Krimi-Starautor David Peace "Erlösung ist nicht wichtig"

Sein neuer Roman "1977" handelt vom "Yorkshire Ripper", und wieder bestätigt sich: David Peace ist der härteste Krimiautor der Gegenwart. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der englische Schriftsteller über Serienkiller, die Enttäuschungen der Politik und die Suche nach Gnade.


SPIEGEL ONLINE:

In "1977" geht es um die Suche nach einem Serienmörder, der als "Yorkshire Ripper" in die Geschichte eingegangen ist. Serienkiller-Romane liegen jedoch bereits seit Thomas Harris' "Das Schweigen der Lämmer" im Trend. Was können Sie diesem ausgereizten Genre noch hinzufügen?

Autor Peace: "Nur die Suche zählt"
Serpent's Tail

Autor Peace: "Nur die Suche zählt"

Peace: Ich wollte etwas komplett anderes machen als Thomas Harris. "Das Schweigen der Lämmer" ist ein sehr gutes Buch, aber der Trend hin zu immer blutrünstigeren Serienkiller-Figuren, den es ausgelöst hat, ist mir suspekt. Mir war in "1977" nicht so sehr die Figur des Yorkshire Ripper wichtig, sondern die gesellschaftlichen Umstände, in denen die Morde stattfanden. Ich wollte herausfinden, warum und unter welchen Umständen diese Morde ausgerechnet im Yorkshire der siebziger Jahre passiert sind und nicht in Hamburg oder in Schottland.

SPIEGEL ONLINE: Die Yorkshire-Morde haben es ihnen schon als Kind angetan. Sie waren manisch mit dem Thema beschäftigt. Eine Zeitlang verdächtigten Sie sogar Ihren Vater, der Mörder zu sein.

Peace: Diese kindliche Besessenheit war weniger dramatisch, als es heute klingt. Ich hatte damals gerade einige Sherlock-Holmes-Geschichten gelesen und wollte, durch die damalige Panik angestachelt, den Fall lösen.

SPIEGEL ONLINE: Die offiziellen Institutionen der Aufklärung - Medien und Polizei - halten Sie scheinbar für unfähig. In "1974" ist der Protagonist ein junger Gerichtsreporter, in "1977" stehen ein Polizist und ein Journalist im Mittelpunkt. Beide scheitern kläglich.

Peace: Das stimmt. Aber es ging mir nicht nur um eine Kritik an den Medien. Eddie Dunford, die Hauptfigur in "1974", repräsentiert das, was wir in England als "angry young man" bezeichnen. Ich wollte beschreiben, was aus diesem literarischen Vorbild, das für Rebellion und Auflehnung stand, geworden ist. Bei der Figur des Jack Whitehead, dem Journalisten in "1977", ging es mir darum, dass ein Journalist die Bezeichnung "Yorkshire Ripper" in die Welt gesetzt hat. Ich wollte zeigen, wie schnell ein Journalist an den Schrecken seiner Geschichte zu Grunde gehen kann.

SPIEGEL ONLINE: "1977" spielt in Wakefield, einer Stadt in der Nähe Ihres Heimatortes Ossett. Sie liefern in Ihrem Buch ein erschreckendes Psychogramm der damaligen Gesellschaft. Wollten Sie Rache an dem Ort Ihrer Kindheit nehmen?

Peace: Yorkshire befand sich in einer Phase permanenter Rezession, die sozialen Spannungen nahmen stetig zu. Es war eine Zeit des alltäglichen Rassismus gegen Schwarze und Pakistani, eine Zeit der Aggression gegen Homosexuelle und gegen alles Fremde. Diese Atmosphäre der Härte und Feindseligkeit hat ihre Spuren hinterlassen.

SPIEGEL ONLINE: Und eine desillusionierte Einstellung gegenüber der Politik.

Peace: Auf jeden Fall. Als Jugendlicher, in den Achtzigern, war ich politisch sehr aktiv. Ich war Mitglied der Kommunistischen Partei und engagierte mich für die Campaign for Nuclear Disarmement. Nach dem Scheitern der Linken in Großbritannien und in Europa war ich ziemlich desillusioniert. Ich begann mich für andere Sachen als Politik zu interessieren. Doch als ich mit "1977" begann, wurde mir klar, dass es unmöglich ist, sich einer politischen Sicht auf die Dinge zu entziehen. Wir hatten in Yorkshire in den Siebzigern eine Labour-Regierung, und ihr Versagen bei der Jagd nach dem Yorkshire Ripper hat sich auch auf die politische Situation um den Bergarbeiterstreik 1984 ausgewirkt. Von daher ist meine geplante Yorkshire-Tetralogie auch eine Chronik des politischen Scheiterns.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Romanen gibt es keine Erlösung, am Ende werden alle von Schuld und Obsessionen zerstört. Keine Angst, dass das Grauen Ihrer Figuren Sie eines Tages einholt?

Peace: Nein, auf keinen Fall. Ich bin in einer protestantisch-katholischen Familie groß geworden und kenne das Gefühl von Schuld und die Sehnsucht nach Reinheit sehr gut. Aber ich denke, dass nicht die Erlösung der entscheidende Punkt ist, sondern vielmehr das Streben danach. Ich habe viele der großen amerikanischen Krimiautoren gelesen: Hammett, Chandler, Jim Thompson, James Ellroy. Für ihre Figuren scheint es oft auch keine Erlösung zu geben. Aber es ist nicht die Erlösung, sondern die Suche danach, die zählt.

Das Interview führte Matthias Seeberg


David Peace: "1977". Liebeskind. 396 Seiten. 22 Euro



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