Krimi-Autor Jan Costin Wagner Trauriger Todeskämpfer

Der neue Roman von Jan Costin Wagner gehört zum Besten, was das Krimi-Genre hergibt. Einen sympathischeren Mörder wird man kaum finden. Und einen traurigeren Polizisten erst recht nicht. Das Buch ist eine brillante Studie über Liebe, Trauer und Tod.

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Jan Costin Wagner: Lakonisches Porträt einer einsamen Seele.
DDP

Jan Costin Wagner: Lakonisches Porträt einer einsamen Seele.


Es gibt Bücher, die lässt man nach den ersten Zeilen links liegen und fasst sie nicht mehr an. Und es gibt welche, die lassen einen nicht mehr los. "Kimmo Joentaa lebte mit einer Frau in einem Herbst ohne Regen. Das Hoch wurde auf Magdalena getauft. Die Frau ließ sich Larissa nennen. Sie kam und ging. Er wusste nicht, woher und wohin." Das ist so lakonisch! So rhythmisch! So schön! Das ist Liebe auf den ersten Satz. Und als Einstieg in einen Krimi auffallend poetisch.

Aber was heißt hier schon Krimi? Der hochgelobte Sprachverknapper Jan Costin Wagner, 38, war noch nie bekannt dafür, klassische Whodunits zu schreiben, sondern melancholische Psychostudien über Trauer und Tod, Schuld und Sühne. Nun hat er ein Buch veröffentlicht, das mehr Liebesroman als Kriminalroman ist, trotz etlicher Morde, brutal beiläufig begangen.

Wortkarg und wie in Trance

Die Frau, die sich Larissa nennen lässt, ist Prostituierte. Tagsüber lacht sie viel, meistens über Kimmo, und nachts weint sie, worüber auch immer. Dann verschwindet sie, und Kimmo ist wieder alleine. So alleine wie nach dem Tod seiner Frau, die mit Mitte 20 an Krebs gestorben ist. Wann, zum Teufel, darf er endlich wieder glücklich sein?

Sein Unglück dauert schon vier Romane an: "Eismond" war Wagners erster Roman mit dem finnischen Polizisten Kimmo Joentaa, es folgten "Das Schweigen", "Im Winter der Löwen" und nun "Das Licht in einem dunklen Haus". Kimmo ist der Trauerkloß unter den Kriminalisten, einer, der nie ganz im Hier und Jetzt zu sein scheint, wortkarg und wie in Trance. Ein traumatisierter Schicksalringer, eng verwandt mit den Tätern, die er verfolgt, ein trauriger Todeskämpfer. Die Bücher mit ihm gehören zum Besten, was das Krimigenre derzeit zu bieten hat, eben weil sie die Gesetze des Genres nur als Folie nutzen. Das philosophische Leitmotiv: Derjenige, der den Tod verhindern sollte oder wenigstens aufklären, den Tod unter Kontrolle halten also, ist dem Schrecken des Todes am stärksten ausgeliefert.

Die Kimmo-Romane lassen sich daher zwar unabhängig voneinander lesen, ratsam aber ist das nicht, denn die Romane bauen aufeinander auf. Hintereinander weg gelesen, fügen sie sich zu einem einzigen großen Roman, zu dem Porträt einer einsamen Seele in Serienform.

Die Tränen des Mörders

Dieses Mal mutet der Autor Wagner seinem Helden Kimmo einen besonderen Tatort zu: die Station in der Universitätsklinik von Turku, auf der vor Jahren seine Frau gestorben ist. Nun ist dort eine ohnehin todgeweihte Koma-Patientin umgebracht worden, von einem sensiblen Täter, der in das Bettlaken seines Opfers geweint hat. Bei seinen weiteren Morden hingegen geht er eiskalt vor: Einen Softwareberater stürzt er von einem Dachgarten in die Tiefe, einem Politiker schlägt er mit drei Schnapsflaschen den Schädel ein. Er mordet brutal, aber beiläufig, stets an öffentlichen Plätzen und vor aller Augen.

