Krimi-Autoren Klüpfel und Kobr: "Die bizarrsten Verbrechen passieren auf dem Land"

Ihr Krimi "Rauhnacht" steht auf dem ersten Platz der Bestsellerliste, ihr "Kommissar Kluftinger" ist ein Provinz-Poirot: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview sprechen Volker Klüpfel und Michael Kobr über Terroristen im Allgäu, die Bedeutung des Dialekts - und die Körperfülle des Schauspielers Herbert Knaup.

Autorenduo Klüpfel/Kobr: "Wir schreiben richtige Krimis" Fotos
DPA

SPIEGEL ONLINE: Herr Klüpfel, Herr Kobr, Ihre Romane gelten als sogenannte Regional-Krimis, die seit einiger Zeit sehr populär sind. Trotzdem wehren Sie und viele ihrer Kollegen sich gegen die Einordnung ins Provinz-Genre. Warum?

Klüpfel: Das hat immer etwas Wertendes: Es gibt richtige Krimis und eben Regional-Krimis. Ich weiß nicht, warum man unsere Bücher nicht mit Simenons-Maigret-Romanen vergleichen sollte. Die spielen schließlich auch irgendwo.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren ersten beiden Büchern dominiert das Lokalkolorit. In den neueren Romanen geht es um alte Nazi-Verschwörungen und Terroristen. Der Lokalbezug geht verloren - eine bewusste Wandlung?

Kobr: Ja. Schon beim ersten Buch war uns klar, dass wir nicht bei jedem Volksfest und bei jeder Kirchweih literarisch dabei sein wollen. Wir möchten Krimis schreiben, aber eben heruntergebrochen auf die Region, die wir am besten kennen. Die Provinz ist auch längst nicht so sicher wie viele denken. Die bizarrsten Verbrechen passieren auf dem Land.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben immer noch nicht den Vornamen ihres Romanhelden Kommissar Kluftinger verraten, im aktuellen Buch "Rauhnacht" nennen Sie nur den Anfangsbuchstaben "a" und die Anzahl der Buchstaben, nämlich acht. Warum machen Sie es so spannend?

Klüpfel: Das hat sich so ergeben. Wir hatten unser erstes Buch zur Hälfte fertig und stellten fest, dass wir den Vornamen, den wir vorher festgelegt hatten, nie geschrieben haben. Dann haben wir uns gedacht, wenn es ein halbes Buch trägt, trägt es auch fünf Bücher.

Kobr: Die Namensfrage beschäftigt die Leser und jetzt spielen wir damit. Das macht schon Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Sie lassen Kluftinger zeitweise verkleidet als Hercule Poirot auftreten. Warum ausgerechnet Poirot?

Klüpfel: Die beiden sind sich in Körperfülle, Denkschärfe und Schrulligkeit ziemlich ähnlich. Es gibt eigentlich nur einen gravierenden Unterschied: Poirot ist nicht wirklich sympathisch, während Kluftinger eine liebenswerte Seite hat. Wir haben über die Jahre beim Schreiben festgestellt, dass wir Fans der Agatha-Christie-Romane sind, speziell von Poirot.

SPIEGEL ONLINE: Ihr zweites Buch "Erntedank" wurde verfilmt. In einem Interview haben vor allem Sie, Herr Klüpfel, sich negativ dazu geäußert. Sie sprachen von einer "Wäschetrommel", in die alle bisherigen Bücher geworfen und miteinander gemischt wurden. Wie stehen Sie zu der Verfilmung?

Klüpfel: Das war gar nicht negativ gemeint. Es ist schon so, dass sich die Drehbuchautoren aus allen Büchern bedient haben. Aber der Film ist wirklich gut geworden. Er hat so etwas Schräges, Heimeliges, aber funktioniert meiner Meinung nach sogar in Norddeutschland. Auch wenn man wegen des Dialekts nicht alles versteht.

Kobr: Man muss sich schnell von dem Gedanken verabschieden, dass die Romanvorlage eins zu eins umgesetzt wird. Das haben wir zum Glück geschafft. Der Ton unserer Bücher und der Wechsel zwischen privaten lustigen Szenen und den bedrückenden Fall-Sequenzen sind toll umgesetzt. Herbert Knaup spielt den Kluftinger auch sehr gut.

SPIEGEL ONLINE: Aber an Knaup haben Sie kürzlich kritisiert, dass er zu dünn sei.

Klüpfel: Man muss verstehen: Knaup ist nicht der Buch-Kluftinger. Er schien erst eine absurde Wahl zu sein. Knaup kann die Figur charakterlich aber ausfüllen. Auch körperlich ist er ein bisschen dicker geworden.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn jemanden, den Sie lieber in der Rolle des Kluftingers gesehen hätten?

Klüpfel: Wir wurden gefragt, ob der Film-Kluftinger genauso aussehen soll, wie im Buch beschrieben, oder ob er allgäuisch reden soll. Uns war das Allgäuische wichtiger. Wenn man jemanden hat, der zwar so aussieht wie der Buch-Klufti, aber nicht im richtigen Dialekt sprechen kann, funktioniert der ganze Film nicht.

Kobr: Die Frage stellt sich auch nicht mehr, sobald man Knaup gesehen hat. Er kann sich innerhalb von zehn Sekunden vom privaten Herbert Knaup in den Kluftinger verwandeln. Er läuft wie Kluftinger, er spricht wie Kluftinger, er sieht auf einmal aus wie Kluftinger.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie generell von Romanverfilmungen? Glauben Sie, dass eine Verfilmung besser sein kann als der eigentliche Roman?

Klüpfel: In unserem Fall kann sie natürlich nicht besser sein! Generell denke ich aber schon, dass ein Film einen langweiligen Roman verdichten kann. Je literarischer die Vorlage, desto schwieriger ist die Verfilmung.

Das Interview führte Roxana Wellbrock


Volker Klüpfel/Michael Kobr: "Rauhnacht", 368 Seiten, 16.95 Euro, Piper.

Erntedank: Ein Allgäukrimi, Samstag, 26. September, 20.15 Uhr, Bayerisches Fernsehen.

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