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Kriegsroman "Das rote Halsband": Die Erinnerungskultur kommt auf den Hund

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In Frankreich ein Hit: Jean-Christophe Rufins Roman "Das rote Halsband" Zur Großansicht
Catherine Hélie/ Editions Gallimard

In Frankreich ein Hit: Jean-Christophe Rufins Roman "Das rote Halsband"

Das hat uns gerade noch gefehlt: Nach Dutzenden Büchern, Ausstellungen und Theaterstücken beschert uns das Gedenkjahr 2014 einen Hunderoman zum Ersten Weltkrieg.

Die Erinnerungsindustrie produziert 2014 auf Hochtouren: Museen, Theater und Verlage fluten den Ideenmarkt mit Erinnerungen und Analysen zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren.

Das Deutsche Historische Museum hat sich für die Überblicksausstellung "1914-1918. Der Erste Weltkrieg" entschieden, die Bundeskunsthalle in Bonn für "1914. Die Avantgarden im Kampf", das Deutsche Literaturarchiv Marbach für "August 1914. Literatur und Krieg", das Literaturhaus München für "Robert Musil und der Erste Weltkrieg", das Jüdische Museum München für "Krieg! Juden zwischen den Fronten 1914-1918" und das Stuttgarter Haus der Geschichte für "Fastnacht der Hölle. Der Erste Weltkrieg und die Sinne".

Theaterfassungen von Erich Maria Remarques Roman "Im Westen nichts Neues" stehen in Hannover, Göttingen, Karlsruhe und Braunschweig auf den Spielplänen, Inszenierungen von Karl Kraus' Tragödie "Die letzten Tage der Menschheit" in Wien und Dresden. Luk Perceval hat zudem "Front" inszeniert, eine Koproduktion des Hamburger Thalia Theaters und des belgischen NT Gent, die quer durch Europa tourt. Sogar ein Musikalbum zum Ersten Weltkrieg gibt es, von den Einstürzenden Neubauten ("Lament" - "Klagelied").

Ein erstaunlicher Erfolg

Wenn C. Bertelsmann auf den letzten Metern dieses Erinnerungsmarathons, nach all den Ausstellungen und Theaterstücken und Büchern, auch noch die Übersetzung eines französischen Romans zum Ersten Weltkrieg herausbringt, drängt sich daher eine Frage auf: Wieso? Wieso soll man ausgerechnet dieses Buch lesen?

Autor des Romans ist Jean-Christophe Rufin, 62, ein ausgebildeter Neurologe und Psychiater, der mal Vizepräsident von Ärzte ohne Grenzen war, Staatssekretär im französischen Verteidigungsministerium und französischer Botschafter im Senegal. 2001 hat er den Prix Goncourt für den historischen Roman "Rouge Brésil" enthalten, nicht zu verwechseln mit dem historischen Roman "Le collier rouge", der nun auf Deutsch als "Das rote Halsband" erschienen ist.

Es ist eine Verwechslung, die einem leicht unterlaufen kann, und die leider auch dem deutschen Verlag in einem Begleittext für die Presse unterlaufen ist. Neugierig gemacht, liest man los und liest und liest und wundert sich immer mehr: Dieser Roman soll den Prix Goncourt gewonnen haben? Erstaunlich.

Nun, der Roman hat den bekanntesten Literaturpreis Frankreichs natürlich nicht gewonnen, aber er war in unserem Nachbarland immerhin ein Nummer-eins-Bestseller. Erstaunlich ist auch das. Rufin erzählt die ebenso erbauliche wie betuliche Geschichte des Bauern Jacques Morlac, eines einfachen Gefreiten, der zunächst als Kriegsheld galt und den Orden der Ehrenlegion erhalten hat, dann jedoch in Untersuchungshaft gelandet ist. Der Grund: Er hat den Orden seinem Hund ans Halsband geheftet.