Wagner wirft seine Figuren, Täter wie Opfer wie Polizisten, in eine psychische Extremsituation - und bannt dieses teuflische Chaos schreibend in ein klares Schema, wie in all seinen Romanen: Er schreibt einfach und verständlich; er entwirft kürzeste Kapitel mit Absätzen, die oft nur aus kargen Ein-Wort-Dialogen bestehen; er setzt harte Schnitte, von Schauplatz zu Schauplatz springend, von Figur zu Figur, von der Gegenwart weit zurück in die Vergangenheit.

Der Leser weiß sehr früh, welches Motiv den Täter antreibt und wer seine weiteren Opfer sein sollen, viel früher als die Ermittler. Die Spannung zerstört das nicht, im Gegenteil, denn der Leser erwischt sich recht bald dabei, nicht mit den Ermittlern mitzufiebern, sondern mit dem Täter. Sein Motiv ist einfach zu sympathisch. Hinzu kommt, dass der Held Kimmo zwar den Mörder sucht, wie immer, dass er aber wie immer noch mehr sucht: einen Weg zurück ins Leben. Und natürlich sucht er Larissa, seine Liebe. Das ist der bewegendste Teil der Suche.

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insgesamt 5 Beiträge
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sinta, 01.08.2011
1. .
Ich mag sie nicht mehr lesen, diese Krimis, in denen es nur noch um zerissene Menschen geht. Wo einem die Verzweiflung der Protagonisten auf jeder Seite freudig entgegen winkt. Ich brauche nicht noch ein "Porträt einer einsamen Seele". Jedesmal wenn ich solch einen Krimi fertig gelesen habe, bin ich noch mehr einsame Seele als ich schon vorher war. Da packt einen eine tiefe Traurigkeit - ich mag sie nicht mehr lesen, diese Krimis. Ist bestimmt ein guter Krimi, ganz bestimmt ...
Iwanov 01.08.2011
2. no title
Dann lesen sie doch mal Janwillem van de Wetering. Die Ermittler haben zwar auch Probleme, sind aber im großen und ganzen ganz recht gelassene Zeitgenossen. Und van de Wetering ist auch für einen Spaß zu haben, die Geschichten sind nicht alle bierernst. Denn ich muss ihnen zustimmen. Einen komplett gebrochenen Ermittler braucht keine Polizeibehörde. Den einzigen Roman um einen wirklich fertigen Kommissar den ich mochte, war "Die Rückkehr des Tanzlehrers" von Mankell (auch sehr schön verfilmt mit Tobias Moretti).
sinta, 01.08.2011
3. .
Zitat von IwanovDann lesen sie doch mal Janwillem van de Wetering. Die Ermittler haben zwar auch Probleme, sind aber im großen und ganzen ganz recht gelassene Zeitgenossen. Und van de Wetering ist auch für einen Spaß zu haben, die Geschichten sind nicht alle bierernst. Denn ich muss ihnen zustimmen. Einen komplett gebrochenen Ermittler braucht keine Polizeibehörde. Den einzigen Roman um einen wirklich fertigen Kommissar den ich mochte, war "Die Rückkehr des Tanzlehrers" von Mankell (auch sehr schön verfilmt mit Tobias Moretti).
(Hey Iwanov, wir kennen uns noch vom U-Boot - ich musste allerdings aus geheimdienstlichen Gründen meinen Namen ändern. ;) ) Mit welchem Buch von Janwillem van de Wetering sollte man den anfangen?
doktor_faust 02.08.2011
4. Schön, Herr Meng
[QUOTE=Al-Bundy;8408982]Z.B. fand ich im Kurzgeschichtenband von Marco Meng eine schöne Story, bei der es einem eiskalt den Rücken runter läuft, weil man merkt, dass sie real ist/sein könnte/war... Schön, Herr Meng, dass es Ihnen beim Lesen Ihrer eigenen Stories eiskalt den Rücken runter läuft. Beim Lesen Ihrer regelmässigen Eigenwerbung-Postings hier und in anderen Foren schüttelts mich auch regelmässig.
Helga-B- 28.11.2012
5. Trauriger Todeskämpfer - Jan Costin Wagner
Im Kulturspiegel Heft 12 las ich " Stille Nächte " von J.C. Wagner und ich war fasziniert. Ich habe noch nie zum Thema "sexueller Missbrauch" so eine ruhige, faszinierende und nachdenklich stimmende "Geschichte" gelesen. Sehr sehr lesenswert.
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