Krimis des Monats: Mord ist auch nur Denksport

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Japanerinnen mit Konsole: Alles eine Frage der Logik

Professor Layton, übernehmen Sie! Keigo Higashino beschreibt in "Verdächtige Geliebte" einen Mord als Logikrätsel. Ken Bruen und Reed Farrel Coleman zeigen in "Tower" die Unterschicht Brooklyns. Charles Cumming erzählt in "Die Trinity Verschwörung" im Stil von Hitchcock.

Keine Gefühle, nur Wut: Ken Bruens und Reed Farrel Colemans "Tower"

Wen Ken Bruen zitiert, der gehört beachtet. Auch "Tower" bietet wieder jede Menge Künstler, die man zwischendurch mal googeln sollte. So würde man den britischen Krimi-Autor Jake Arnott kennenlernen, "Straight To Hell" von The Clash wiederentdecken oder "You'll Never Eat Lunch in This Town Again" lesen, eine Abrechnung mit Hollywood, geschrieben von der Filmproduzentin Julia Phillips. Und man würde feststellen, dass "Moe's Taverne" nicht nur auf die "Simpsons" verweist, sondern auch auf Moe Prager, den Helden einer Krimi-Reihe von Reed Farrel Coleman.

Eben jenen US-Schriftsteller hat Bruen für "Tower" als Co-Autor verpflichtet. Während Bruen die Geschichte aus der Sicht von Nick erzählt, einem jungen irischen Hitzkopf, der regelmäßig zu weit geht ("Ich höre immer noch das Krachen seiner Zähne, als ich mit dem Stiefel das dritte Mal seinen Mund traf"), übernimmt Coleman den Part des jüdischen Jungen Todd, Nicks bestem Kumpel seit Jugendtagen.

Beide wachsen in Brooklyn auf, in einem Milieu, in dem man sich nicht viele Illusionen darüber macht, was das Leben für einen bereithält. Einer der Gangster aus ihrem Umfeld formuliert das so: "Na ja, letztlich tauchen wir alle als Wurmscheiße wieder auf. Egal ob du dir eine Kugel einfängst oder dir ein Flugzeug auf den Kopf fällt - am Schluss landest du immer in irgendeinem Arsch."

Die Welt, in der die beiden in den Neunzigern groß werden, ist eine, in der die Menschen, wie Todd einmal über Nick sagt, keine Gefühle hätten, "wenn die Wut nicht wäre". Ihr Leben scheint vorgezeichnet, gemeinsam steigen sie in die Gang von Boyle ein: ein brutaler Gernegroßgangster mit "vom vielen Jameson aufgeschwemmter Säufervisage", einem falschen Akzent und einer unstillbaren Sehnsucht nach der grünen Insel.

Während Nick sich an Armani-Anzügen, Rolex-Uhren und Koks berauscht, lässt Todd, der Besonnenere der beiden, sich von der Polizei als Undercover-Agent anheuern. Als Boyles Bande davon erfährt, soll Nick den Verräter aus dem Weg räumen. Am Ende müssen sich beide entscheiden, wem ihre Loyalität gilt - ihren Auftraggebern oder ihrem besten Freund. Zusätzlich kompliziert wird die Geschichte durch die Liebe, die ja bekanntlich stärker - vielleicht aber doch kälter - ist als der Tod. Oder wie Todd einmal sagt: "Männer sind immer auf der Suche nach Muschis und fallen über die Liebe. Und wenn wir stolpern, fallen wir ins Bodenlose."

Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Nick und Todd erinnert in seiner Grobschlächtigkeit an Martin Scorseses "The Departed" (und eben nicht an das weitaus filigranere Hongkong-Original "Infernal Affairs"). Und so überzeugt der Roman weniger durch die vorhersehbare Story als durch die reizvollen sprachlichen Differenzen zwischen den von Bruen und den von Coleman geschriebenen Passagen - die allerdings in der ansonsten soliden Übersetzung von Richard Betzenbichler etwas zu sehr glattgebügelt wurden. Marcus Müntefering

Logikproblem im Stil Professor Laytons: Keigo Higashinos "Verdächtige Geliebte"

Jeder Krimi, der die Ermittlung in einem Mordfall beschreibt, erzählt auch von einem Rätsel - wenige Autoren sind dabei so konsequent wie der Japaner Keigo Higashino. Er hat seinen Roman "Verdächtige Geliebte" als Gedankenspiel angelegt, als Logikproblem im Stil der beliebten Nintendo-Serie um Professor Layton.

Im östlichen Tokio findet ein Jogger eine Leiche. Mögen auch Zähne und Fingerkuppen unkenntlich gemacht sein, gelingt es der Polizei doch schnell, ihre Identität zu ermitteln: Shinji Togashi, ehemaliger Autohändler, entlassen wegen Unterschlagung von Firmengeldern, geschieden.

Zwei Kommissare machen sich auf, um Yasukio Hanaoka, Togashis Ex-Frau zu befragen. Die attraktive frühere Nachtclubkellnerin, führt längst ein anderes Leben. Und sie kann für den Todestag ihres Ex-Mannes ein Alibi präsentieren - stimmig, aber nicht so, dass es die Kommissare völlig überzeugt.

