen dem nun notorischen Flachleger in aller Explizität zugucken, K. verliert sich immer mehr in den schwülen Fantasien, in denen jede Frau zur potenziellen Sexpartnerin wird.

Es ist ein ziemlich trauriges Männerbild, das Shadmi hier entwirft: Oberflächliche Macker, die letztlich froh sind, sich mit den Frauen außerhalb des Bettes nicht weiter beschäftigen zu müssen. Sie kommen schon sehr misogyn herüber, diese sexsüchtigen Männern, die das Netz durchforsten auf der Suche nach der nächsten willigen Partnerin. Weit weg von der Tinder-Realität ist das Bild nicht.

Shadmi wurde in Israel geboren und lebt inzwischen als Illustrator in Brooklyn, wo er beste Gelegenheit hat, das Paarungsverhalten geschlechtsreifer Großstädter von Nahem zu beobachten. Mit "Love Addict" bewegt er sich sehr deutlich in den Fußspuren des Helden aller verklemmten Nerds, Robert Crumb, der sich nie darum gedrückt hat, alle aber auch alle seine Sexfantasien mit Stift und Papier auszuleben.

Daraus macht der Nachwuchszeichner keinen Hehl, im Gegenteil, er lässt seinen Protagonisten K. eines seiner "Lovebug"-Dates sogar in eine Crumb-Ausstellung schleppen, nur um dann festzustellen, dass einige der Zeichnungen durchaus rassistisch pikant sind und sein afroamerikanisches Date eventuell verstören könnten. Das ist aber auch schon fast das höchste Maß an Empathie, was K. künftig für seine Dates aufbringen wird.

Das große unhaltbare Versprechen des Internets

K.'s Mitbewohner Brian dient als traurige Vorlage von einem, der sich in der Fantasiewelt des Onlinedatings verloren hat und nur noch trunken von Date zu Date zieht, berauscht von der Illusion der eigenen Potenz. Auch die Datingkarriere des Protagonisten über ein Jahr hinweg verliert sich irgendwann zwischen den immergleichen Sexbekanntschaften. Die durchnumerierten Dates zeigt Shadmi nur noch sporadisch, die völlige Willkürlichkeit lässt K. manchmal die auswendig gelernten Onlineprofildaten verwechseln.

"Love Addict" erzählt keineswegs eine Heldengeschichte, denn wie der Titel schon verrät, kommt irgendwann auch für K. der Moment, an dem er sich eingestehen muss, nur noch seiner Triebsucht verfallen zu sein. Beim 75. Date kommt es fast zu einem gewaltsamen Übergriff, weil er sich so an die automatische Gleichung Date = Sex gewöhnt hat. Im ersten Moment beschimpft K. das flüchtende Date auch noch, auch dies ein Beispiel klassischen Online-Machismos.

Die Möglichkeit echter Beziehungen, über One-Night-Stands hinaus, ist plötzlich nicht mehr verlockend, es ist dieses große unhaltbare Versprechen des Internets, dass vielleicht hinter dem nächsten Klick doch noch etwas Besseres wartet. Immerhin schafft K. doch noch den Ausstieg aus der Dating-Sucht, glücklicher hat ihn das Leben ohne jegliche Verbindlichkeit am Ende nicht gemacht.

Shadmi zeichnet das düstere Bild einer nahezu bindungsunfähigen Männergeneration. Es passt natürlich nicht immer und überall, doch völlig haltlos ist seine überspitzte Satire zum menschlichen Umgang miteinander in Zeiten der totalen Digitalisierung nicht.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
_luz_ 17.02.2016
1. Traurige neue Welt
Zwei Mal hatte ich Dates via Dating-Apps - einfach langweilig. Wenn man als Typ nicht die Eier (sog. Charakter) hat und einen Behilf wie eine App benötigt um ein Mädel anzusprechen, kann mir einfach nur leid tun. Wenn man es nicht aus eigener Kraft schafft sollte man sich coachen lassen - mein Gott, gibt doch mittlerweile genügend PT's, die sich so etwas annehmen. Warum haben ausgerechnet die Reichsten der Reichen ziemlich stabile Beziehungen? Ob nur Brad Pitt oder Jay-Z oder Stefan Raab usw. Weil es natürlich und vor allem gesund ist. Mir persönlich ist der Geschmack im Mund nach einem ONS einfach zu fad. Ich hatte es oft genug als das ich wüsste, dass ich es nicht mag. Man sollte es halt mal ausprobieren. Wer darin Befriedigung findet, hat noch nicht wirklich geliebt. Sicher - es kann solche Phase im Leben geben. IMHO ist es weder erstrebenswert noch hygenisch. Und wer mir jetzt erzählt, er verhütet ja immer brav mit Gummi, glaubt auch an MVW im Irak. Man sollte sich nicht wegschmeißen. Erfahrungen zu sammeln ist ja ok - aber diese soziale Verrohung finde ich einfach nur... langweilig.
event.staller 17.02.2016
2. Nur nicht so schnell aufgeben.
Noch so viele One-Night-Stands schützen nicht vor echter Liebe. Das "Belohnzentrum" in unseren Köpfen geht Hand in Hand mit dem "Sucht-Areal" zum Langfristigen. Es ist halt erst einmal das Über-Angebot des Digitalen, das davon ablenkt.
@lien 18.02.2016
3. Dann ist es hier halt ein
männlicher Protagonist. Als ob das gleiche nicht auch für die weiblichen Gegenparts gelten würde. Zu einem ONS gehören schon immer wenigstens zwei, oder? Warum ist es also ein trauriges Männerbild, das hier gezeichnet wird - und nicht viel eher ein (möglicherweise) trauriges Gesellschaftsbild? Anhand einer männlichen Hauptperson?
prendergast 18.02.2016
4. Tinderrealität?
Was soll das bitte sein? Man kann auch alles auf apps und online-dating schieben. Am ende liegt es immer an einem selbst. An der bar entscheide ich auch plump nach aussehen, also kein unterschied zu tinder.
ColdDayInTheSun 18.02.2016
5. Nicht nur ein trauriges Männerbild...
Es gibt in meinem Umfeld auch 2-3 Frauen, auf die dieser Artikel nicht so völlig daneben liegen würde... der Punkt ist nur, zeichnet man so eine Graphic Novel mit einem männlichen Hauptdarsteller sagen alle, es sei ja durchaus "realistisch", würde so etwas mit einer Frau als Protagonistin gezeichnet, wäre es nur ein "unrealistisches, sexistisches" Machwerk und würde einen Aufschrei nach sich ziehen...
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