Kriegscomic "Der Stern von Afrika": Absturz mit Nazi-Flieger

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Staunende Afrikaner, ordnungsliebende Deutsche und ein Luftwaffenpilot als ritterlicher Held: Mit der neuen Serie "Der Stern von Afrika" lässt sich das renommierte deutsche Comicmagazin "Zack" von den Kriegsmythen der Nazi-Zeit blenden.

Eben noch hat der deutsche Kampfflieger den britischen Feind flugunfähig geschossen. Im nächsten Moment salutiert er dem Kontrahenten durch die Sichtkuppel seines Jagdflugzeugs. Der wiederum sinniert am Fallschirm über der Wüste baumelnd: "Das war Marseille, der Stern von Afrika höchstpersönlich. Und der schießt nicht auf einen wehrlosen Gegner."

Das ist nicht aus einem "Landser"-Heft und nicht aus einer von Opas Kriegsschwarten. Es ist aus dem "Zack"-Heft vom April dieses Jahres. "Der Stern von Afrika" heißt das Comicabenteuer, geschrieben und gezeichnet von Franz Zumstein. Der Schweizer Zeichner, Jahrgang 1959, erzählt die Geschichte des Hans-Joachim Marseille. Der war im Zweiten Weltkrieg ein legendärer Kampfflieger. Geboren 1919, stieg Marseille im Eiltempo die Karriereleiter der NS-Luftwaffe hinauf. Bei Einsätzen über England und Afrika schoss er 158 Flugzeuge ab, ehe er 1942 bei Rommels Feldzug starb. Da war er 22 Jahre alt.

Marseille wurde von Hitler persönlich ausgezeichnet. Unermüdliche Wehrmacht-Fans ehren ihn auf diversen Websites bis heute dafür, dass er mit technischer Brillanz mehr Gegnern den Tod brachte als jeder andere Flieger und dass er "unbesiegt vom Gegner" starb - sein Tod war ein Unfall in der Luft. Bereits 1957 wurde seine Geschichte in einem halbgaren Antikriegsschinken mit Hansjörg Felmy und Horst Frank verfilmt.

Von Ansätzen zur Differenzierung ist auch in Zumsteins Comic wenig zu spüren. So gesellen sich zwei junge Afrikaner staunend zu den deutschen Soldaten, die Marseilles Landung nach dem Abschuss des Briten dirigieren: "Wir sind hier aus der Gegend und wollten einmal echte Fliegerasse sehen." "Na gut, kommt her", gestattet der deutsche Feldmarschall großzügig. "Aber nur bis zu diesem Punkt. Etwas Ordnung muss sein."

Und Marseille, der Todbringer, bedankt sich bei seinen Mechanikern: "Die Siege gehören genau so gut euch! Gegen die Kiste, die ihr mir hingestellt habt, hat der Tommy einfach keine Chance!"

Aus solchen Szenen spricht die Kumpelhaftigkeit des Trivialfilms, in dem die Realität des Krieges zugunsten einer burschikosen Männerfreundschaft und eines zweifelhaften Ehrbegriffs ausgeblendet werden. Geschieht ja keinem ein Leid, selbst der Feind überlebt am Fallschirm - und die Eingeborenen können freudig staunend zusehen, wie viel Spaß ein so sauber geführter Krieg doch macht.

In der alten Bundesrepublik gehörte "Zack" zu den stilprägenden Comicmagazinen. Von 1972 bis 1980 erschienen dort klassische realistische Abenteuercomics wie "Blueberry" oder "Michel Vaillant".

Aber auch "Mick Tangy", eine Fliegerserie des "Asterix"-Zeichners Albert Uderzo, fand hier ihren Platz. Ihr attestierte der Comicfachmann Andreas C. Knigge in seinem Buch "Alles über Comics" "nationalistische Untertöne".

In "Der Stern von Afrika" kippt nun dieses ambivalente Verhältnis, das Militär-Erzählungen seit jeher zum Krieg haben, endgültig um in offene Begeisterung.

"Zack"-Chefredakteur Mark O. Fischer hatte, wie er sagt, keinerlei Bedenken gegen die Veröffentlichung der Geschichte. Es sei ja "keine Kriegsgeschichte, sondern eine Liebesgeschichte", auch wenn man dies im ersten Kapitel noch nicht erkenne. Todesflieger Marseille sei zudem eher eine Nebenfigur.

Dennoch entschied sich der Verlag Steinchen für Steinchen, der seit 1999 "Zack" fortführt, der ersten Episode eine Erläuterung des Künstlers voran zu stellen. "Das Comic, das ich erzähle, ist ein Bubentraum", erklärt Zumstein. "Es kommen zwar historische Figuren, Schauplätze und Geräte vor, die Handlung ist jedoch frei erfunden". Er sei "kein Nazi-Sympatisant", betont er.

Dennoch fällt er auf den verlogenen Mythos von der unpolitischen Wehrmacht herein und behauptet: "In der deutschen Luftwaffe war der Hitlergruß unbeliebt und viele Piloten distanzierten sich vom nationalsozialistischen Regime." Und einen der tödlichsten Jagdflieger des Zweiten Weltkriegs charakterisiert er wie in einem Groschenroman: "Marseille, der kaltblütige Schütze und geniale Flieger, dem das Kriegshandwerk eigentlich zu hart war, der monatelang die gleiche romantische Platte hörte und von seiner Liebsten träumte, während er gleichzeitig Gegner um Gegner umbrachte."

Ähnlich fragwürdig wurde jüngst Manfred von Richthofen im Biopic "Der rote Baron" charakterisiert. Dabei war der Traum vom sauberen Soldaten im schmutzigen Krieg stets eine Illusion. Das sollten erwachsene Männer eigentlich wissen - und ihre Bubenträume endlich vergessen.

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