Keigo Higashino ist in Japan ein anerkannter Kriminalschriftsteller. Seinen von der Murakami-Übersetzerin Ursula Gräfe in ein klares Deutsch übertragenen Roman "Verdächtige Geliebte" schildert Higashino scheinbar aus der Warte eines allwissenden Erzählers - doch auch das ist Teil der Konstruktion, die vom Leser von der Eingangssequenz an verlangt, mitzudenken. Als die entscheidenden Figuren erweisen sich zwei frühere Kommilitonen der Kaiserlichen Universität: der eine Mathematiker, der andere Physiker. Für beide sind ein Mord und seine Lösung eine Gleichung mit einigen Unbekannten - ihre Herangehensweise aber ist unterschiedlich, sie gehören schließlich verschiedenen Denkschulen an.

So entwickelt sich in diesem Kriminalroman kein Wettrennen um die Lösung, sondern ein Wettdenken, bei dem die Polizisten nur Statisten sind. Ihre Mittel sind viel zu konventionell. Denn Mord ist in diesem Buch auch nur eine Art von Denksport. Professor Layton wäre zufrieden. Sein treuer Gehilfe Luke allerdings ist für "Verdächtige Geliebte" noch ein bisschen zu klein. Sebastian Hammelehle

Ein Plot wie bei Hitchcock: Charles Cummings "Die Trinity Verschwörung"

Die Enttarnung von Kim Philby und der sogenannten Cambridge Five gilt bis heute als der spektakulärste britische Spionagefall und hat unzählige Autoren zu Romanen und Drehbüchern inspiriert.

Auch der britische Krimiautor Charles Cumming hat diesen Stoff für sich entdeckt. In "Die Trinity Verschwörung" nimmt er ein Gerücht auf, dem zufolge damals noch weitere Cambridge-Absolventen für Moskau Informationen sammelten. Seine Spekulation: Einer der Spione von damals ist noch am Leben, ein Universitätsprofessor, der Material für ein neues Buch sucht, ihm auf der Spur. Aus dieser Grundidee entwickelt Cummings einen Plot, wie ihn schon Hitchcock geliebt hat: Ein Unschuldiger gerät zufällig in die Mitte einer Verschwörung und bringt damit sein Leben in Gefahr. Doch so geschickt Cummings seine Figuren in Position bringt, so schnell verliert er bei der Agentenhatz zwischen London, Moskau, Berlin und Wien den roten Faden, bis sich Story und Spannung vor lauter Hin-und-Her verflüchtigt haben.

Handwerklich erreicht Cummings maximal das Niveau eines Dan Brown. Zwar ordnet er seinen Protagonisten jede Menge Eigenschaften zu, erlaubt ihnen aber nicht, eine Persönlichkeit zu entwickeln. Dazu kommen allzu viele Phrasen: Sein Held ist "wie vor den Kopf geschlagen", spürt "brennende Neugier" oder erhofft sich von einer jungen Frau, dass in ihrer Wohnung "noch andere Dinge als verstaubte Aktenordner" warten mögen. Den Garaus macht diesem Roman Übersetzer Walter Ahlers. Menschen bewegen sich "auf Schusters Rappen", Mäuse beißen "keinen Faden ab", Buchautoren beschäftigen sich mit "Fliegenbeinzählerei".

Wer sich für die Cambridge Five interessiert, dem sei Robert Littells "Philby - Porträt des Spions als junger Mann" empfohlen. Der Roman beleuchtet eine Zeit, in der die Grenzen zwar klar gesteckt, aber lange nicht so undurchlässig waren, wie es schien. Im Spiel der Patrioten und Verräter konnten am Ende auch die Beteiligten selbst kaum mehr klar erkennen, auf wessen Seite sie wirklich standen. War Philby etwa in Wahrheit ein Doppel- oder gar ein Dreifachagent, fragt Littell und lässt sein Porträt aus den Erzählungen verschiedener Weggefährten erwachsen. Am Ende entsteht so zwar ein Bild, aber eines, das unscharf bleibt - so dass jeder Leser etwas anderes darin zu erkennen vermag. Marcus Müntefering

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insgesamt 4 Beiträge
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    Seite 1    
1. Bis zum achten Teil seiner Jack-Taylor-Reihe
caligula4ever 24.01.2013
hielt ich Ken Bruens Werke für lesenswert. Aber spätestens mit diesem achten Band stinkt er ab.
2.
staubsauger 24.01.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEProfessor Layton, übernehmen Sie! Keigo Higashino beschreibt in "Gefährliche Geliebte" einen Mord als Logikrätsel. Ken Bruen und Reed Farrel Coleman zeigen in "Tower" die Unterschicht Brooklyns. Charles Cumming erzählt in "Die Trinity Verschwörung" im Stil von Hitchcock. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/krimis-des-monats-charles-cumming-keigo-higashino-ken-bruen-a-869982.html
Bitte besser recherchieren: Gefährliche Geliebte ist von Marukami. higashinos Buch heißt Verdächtge Geliebte.
3.
agua 24.01.2013
Ich lese gerne und auch Krimis.Der einzige Autor,der mich neugierig macht,ist der Japaner Keigo Higashino.Ich habe 4Buecher des Chinesen Qiu Xiaolong gelesen,dessen Buecher in China nicht veroeffentkicht werden,die mir wegen ihrer Andersartigkeit gut gefallen haben:Andere Kultur und somit eine andere Spannung.
4.
Erdnuess 24.01.2013
Zitat von staubsaugerBitte besser recherchieren: Gefährliche Geliebte ist von Marukami. higashinos Buch heißt Verdächtge Geliebte.
Dito: Gefährliche Geliebte ist von MUrAkami.
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