Kriminalroman "Der Fall Neruda" So viele Länder wie Geliebte

Er ist ein Poet - und ein politischer Kopf: Der Chilene Roberto Ampuero wird in seiner Heimat dafür gefeiert, Kriminalromane mit Zeitgeschichte zu vermählen. Sein jüngstes Buch war ein Wagnis: Ampuero kratzt an einem Denkmal.

Gleichermaßen dem Tode geweiht: Pablo Neruda und die chilenische Revolution

Gleichermaßen dem Tode geweiht: Pablo Neruda und die chilenische Revolution

Von Christiane von Korff


Versonnen betrachtet Roberto Ampuero ein Containerschiff und die Fähren, die auf der Elbe an ihm vorbeiziehen. Sein Blick schweift zum gegenüberliegenden Ufer, dort ist der Hamburger Hafen zu sehen. "Die Kräne", sagt der Chilene unvermittelt, "sehen traurig aus." Wie bitte? "Weil sie stillstehen." Ob dies an der Mittagspause oder der Wirtschaftskrise läge?

Ampuero, 56, ist ein Poet und ein politischer Kopf. Er ist Kolumnist führender chilenischer Blätter, wurde im März vom Präsidenten Pinera zum Kulturberater berufen und benutzt in seinem jüngsten Buch "Der Fall Neruda" mal wieder das Genre des Kriminalromans für eine zeithistorische Tour de Raison. Die führt seinen Helden, den Detektiv Cayetano Brulée, kurz vor dem Pinochet-Putsch 1973 durch fünf verschiedene Länder: Chile, Mexiko, Kuba, die DDR und Bolivien.

Ampuero kratzt an einem Denkmal

Es war eine Herausforderung, Pablo Neruda in den Mittelpunkt eines Romans zu stellen, denn in Chile, sagt Ampuero, "ist jeder Zweite Neruda-Experte." Und es war ein Wagnis, denn das Buch ist nicht nur eine Hommage an den heiligen Dichter, Kommunisten und Freund von Salvador Allende. Ampuero kratzt an einem Denkmal, indem er seinen Detektiv ein Geheimnis lüften lässt: Pablo und die Frauen. Die er ausbeutete und fallen ließ, wenn sie ausgedient hatten, sei es, um seine Karriere voranzutreiben oder seine Phantasie zu beflügeln. "Ich hatte viele Geliebte in meinem Leben," sagt der Alte dem jungen Detektiv Brulée, "ohne sie hätte ich keine Gedichte geschrieben."

Neruda selbst gibt dem Detektiv den Auftrag, eine dieser Geliebten aufzuspüren, weil er vermutet, dass er mit ihr eine Tochter hat. Denn der Dichter spürt, dass er an seinem Krebsleiden sterben wird, und er will nicht nur durch "Tinte" weiterleben, sondern auch durch "sein Blut".

Liebe in Zeiten des kalten Krieges: Die Revolution und Allende sind zum Tode verurteilt, während sich in Kuba chilenische Revolutionäre zum Kampf gegen die Putschisten ausbilden lassen. Und in der DDR berichtet die aktuelle Kamera täglich von angeblichen Produktionsrekorden.

Ampuero war selbst in kommunistischen Jugendverbänden aktiv und hat nach dem Putsch im Exil in Kuba und in der DDR und später in der Bundesrepublik gelebt. Wohl deshalb gelingt es ihm, ganz gegensätzliche Welten zu entwerfen, die er durch die Ermittlungen und den klugen und humorvollen Blick seines Detektivs verknüpft: Da ist die düstere Stimmung auf den Straßen Chiles kurz vor Allendes Sturz, das pralle Leben auf der Insel Kuba trotz der Mangelwirtschaft sowie die pedantischen Stasi-Funtionäre im Arbeiter- und Bauernstaat.

Dort werden immerhin so mächtige Haxen aufgetischt, dass Brulée annimmt, dass die Schweine in den LPGs die Größe von Kühen haben und wie Könige leben. Wie zum Tode verurteilte Kühe natürlich.


Roberto Ampuero: Der Fall Neruda, übersetzt von Carsten Regling, Bloomsbury Berlin, 377 Seiten, 22 Euro.



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hajoschneider 26.04.2010
1. no title
Zitat von sysopEr ist ein Poet - und ein politischer Kopf: Der Chilene Roberto Ampuero wird in seiner Heimat dafür gefeiert, Kriminalromane mit Zeitgeschichte zu vermählen. Sein jüngstes Buch war ein Wagnis: Ampuero kratzt an einem Denkmal. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,690924,00.html
Es ist gut und wichtig, an Denkmälern zu kratzen, denn blinde Helden- oder Vorbildverehrung passt nicht mehr in unsere Zeit. Als ich Nerudas "Ich bekenne, ich habe gelebt" gelesen habe (vor ca. 40 Jahren, es wurde mir von einem Freund empfohlen), überkam mich eine leise Abneigung gegen Neruda. Denn unter diesem Titel sollte doch das ganze Leben dieses Poeten ausgebreitet werden mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten. Aber Neruda beschreibt ausführlich seine Höhen und Tiefen, seine Flucht und Wiederkehr, seine Begegnungen und seine Leiden, seine Freuden, seine Gefährdungen, und dann irgendwann steht da irgendwan nach der Mittel des Buches der Satz, den ich nur noch der Bedeutung nach zitieren kann: ... wurde ich von meiner Frau geschieden." Diese Verbindung hat er aber vorher mit keinem Wort erwähnt. Da kam mir plötzlich der Titel des Buches billig und abgeschmackt vor.
sukowsky, 26.04.2010
2. Neruda war ein Poet und Künstler
Neruda war ein Poet und Künstler und unerreicht bis heute. Wer seine Werke gelesen hat insbesonders das Buch, "Confieso Que He Vividoo" (Ich gestehe, dass ich gelebt habe) ist beeindruckt. Und außerdem, das man ständig den Frauen nachschautund nachruft ist in Lateinamerika (Chile) nichts besonderes. Für manch einen Europäer ist das sehr gewöhnungsbedürftig. Auch Roberto Ampuro macht da sicherlich heute noch mit. Hier eine Anekdote von Neruda als er in Asien Konsulatsbeamter war. Eine Geliebte von ihm hatte sich seiner so bemächtigt (alle Schritte von ihm waren unter Kontrolle) sodass er eines Tages frühmorgens um 3 Uhr flüchtete und sie so auf Nimmerwiedersehen verließ.
toskana2 26.04.2010
3. kratzen
Zitat von sysopEr ist ein Poet - und ein politischer Kopf: Der Chilene Roberto Ampuero wird in seiner Heimat dafür gefeiert, Kriminalromane mit Zeitgeschichte zu vermählen. Sein jüngstes Buch war ein Wagnis: Ampuero kratzt an einem Denkmal. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,690924,00.html
Ampuero kann gar nicht an Nerudas Dichtung kratzen. "Lasst mich mit dem Tag allein, gebt mir Urlaub, dass ich geboren werde", schrieb mal der Gescholtene. Ein europäischer Dichter hätte einen metapherbeladenen Wälzer gebraucht, um diese schlichte Zeile auszudrücken!
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