Krimis des Monats Je moller, desto doller

Sam Millar war der Kopf hinter einem spektakulären Raubüberfall, nun veröffentlicht er "Die Bestien von Belfast". Arne Dahl verabschiedet sich mit "Bußestunde" von der A-Gruppe. Ross Macdonald beschreibt in "Der blaue Hammer" die Familie als Wiege alles Bösen.

Erst, wenn das alte SPIEGEL-Prinzip Infozeile/Schmuckzeile nicht mehr gilt, liegt wahrhaftig Dunkelheit über der Welt
Corbis

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Vielversprechender Auftakt: Sam Millars "Die Bestien von Belfast"

Vielleicht haben sie das falsche Buch übersetzt. Vielleicht hätte Atrium die Reihe mit Büchern des nordirischen Schriftstellers Sam Millar nicht mit "Die Bestien von Belfast" beginnen lassen sollen. Vielleicht wäre Millars Autobiografie "On The Brinks" der passendere Auftakt gewesen.

Millar war in seinem früheren Leben nicht Holzfäller, Lastwagenfahrer, Reiseführer in China oder was laut Cover-Biografien sonst noch die typischen Brotjobs von Krimiautoren sind. Millar war ein Krimineller. Und zwar kein kleines Kaliber, sondern der kreative Kopf hinter einem der spektakulärsten Raubüberfälle der Neunziger Jahre in den USA: den Überfall auf ein New Yorker Depot der Sicherheitsfirma Brink's.

Seit seiner Verhaftung und der Begnadigung durch Bill Clinton einige Jahre später hat sich Millar nichts mehr zuschulden kommen lassen. Wenn man von dem Vorwurf der Manipulation von Internet-Buchrezensionen einmal absieht. Aber "sock puppetry" ist kein Verbrechen, höchstens eine Sauerei, und Millar bestreitet die Vorwürfe seines Krimi-Kollegen Stuart Neville energisch und glaubwürdig. Zumal er solche Machenschaften gar nicht nötig hat. Denn Sam Millar ist ein talentierter Schriftsteller, der es neben seiner (von einem großen Hollywood-Studio optionierten) Autobiografie im vergangenen Jahrzehnt auf ein halbes Dutzend Krimis und ein Theaterstück gebracht hat.

"Die Bestien von Belfast", im Original 2008 unter dem Titel "Bloodstorm" erschienen, kann sich durchaus mit den Höhepunkten der aktuellen nordirischen Krimi-Produktion messen. Millar mag nicht so ein wagemutiger Erzähler sein wie Adrian McKinty, und der Wortwitz eines Colin Batemangeht ihm definitiv ab, aber diese Schwächen kompensiert Millar durch die tiefe Ernsthaftigkeit, mit der er seine düstere Rachegeschichte erzählt. In "Die Bestien von Belfast" geht es nicht nur um einen Mord und seine Aufklärung, es wird auch eindrücklich gezeigt, welche Verwüstungen Verbrechen in der Seele von Menschen anrichten, wie Gewalt immer neue Gewalt erzeugt. Aber Millar schreibt nicht mit erhobenem Zeige-, sondern mit ausgestrecktem Mittelfinger.

Schon der Auftakt, eine Gruppenvergewaltigung, ist ein Schlag in die Magengrube, so drastisch und abstoßend detailreich, dass manch ein Leser versucht sein mag, das Buch sofort wieder beiseitezulegen. Doch diese Intensität braucht es, um den anschließenden Rachefeldzug zu verstehen (manche würden wohl sagen: zu legitimieren). Einen Rachefeldzug, in den der abgerissene Privatdetektiv Karl Kane hineingezogen wird, tiefer und tiefer. Bis er sich entscheiden muss, auf welcher Seite des Gesetzes er eigentlich steht. Und er zu verstehen beginnt, dass Recht nicht zwangsläufig etwas mit Gerechtigkeit zu tun haben muss.

