Krimis des Monats: Besinnungslos von Mord zu Mord

Folterexperte für Hollywood-Partys gesucht: Matthew Stokoe beschreibt die US-Celebritykultur als Abgrund der Perversionen. Yves Ravey erzählt ganz schnörkellos vom Verbrechen. Und Lukas Hartmann inszeniert ein Räuber- und Gendarmspiel als Vorläufer moderner Rasterfahndung.

Krimithema Hedonismus: Tief im Sumpf Zur Großansicht
AP

Krimithema Hedonismus: Tief im Sumpf

Immer absurdere Perversionen: Matthew Stokoes "High Life"

Dies ist die Geschichte einer grotesken Verwechslung. Dies ist eine Geschichte von Neid und Missgunst, von sexueller Ausbeutung und Abhängigkeit, von Mord und Folter und Erniedrigung. Dies ist die Geschichte von Jack, der wie so viele nach Hollywood kam, um ein Stück vom großen Kuchen abzubekommen und am Ende nur die Krümel beseitigt, die andere achtlos hinterlassen.

Jack sagt: "Filme waren Fenster in die Wirklichkeit, kein Zerrspiegel davon - sie zeigen die einzige lohnende Art und Weise zu leben." Jack macht: nicht viel. Er hat sein Leben lang darauf gewartet, dass ihm Ruhm und Reichtum einfach so zufallen und dabei kaum bemerkt, wie ihm seine Träume zu giftiger dumpfer Gier gerannen.

Und so verschwendet er was von seiner Jugend noch übrig ist zwischen einem Job, den er hasst, und einer Ehe, die ein schaler Witz ist. Erst als seine Frau, eine drogensüchtige Prostituierte, tot aufgefunden wird - ausgeweidet und mit Sperma vollgepumpt -, entwickelt Jack so etwas wie Energie: "Karens Tod sollte mir einen Grund liefern, in einer Welt zu verkehren, wo die althergebrachten sozialen Strukturen keine Gültigkeit besaßen. Eine Ausrede, bestimmte Orte aufzusuchen, Fragen zu stellen, etwas anderes zu machen als den ganzen Tag im Bett zu liegen."

"Bestimmte Orte", das sind: Eine Villa in den Hollywood Hills, wo Jack einem Ehemann dabei hilft, seine Frau zu foltern und zu vergewaltigen. Eine Party am Mulholland Drive, bei der Jack dem Gastgeber sexuell zu Diensten ist. Eine Lagerhalle, in der bei einer Snuff-Performance ein junges Mädchen zerstückelt wird. Ein improvisierter OP-Saal, wo der Chirurg während der illegalen Entnahme einer Niere in einen Blutrausch gerät.

Jack taumelt zunehmend besinnungslos von Party zu Party, von Fick zu Fick, von Droge zu Droge. Und - das ist die erste böse Pointe dieses Romans - je tiefer er in diesem Sumpf versinkt, je erfolgreicher wird er; der amerikanische Traum, für Jack erfüllt er sich als Zerrbild. Seine neuen Freunde sorgen dafür, dass Jack einen Job im Fernsehen bekommt, Sportwagen fährt, mit den Mächtigen Hollywoods feiert. Doch es sind dieselben Freunde - zweite böse Pointe -, die für Karens Tod verantwortlich sind. Was sogar den moralisch vernebelten Jack ins Grübeln bringt.

"High Life" ist eine wüste Abrechnung mit der Celebrity-Kultur, deren Glücksversprechen so flüchtig und doch nachhaltig zerstörerisch sind. Matthew Stokoe findet in seinem (bereits 2002 im Original erschienenen Roman) eine radikale Antwort auf die auch in deutschen TV-Shows verhandelte Frage "Wie weit würdest du gehen, um berühmt zu werden?": Alles was nötig ist, ohne Grenzen. Dass Stokoe dabei selbst jedes Maß verliert, Tableau auf Tableau immer absurderer Perversionen entwirft, ist die große Schwäche dieses Buchs. Hätte sein Autor sich selbst besser im Griff gehabt, "High Life" wäre für das Hollywood der Neunzigerjahre das, was "American Psycho" für das New York der Achtziger ist: hellsichtige Abrechnung mit einer Gesellschaft, die sich aller bürgerlicher Spielregeln entledigt hat und in der Hölle ihrer Indifferenz vergeht. Marcus Müntefering

Buchtipp
Kein Wort zu viel: Yves Raveys "Bruderliebe"

Nicht nur Oberklasse-Autos und Managergehälter werden immer voluminöser, auch Kriminalromane - anders als in den goldenen Tagen von Georges Simenon umfasst ein Durchschnittskrimi heute eher vierhundert als zweihundert Seiten. Zumindest bei den Stars des Genres, so Jussi Adler-Olsen oder Stieg Larsson, bedeutet das allerdings auch, dass zwei der wesentlichen Grundbestandteile der Gattung, Charakterzeichnung und Spannung, deutlich an Kontur verloren haben - zugunsten einer ins Irgendwie ausgewalzten Handlung mit allen Facetten des Unterhaltungsromans.

Yves Raveys "Bruderliebe" ist nun der auf dem deutschsprachigen Krimimarkt zuletzt ziemlich selten gewordene Fall eines äußerst schmalen Buchs, das aus nicht viel mehr besteht als aus einem für den Verlauf der Geschichte entscheidenden Wiedersehen. Dabei ist es streckenweise ungewöhnlich spannend.

