Krimi-Altmeisterin Sjöwall "Eine Revolution wäre doch eine feine Sache"

Sie ist die Grande Dame des sozialkritischen Krimis: Maj Sjöwall, 70, hat seit 30 Jahren nichts mehr geschrieben, obwohl die Schwedin dem Krimigenre durchaus zutraut, die Gesellschaft zu verändern. Die Politiker müssten nur endlich anfangen zu lesen.


SPIEGEL ONLINE:

Frau Sjöwall, welche Parallelen gibt es zwischen dem zehnbändigen Romanzyklus, den Sie zusammen mit Per Wahlöö geschrieben haben, und der heutigen skandinavischen Krimiliteratur?

Autorin Sjöwall: "Mankell ist brutal und schreibt ohne Humor"
Karl Ravn

Autorin Sjöwall: "Mankell ist brutal und schreibt ohne Humor"

Sjöwall: Per und ich haben Mitte der sechziger Jahre ein neues Genre innerhalb des Kriminalromans begründet. Wir wollten politische Bücher schreiben und fanden im Krimi die optimale Form. Wir waren die ersten Autoren, die über das Privatleben der Kommissare schrieben. Es gibt einige Nachfolger, die sich auf realistische Schilderung der Polizeiarbeit spezialisieren. Henning Mankell ist einer, der sich an unseren Figuren orientiert hat. Er schickte mir sein erstes Buch mit einer Widmung; "Danke für die Inspirationen".

SPIEGEL ONLINE: Ebenso wie Sie damals übt Mankell teils scharfe Gesellschaftskritik in seinen Krimis.

Sjöwall: Schwedische Kriminalromane bekommen heute automatisch den Stempel "gesellschaftskritisch" aufgedrückt, egal ob sie von Henning Mankell oder Liza Marklund geschrieben sind. Aber sie sind es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Sjöwall: Mankells Bücher beschreiben nur den Zustand der Gesellschaft. Die Missstände, die er aufzeigt, sind so deutlich, dass jeder sie erkennt. Außerdem gibt er vor, realistisch zu schildern. Aber er überzieht stark, ist sehr brutal und schreibt ohne Humor.

SPIEGEL ONLINE: Ereignisse wie der Mord an der Außenministerin Anna Lind zeigen doch aber, dass Schweden nicht die heile Bullerbü-Welt ist, die Astrid Lindgren beschrieben hat.

Sjöwall: Schweden hat seine Unschuld durch den Mord an Anna Lind endgültig verloren. Der Schock sitzt ähnlich tief wie nach dem Mord an Olof Palme. Bis vor wenigen Jahrzehnten waren wir noch ein Volk von Bauern und Fischern. Erst in den dreißiger Jahren kam der Gedanke der Sozialdemokratie zu uns. Die Entwicklung war gut, doch sie ging zu schnell. Die Werte haben sich zu schnell verändert, jetzt entwickeln wir uns wieder zurück, suchen Halt in der Kernfamilie. Politiker und Prominente sind heutzutage gefährdet. Die Königsfamilie geht nicht mehr ohne Sicherheitspersonal in der Stadt einkaufen.

SPIEGEL ONLINE: Dann ist die logische Folge doch, dass die Krimis, die von dieser Wirklichkeit beeinflusst werden, brutaler werden.

Sjöwall: Natürlich, und dann phantasiert man noch etwas dazu, so dass es noch brutaler als die Realität wird. Die Stadt ist gefährlich geworden, die Menschen sind sehr aggressiv, gerade die, die aus den Vorstädten kommen. Es ist schade, dass man heute Angst haben muss vor Menschen. Früher hatte man nur Angst vor Hunden und Chefs.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Kriminalroman denn überhaupt noch das richtige Genre, um Gesellschaftskritik zu üben?

Sjöwall: Im Krimi kann man verschiedene Gesellschaftsschichten hervorragend schildern. Es soll ja immer die Guten und die Bösen geben. Außerdem bietet der Kriminalroman die Möglichkeit, gewisse Milieus genau zu schildern. Aber viele Schriftsteller denken, dass das Schreiben eines Krimis nicht schwieriger als das Backen eines Zuckerkuchens sei: Man nimmt eine Leiche, einen Kommissar mit menschlichen Zügen und einen brutalen Mörder - fertig. Es gibt nur wenige, die von diesem Muster abweichen. Ich denke, dass die Polizeiromane bald aussterben. Das Publikum hat sich satt gelesen. Und bei Krimis geht es immer noch um Unterhaltung und nicht um hohe Literatur.

SPIEGEL ONLINE: Wie passen Sozialkritik und Unterhaltung zusammen?

Sjöwall: Ein Krimiautor sollte sich ein Spezialgebiet erarbeiten, so dass er Insiderkenntnisse in eine spannende Geschichte einbauen kann. Ich wünsche mir, dass mehr über soziale, psychische Probleme geschrieben wird. Ein Sozialarbeiter könnte über Prostitution schreiben oder über die Probleme, die in unserem Land durch einen hohen Ausländeranteil und fehlende Integration entstehen. So viele von ihnen versuchen, ein eigenes Unternehmen aufzubauen, eröffnen kleine Geschäfte und bezahlen Steuern in Schweden.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es in Schweden eine ähnliche Ghettoisierung wie in Frankreich?