Geschichtskitsch für Fernsehfilmmacher

Der Hund ist ihm von der Einberufung bis zur Front hinterhergetrottet, treu und tapfer wie ein Bilderbuchsoldat. Nun sieht er aus wie ein alter Krieger: Der Rücken vernarbt, ein Ohr zerfetzt, eine Hinterpfote verkrüppelt. Er sitzt in der Gluthitze vor dem Gefängnis und bellt und jault und heult, tagelang, während sein Herrchen im Gefängnis von dem Militärrichter Huguess Lentier du Grez verhört wird, einem jungen Major, der nicht nur einen scharfen Verstand hat, sondern auch eine humanistische Bildung und jede Menge Empathie. Lentier versucht, Morlac im Verhör argumentative Brücken zu bauen, um Gnade vor Recht ergehen lassen zu können, aber Morlac weigert sich: Er wolle nicht, dass der Sinn seiner Handlung verfälscht wird, sagt er, ohne zu sagen, welcher Sinn dies denn sei. Doch dann kommt Lentier den Geheimnissen des Falls auf die Spur - und bahnt sich einen Weg in Kopf und Herz des Angeklagten.

Auch wenn er es gut meint: Es ist unangenehm, wie der Offizier den einfachen Soldaten in den Verhören behandelt, so belehrend, von oben herab, wie einen Heranwachsenden, und noch unangenehmer ist es, dass der Autor Rufin den Leser ganz ähnlich behandelt. Er schreibt sehr didaktisch, aber auch weihevoll und herzerwärmend. Er schreibt moralisch engagiert, aber auch bedächtig und brav. Er schreibt einen Roman, der im Dienst einer Idee steht.

"Das Rote Halsband" ist ein kleines Buch über ein großes Missverständnis, über Gerechtigkeit und über Stolz und über Treue, sei es zu einem Partner oder zum Vaterland. Es ist Geschichtskitsch, wie er sonst vor allem Fernsehfilmmachern einfällt. Es ist ein schlechter Roman für eine gute Sache.


Jean-Christophe Rufin: "Das rote Halsband". Aus dem Französischen von Nathalie Lemmens. C. Bertelsmann; 176 Seiten; 12 Euro.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Keineswegs belehrend, diese Kritik.
PentagoonRaider 26.11.2014
Aber Literaturkritiker ist ja auch ein Job, in den sich typischerweise Leute hineinmendeln, deren Beduerfnis, Andere von der ueberlegenen Intelligenz der Lehren ihrer eigenen Mutter ueber die all der anderen Muetter zu ueberzeugen, in einem frueheren Leben unfairerweise enttaeuscht wurde.
2. Es ist...
jim_panse_123 26.11.2014
...die mit dem Roten Halsband.
3. Trend der Zeit
malte.b 26.11.2014
Immer mehr fortschrittliche Menschen entscheiden sich hierzulande gegen Kinder und für Vierbeiner. Es ist gut, dass die Kulturszene dem in letzter Zeit mehr und mehr Rechnung zollt.
4. Erinnert an Konsalik
twister-at 26.11.2014
Konsalik hatte in seinen Kriegsschmökern ja auch so eine Art, das Ganze wirklich so schwarz-weiß darzustellen, dass es quietschte. Da kam dann die arme, unschuldige, wunderhübsche junge Frau zu dem dicken Offizier, der die wulstigen Lippen nach vorne schob, dessen Augen schon hervorquollen und der auf das zitternde bange Frägchen "Was... wollen Sie?" nur ein brünftiges, sattes "Dich" antwortete. Wenn ich das hier lese: "Der Offizier schwitzte. Behände öffnete er die etwa zwanzig Knöpfe an seinem Rock. Dujeux sagte sich, dass er sie bestimmt erst kurz vor dem Hereinkommen zugeknöpft hatte, um ihn zu beeindrucken. Der Mann war um die dreißig, und nach diesem Krieg war es nichts Ungewöhnliches, derart junge Männer mit Tressen geschmückt zu sehen. Sein vorschriftsmäßiger Schnurrbart wollte einfach nicht dicht wachsen, weshalb es aussah, als hätte er zwei Augenbrauen unter der Nase. " dann erinnert mich das vom Stil her doch sehr daran.
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