ThemaLiteraturRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Krimiautor David Peace "Ich wollte hinschmeißen, um meine Psyche zu retten"

Schriftsteller Peace: "Ich versuche, jedem Ort sein schmutziges Geheimnis zu entlocken."Zur Großansicht
Suse Walczak

Schriftsteller Peace: "Ich versuche, jedem Ort sein schmutziges Geheimnis zu entlocken."

2. Teil: "Ich war jung, Single und einsam"

SPIEGEL ONLINE: Wieso nur zwölf?

Peace: Weil mir das vor einigen Jahren klar wurde. Ich habe für alle Romane die Themen, ja sogar schon die unterzeichneten Verträge.

SPIEGEL ONLINE : Und danach?

Peace: Werde ich nicht mit dem Schreiben aufhören, aber den Roman als Form habe ich dann abgehakt. Dann werde ich mich an Poesie, Theaterstücken und Ähnlichem versuchen. Man darf nicht stillstehen im Leben, sonst wird es langweilig. Ich könnte mir auch vorstellen, Sachbücher zu schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Ihren Romanen liegen meist historische Fakten und Geschehnisse zugrunde. Was reizt Sie an dieser Mischung von Tatsachen und Fiktion?

Peace: Ich versuche immer, den Orten, an denen ich lebe, ihre Geheimnisse zu entlocken. Bevorzugt die schmutzigen Dinge, die einem die offizielle Geschichtsschreibung gern vorenthält. In der Gegend, in der meine "Red Riding"-Bücher spielen, bin ich aufgewachsen. Ich erinnerte mich an die Zeit, als alle den Yorkshire Ripper jagten, eine paranoide Erfahrung, weil irgendwie jeder unter Verdacht war. Die Tokio-Bücher entstanden, weil ich dort in den letzten Jahren gelebt habe und mich mit der Geschichte der Stadt intensiv auseinandersetzte. Alles, was unsere Gesellschaft ausmacht, liegt doch darin begründet, wo wir herkommen. Geschichte lässt einen nie los und ist deshalb immer aktuell.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit kommt man bei den eher verschlossenen Japanern?

Peace: Ich lebte mit meiner Familie im East End von Tokio, als ich meine ersten beiden Tokio-Romane schrieb. Ein Viertel, das im März 1945 komplett ausradiert worden war. Ich ging dort mit meinen Kindern spazieren, und die fragten mich natürlich, warum es dort keine alten Gebäude gibt, keine Monumente, eigentlich nichts Altes. In der Schule in Japan bleiben solche Katastrophen unerwähnt. Trotzdem muss man nachfragen. Es darf nicht alles vergessen werden. Mein japanischer Verleger hat mein Manuskript sehr genau gegengelesen und mich auf Fehler aufmerksam gemacht. Japanische Journalisten fragten mich in Interviews, wie es mir gelungen sei, so tief in die japanische Psyche einzutauchen. Ich glaube aber nicht, dass sich die japanische Psyche großartig von der britischen oder deutschen unterscheidet.

SPIEGEL ONLINE: Muss man die Erinnerung an jedes blutige Detail wirklich bewahren? Hilft nicht manchmal auch das Vergessen?

Peace: Die großen Kriege der Gegenwart wurden von Menschen wie George W. Bush oder Tony Blair in Auftrag gegeben. Männern, die selbst nie einen Krieg erlebt haben und für die solche Gräuel deshalb abstrakt sind. Herrn Kodaira aus "Tokio im Jahr Null" hat es ja genauso gegeben. Er ging in Japan zur Armee und wütete schlimm in China, vergewaltigte, mordete und bekam daheim Orden. In Tokio mordete er weiter. Als das alles aufflog, richteten sie ihn hin.

SPIEGEL ONLINE: Und Ihre Botschaft ist, dass in uns allen ein potentieller Mörder lauert?

Peace: Das Gegenteil: Mit so einer Eigenschaft wird man geboren wie ein begabter Klavierspieler oder Maler. Ein Serienkiller hat kein Verständnis für Mitleid und Gefühle. Das grenzt ihn von den meisten Menschen ab.

SPIEGEL ONLINE: Aber waren die japanischen Soldaten, die in chinesische Dörfer einfielen, Frauen vergewaltigten und Kinder massakrierten, wirklich Serienkiller?

Peace: In der japanischen Armee wurde den Soldaten so lange eingetrichtert, dass Chinesen keine menschlichen Wesen seien, bis sie das glaubten. Wer ist da das Opfer? Wir sitzen hier in einem schicken Hotel, trinken Cappuccino und Cola, während weit weg von uns Menschen vor Hunger und Durst sterben. Beschäftigt uns das? Nein, man schaltet irgendwann aus. Ich glaube, dass Menschen im Krieg in extremen Situationen auch Teile ihres Hirns abschalten. Der englische Pilot, der Dresden bombardiert, der deutsche Wächter im Gefangenenlager. Sonst ist Vieles nicht erklärbar.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Stil und Rhythmus Ihrer Sprache gefunden, um das oft Unbeschreibliche in Worte zu fassen?