Schon der nüchterne französische Originaltitel, "Enlèvement avec rançon", zu deutsch: Entführung mit Lösegeld, macht klar, dass Beiwerk hier nicht gefragt ist. Der in Besançon lebende Kunstprofessor und Schriftsteller Ravey verzichtet auf jeden gesellschaftspolitischen Überbau, wie er gerade von den literarisch ambitionierteren deutschen Krimiautoren noch immer gepflegt wird. Ravey braucht nur vier handelnde Figuren: Zwei Brüder, einen Vorgesetzten und dessen Tochter. Der eine Bruder ist Buchhalter, ein trauriger Angestellter wie wir alle, der andere schwer berechenbarer Außenseiter. Der Chef, Inbegriff der Autorität, zu jeder Art von Selbstermächtigung bereit. Und die Tochter - die ganz klassische, schwer durchschaubare Krimi-Frauenfigur, wie es sie schon bei Chandler gab.

Im schweizerisch-französischen Bergland treffen die vier aufeinander. Dann geht es Schlag auf Schlag. Nach gut hundert Seiten hat Ravey seine Geschichte fertig erzählt. Kein Wort zu viel - eine desillusionierte, mitreißende Miniatur. Sebastian Hammelehle

Buchtipp
Marionetten eines historischen Umbruchs: Lukas Hartmanns "Räuberleben"

Schmutzig, zäh und traurig ist der Kriminalfall, den Lukas Hartmann in diesem spannend gebauten Roman rekonstruiert. Aus heutiger Sicht wirkt er unglaublich schäbig und klein. Zu seiner Zeit jedoch, im späten 18. Jahrhundert, erregte er die Untertanen im Reich und sogar "in Europa", wie es immer wieder heißt, über Jahre hinweg, versetzte den württembergischen Regenten Karl Eugen und seine Häscher in Rage und sprengte schließlich die Grenzen seines kleinen Herzogtums.

Die Hauptfigur der nervenzehrenden Räuber- und Gendarmjagd in den bewaldeten Grenzgebieten des in Kleinststaaten zerstückelten deutschen Südwestens, der Räuber Hannikel (1742-1787), war bereits zu Lebzeiten eine Legendengestalt. Nach der öffentlichen Hinrichtung im Juli 1787 zu Sulz am Neckar boten seine kühnen Schandtaten genügend Stoff für abenteuerlich romantische Verklärungen bis weit ins vergangene Jahrhundert hinein.

Dabei muss dieser Hannikel, das zeigt Hartmann bei aller Distanz zu der schwer greifbaren historischen Gestalt, in all seinem ruchlosen Treiben ein ruhelos Getriebener gewesen sein: Als Sippenchef und Familienvater war er verpflichtet, Nahrung und Schutz für Dutzende zu organisieren. Er war Zigeuner und galt damit als Gauner - so verwehrten ihm eben jene die ersehnte Zugehörigkeit zur verrammelten Gesellschaft des feudalen Nachtwächterdeutschlands, denen sein obdach- und gesetzloses Leben eine Projektionsfläche bot für Fluchtphantasien aus dem ofenwarmen Mief ihrer Untertanenexistenz. Da half es dem braven Katholiken Hannikel wenig, dass er seine Raubopfer vornehmlich unter Juden und protestantischen Pastoren suchte.

Mit reichlich Rauch - und ein paar Wortnebelkerzen aus dem Discount-Zauberkasten des historischen Romans - beginnt das Buch, das ansonsten wohltuend auf jede, auch räuberromantische Folklore verzichtet. Doch wenn sich nach dem großen Brand, der Sulz 1794 zerstört, die trüben Schwaden lichten, zwingt der Anblick der Ruinen dem Schreiber Grau die Erinnerung an den miesen Showdown auf, der sieben Jahre zuvor in den Mauern des Städtchens stattfand. Dass beides miteinander zu tun haben muss, ist ein Gefühl, für das er beim Erzählen keine Erklärung findet. Dabei scheint die Geschichte doch ganz einfach zu sein - und das Duell zwischen dem Oberamtmann Schäffer, dessen systematische Verfolgungsarbeit ihn zum historischen Vorbild späterer Rasterfahndungs- und Biometrie-Enthusiasten wie Schily und Beckstein prädestiniert, und dem Outlaw Hannikel ungefähr so offen wie jenes in Peckinpahs Spätwestern "Pat Garrett jagt Billy the Kid". Klänge es nicht so beknackt, müsste man Hartmanns Erzählwerk einen "Späträuberroman" nennen.

Denn während vordergründig Räuber und Gendarm nach alten Regeln und vertrauten Mustern miteinander Verstecken spielen, sind sie längst Marionetten eines historischen Umbruchspektakels, dessen effiziente Dynamik einer vormodernen Gestalt wie Hannikel keine Nische mehr lässt. Von welchen Kräften sie eigentlich bewegt werden, wenige Jahre nach Schillers "Räuber"-Premiere und kurz vor der Erstürmung der Bastille, versteht niemand in Sulz und Stuttgart - am wenigsten der Regent. In dem alten Wolf, den Karl Eugen bei der ätzend-pointiert geschilderten Farce einer fürstlichen Prunkjagd erlegt, erkennt der herrlich ignorante Regent nur den erschöpften Hannikel. Wäre er hellsichtiger gewesen, hätte das sein Herzogtum auch nicht gerettet. Hans-Jost Weyandt

Buchtipp

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS
alles zum Thema Kriminalromane
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren

SPIEGEL ONLINE
Was lesen? Was kaufen? Was verschenken?

Die aktuelle Taschenbuch-Bestsellerliste: Welche Titel sind gerade heiß begehrt.

Jede Woche bei SPIEGEL ONLINE.

Übersicht: Alle Bestseller