Sjöwall: Wir haben ein großes Rassismus-Problem. Schweden hat viele Flüchtlinge und Asylbewerber aufgenommen. Auch in Schweden gibt es Gegenden, in denen fast ausnahmslos Ausländer wohnen. Eine der bekanntesten heißt Rinkeby und liegt im Nordwesten Stockholms. Auch hier brannte das ein oder andere Auto in den vergangenen Tagen. Das sind Hilferufe der Jugendlichen. Schade, dass sie ihre Energien nicht für sinnvolle Proteste nutzen. Eine kleine Revolution wäre doch eine feine Sache.

SPIEGEL ONLINE: Könnte Literatur nicht hilfreich sein, um auf diese Probleme aufmerksam zu machen?

Sjöwall: Natürlich, aber unsere Politiker lesen doch nicht. Es gibt einen Jungen aus Rinkeby, ich kann mich gerade nicht an seinen Namen erinnern (Jonas Hassen Khemiri, Anm. der Redaktion). Er hat seinen ersten Roman "Ett öga rött" ("Ein Auge rot") im typischen Slang der Einwandererkinder geschrieben. Damit hat er viele Preise gewonnen. Dieses Buch ruft geradezu nach Nachahmern. Mehr ausländische Jugendliche sollten schreiben und aus ihrem Alltag erzählen, weil man von ihnen nichts weiß. Es gibt auch einige Comedystars und Künstler mit ausländischem Hintergrund, die so ihre Probleme zur Sprache bringen. Aber Politiker gehen ja nicht ins Theater. Die sitzen in ihren Büros und wühlen sich durch Akten.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Bürger lesen Bücher und sprechen darüber.

Sjöwall: Die Leute sprechen über populäre Bücher, in der Kaffeepause, am Arbeitsplatz, mit der Familie. Aber was ändert das? Es gibt so viele Informationsquellen. Früher hatte die Literatur mehr Einfluss. Da gab es nur ein Fernsehprogramm, Radio, weniger Zeitschriften und kein Internet. Wir haben ja immer noch ein Affengehirn und wissen nicht, wie wir mit dieser Informationsflut umgehen sollen.

SPIEGEL ONLINE: Es werden aber auch zu viele Bücher wahllos herausgegeben.

Sjöwall: Wer heute einen Buchladen betritt und sich nicht auskennt, der kommt an den populären Autoren nicht vorbei, der geht mit einem Buch von Liza Marklund wieder aus dem Laden. Dann lesen alle Marklund, reden über sie und das Buch, aber das verändert doch nichts. Es gibt sicherlich viele gute Bücher, aber die verschwinden hinter den bunten Aufstellern. Die Menschen lesen das, was sie am einfachsten zu greifen bekommen. Der Markt bestimmt, was gelesen wird. Politiker sind immer unwichtiger geworden. Heute sieht man sie zwar alle im Fernsehen, aber man kann sich mit ihnen nicht mehr identifizieren, weder positiv noch negativ. Sie sind überflüssig geworden.

SPIEGEL ONLINE: Ist es denn auch unnötig geworden, die Gesellschaft zu kritisieren?

Sjöwall: Nein, aber es ist schwer geworden, außerdem eine traurige Angelegenheit. Es ist doch schöner, humorvolle Geschichten zu schreiben, die zwar von der Wirklichkeit inspiriert sind, aber sich davon entfernen. Wenn man Gesellschaftskritik betreiben will, das ist ein Job, der einen wahren Schriftsteller verlangt.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Ihrer Meinung nach einen solchen Schriftsteller?

Sjöwall: Nein, momentan sehe ich niemanden, der dieser Aufgabe gewachsen ist. Auch Pers und meine Bücher sehe ich nur als Unterhaltung, die auf der Wirklichkeit basieren. Die Leute, die uns damals gelesen haben, hatten bereits unsere Einstellung, waren linksradikale Studenten. Wir zogen keine Leser aus dem konservativen Spektrum an und haben politisch wenig bewirkt.

SPIEGEL ONLINE: Warum fangen Sie nicht wieder an, Kriminalromane zu schreiben?

Sjöwall: Ich habe keine Lust mehr, mich dem Medienrummel zu stellen. Die Verlage wollen, dass man sich ins Rampenlicht stellt, wenn man ein Buch rausbringt. Das sollen andere machen. Ich genieße mein anonymes Leben. Klar, ich würde meine Bücher gut verkaufen und viel Geld verdienen, was nur gerecht wäre, wenn ich auch am Kuchen etwas beteiligt werde. Aber das ist mir zu mühsam. Ich schreibe nur noch zum Vergnügen. Ich habe keine Lust, mich mit diesen Themen zu beschäftigen. Ich bin 70, ich werde mir noch ein nettes Leben machen. Ich muss die Gesellschaft nicht umkrempeln.

Das Interview führte Swantje Dake



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