Peace: Menschen, die sich in einer zertrümmerten Welt bewegen, so wie in meinen Tokio-Büchern, nutzen auch eine fragmentierte Sprache. Stakkato-Worte und -Sätze, die ihre Verzweiflung widerspiegeln.

SPIEGEL ONLINE: Testen Sie, ob der Rhythmus funktioniert?

Peace: Ja, ich lese mir immer wieder laut die Sätze vor - bis sie stimmig sind. Sprache hat immer eine Melodie, egal ob die düster oder fröhlich ist. Diese Melodie zu finden, dauert manchmal sehr lange. Auch auf den Buchseiten ist wichtig, wie die Sätze stehen. Ich habe da bestimmte Vorstellungen, die bei meinem Verlag regelmäßig für Verzweiflung sorgen. Aber manchmal entsteht so eine sehr eigenartige Poesie.

SPIEGEL ONLINE: Kann man Schreiben üben?

Peace: Aber natürlich. Ich schreibe regelmäßig Texte, die mich beeindrucken, ab und um. Vorhin zum Beispiel ein Kapitel aus einem Roman von Friedrich Dürrenmatt. Ich änderte den Rhythmus und die Zeit. Aus der dritten Person Vergangenheit machte ich die erste Person Gegenwart. Ein Spiel. Aber die Geschichte wurde so viel dramatischer, unmittelbarer. Dafür blieb die Melancholie des Originals auf der Strecke. Quatsch, aber spannend. Leider analysiere ich alles, was ich lese. Das kann ich nicht ausschalten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Schreiber haben Sie am meisten beeindruckt?

Peace: Heiner Müller, Bulgakow, T.S. Elliot und James Ellroy.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwierig war es eigentlich, Ihre "Red Riding"-Bücher verfilmbar zu machen?

Peace: Es brauchte Zeit. "1974" ist so grotesk brutal, dass ich mich auch wunderte, wie das funktionieren soll. Ich habe die Drehbücher nicht geschrieben, aber regelmäßig kommentiert. So einen Roman könnte ich heute nicht mehr schreiben. Ich war jung, Single und einsam und wollte den besten Kriminalroman aller Zeiten schreiben. Heute als Vater würde ich das, was in diesem Buch mit Kindern passiert, nicht mehr zu Papier bringen. Der Film zeigt das alles nicht. Gott sei Dank! Im Film sind die Figuren sympathischer. Auch "1983" und "1977" sind gut. Aber es gibt tatsächlich Leser, die sich darüber beschwert haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind nach zwölf Jahren in Tokio zurück nach England gezogen. Schreiben Sie aus der Entfernung anders über Japan?

Peace: Ich glaube nicht. Ich bin aus privaten Gründen nach England zurückgekehrt. Aber was das Schreiben angeht, fühle ich mich eigentlich überall unwohl, was eine hervorragende Voraussetzung für meine Arbeit ist. Warum sollte ich sonst schreiben?

Das Interview führte Christoph Dallach

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 1146 Beiträge
BerSie 13.08.2008
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen [...]
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen toleriert würden!
joachim durrang 13.08.2008
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
kurzundknapp 13.08.2008
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Zitat von joachim durrangich lese hauptsächlich meine eigenen texte
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
BerSie 13.08.2008
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
Zitat von kurzundknappWow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
Muffin Man 13.08.2008
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels [...]
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels (http://www.dtv.de/eleganz_des_igels/index.html)", eine möglicherweise interessante Gegenüberstellung zweier Außenseiterpositionen, ich hab's allerdings wegen eines höheren Stapels älterer Bücher, die ich noch vorher lesen will, kaum angerührt... und Cornelius Medveis "Mr. Thundermug (http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=22701)", dessen Story allerdings ziemlich simpel ist - naja, DAS ist's ja auch, was Lesepublikum und Lektoren verlangen...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Literatur
alles zum Thema Literatur

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zur Person
Der Schriftsteller David Peace, geboren 1967 in England, hat einen reichlich unpassenden Namen für seinen Beruf. In seinen Krimis zerstört er radikal die Existenzen seiner Charaktere und kreiert eine Atmosphäre aus Angst und Unsicherheit. Bekannt wurde Peace durch die Bücher "1974", "1977", "1980" und "1983", genannt das "Red Riding Quartett". Zuletzt erschien "Tokio im Jahr Null", der erste Teil einer Trilogie.

SPIEGEL ONLINE
Was lesen? Was kaufen? Was verschenken?

Die aktuelle Taschenbuch-Bestsellerliste: Welche Paperbacks sind gerade heiß begehrt.

Jede Woche bei SPIEGEL ONLINE.

Übersicht: Alle Bestseller


Buchtipp

David Peace:
"Tokio im Jahr Null"

Aus dem Englischen von Peter Torberg.

Liebeskind, München; 408 Seiten; 22 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen

Leseprobe

Mehr auf SPIEGEL ONLINE




TOP



TOP