"Die Bestien von Belfast" ist der vielversprechende Auftakt zu einer neuen Reihe von Krimis mit dem Ermittler Karl Kane. Über eine baldige Übersetzung von "On The Brinks" würden wir uns trotzdem freuen. Marcus Müntefering

Buchtipp
h-Moll bei der A-Gruppe: Arne Dahls "Bußestunde"

Mit dem blutrünstigsten Serienmörder, den Schweden jemals hervorgebracht hat, haben es die Ermittler aus der A-Gruppe in ihrem letzten Fall zu tun. Als treue Leserin der Reihe dürfte man das aber als eher unspektakuläre Aufgabe verbuchen. Dieser Stoizismus rührt nicht nur daher, dass die A-Gruppe eine Spezialeinheit für Gewaltverbrechen von internationalem Charakter ist und sich deshalb meist mit weltweit agierenden Schwerstverbrechern herumschlagen muss. Es liegt auch an den Fällen selbst, die das Team um Kerstin Holm und Paul Hjelm über zehn Bücher hinweg lösen musste. Immer drastischer, immer abwegiger, immer verschwörerischer wurden die Geschichten, bis es um nichts weniger als die Bedrohung der gesamten Menschheit ging.

Diese ständige Eskalation, nicht nur der Gewalt, sondern auch der Verschachtelung der Erzählung, hat zunehmend ermüdet. Dennoch hat es Arne Dahl immer wieder verstanden zu fesseln, denn die Psychologie seiner Figuren ließ er in völlig angemessenem Umfang wuchern. Mit jedem Fall türmte er das Gewicht von professionellen Traumata, moralisch zweifelhaften Entscheidungen und privaten Enttäuschungen auf den Schultern seiner Ermittler noch höher auf, bis man sich fragte, wie es Viggo Norlander oder Arto Söderstedt überhaupt noch schafften, sich vom Fleck zu bewegen.

In "Bußestunde", dem zehnten Buch über die A-Gruppe, scheint das Gewicht nun auch auf den Erzählfluss zu drücken - was durchaus zu begrüßen ist. Auch diesmal geht es um erschütternde Verbrechen, die das Potential haben, ganze Nationen zu traumatisieren: Unter anderem werden schwerst magersüchtige Frauen systematisch gefoltert sowie andere Frauen zwangsverstümmelt, um gewinnbringend Perversen zugeführt zu werden - und das sind nur die Fälle der A-Gruppe: Paul Hjelm muss gleichzeitig aufklären, warum Schwedens wichtigster Spion verschwunden ist.

Dennoch nimmt sich die Geschichte nicht überladen aus. Vielmehr schafft es Dahl, die Verbrechen auf eine individualpsychologische Ebene herunterzubrechen - trotz allgemeingültiger Aussagen über Gewalt an und Gewalt von Frauen.

Zum Schluss ist man dann wieder da, wo alles begann: bei Paul Hjelm und der A-Gruppe, diesem Zusammenschluss von ganz und gar gewöhnlichen Menschen, die dennoch außergewöhnliches geleistet haben. Was von ihnen übrig bleibt? Zehn unglaublich spannende Fälle und dazwischen funkelnde Sätze wie dieser hier aus "Bußestunde", als Paul Hjelm in seinem Auto eine CD mit der h-Moll-Messe von Bach einlegt: "Vor allem aber was es ganz einfach wunderbare Musik, bei der die Luft unglaublich viel leichter zu atmen war. Die zweihundertfünfzig Jahre, die zwischen dem Kantor in Leipzig und dem Polizisten im Umweltauto lagen, existierten nicht mehr. Die Verbindung zwischen ihnen war unmittelbar und nicht zu bezweifeln." Hannah Pilarczyk

Buchtipp

Melancholischer Abschied: Ross Macdonalds "Der blaue Hammer"

"Der blaue Hammer" aus dem Jahr 1976 ist der letzte Roman des 1983 gestorbenen Krimiautors Ross Macdonald. Wenn man ihn jetzt, in dieser soliden Neuübersetzung, wiederliest, entdeckt man, dass es ein Abschiedsbuch ist. Es ist ein langer, zutiefst melancholischer Abschied, in dem Macdonalds in fast 30 Jahren und etwa 20 Fällen älter und müder gewordener Privatdetektiv Lew Archer manchmal nicht mehr die Kraft zum Weitermachen zu finden scheint. Einmal lässt er sich sogar von einem dubiosen Sektenführer fast umstimmen, sein Leben grundlegend zu ändern. "Vielleicht war es wirklich so", sinniert Archer, "dass die Wahrheit, die ich suchte, nicht in dieser Welt zu finden war."

Doch dann tut der Mann wieder, was ein Privatdetektiv tun muss: Er ermittelt weiter in seinem letzten Fall, der so harmlos anfing. Um ein verschwundenes Gemälde geht es zunächst, das Jack und Ruth Biemeyer, eines dieser Macdonald-typischen gelangweilten und sich selbst zerfleischenden Ehepaare, vermisst. Doch schon bald wird aus dem Diebstahl ein Mordfall; der Galerist, der das Bild verkauft hatte, wird erschlagen aufgefunden. Als sich dann auch noch die Teenager-Tochter der Biemeyers mit dem Hauptverdächtigen aus dem Staub macht, herrscht ziemliche Aufregung in Santa Teresa, wo die meisten von Macdonalds Büchern spielen und der eigentlich Santa Barbara ist, dieser scheinbar makellose kalifornische Küstenort, der über Jahrzehnte Macdonalds Zuhause war. Ein Zuhause, das zumindest in seinen Büchern nicht gut weg kommt. Unter der kalifornischen Sonne scheinen die Menschen besonders anfällig für Hass, Neid und Gier zu sein.

Wie von Macdonald, diesem Psychologen unter den amerikanischen Krimi-Klassikern, gewohnt, ist auch im "Blauen Hammer" die Familie, eigentlich doch Rückzugsort in einer zunehmend als feindlich und fremd empfundenen Welt, die Wiege alles Bösen. Und so wimmelt es auch in diesem Roman von verlorenen Söhnen, verirrten Töchtern und überforderten Eltern. "Es gibt Familien", lässt Macdonald Archer sagen, "deren Mitglieder alle in verschiedenen Städten - oder sogar verschiedenen Staaten - leben sollten, um sich einmal im Jahr einen Brief zu schreiben." Und es gibt Familien, das stellt sich am Ende heraus, die nicht einmal wirklich Familien sind. Sondern Lügenkonstrukte, vergeblich geschaffen, um den Deckel auf den Untaten der Vergangenheit zu halten. Eine Vergangenheit, die ihren Schatten über die Gegenwart wirft und so jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu zerstören droht.

Wie Ross Macdonald seinen Detektiv Lew Archer nach und nach dieses Haus der Lüge zum Einsturz bringen lässt, ist meisterlich konstruiert und überragend geschrieben. Er wirft einen mitleidigen Blick auf eine Welt, in der "man sich auf Schritt und Tritt an den Schnittkanten der Realität verletzen kann". Eine Welt, die sich an der Oberfläche ständig verändern mag, im Kern aber immer dieselbe bleibt: "eine Welt, in der Geld das große Wort führte - oder sich Schweigen erkaufte". Marcus Müntefering

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
butterfliege 17.05.2013
1.
Schöne Bildunterschrift!
Das Grauen 17.05.2013
2. Was bringt die Neuübersetzung?
Ìch habe diesen Ross Macdonald Roman gelesen, muß irgendwo im Regal stehen. Wenn ich mich recht erinnere, wurde er auch in früheren Rezessionen als einer seiner besten bezeichnet. Aber was bringt die Neuübersetzung? Wäre schön, wenn hier auch etwas darüber geschrieben worden wäre. Mir jedenfalls war es nicht aufgefallen, daß die "alte" Übertragung so schlecht gewesen sein soll. Übrigens, wirklich, Sie haben die Infozeile schön! :)
ruzoe 17.05.2013
3. ...liegt wahrhaftig Dunkelheit über der Welt.
Die Hammett-Chandler-Macdonald-Adepten in der Kulturredaktion sind immer die, die selbst bei einer simplen Bildlegende vor Ergriffenheit den Bauchnabel zu Rate ziehen...
Frankfurterin 17.05.2013
4. Neuübersetzung? Von wem?
Wenn ich nachreichen darf, was Sie verschweigen: Die Bestien von Belfast; Sam Millar, in der Übersetzung von Joachim Körber Bußestunde: Arne Dahl, in der Übersetzung von Wolfgang Butt Der blaue Hammer: Ross Macdonald, in der Übersetzung von Peter Naujack. Was würden Sie besprechen wollen, wenn es Körber, Butt, Naujack und all die anderen Übersetzer und Übersetzerinnen nicht gäbe, die aus Literatur Weltliteratur machen?
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