Krimis des Monats Der Kriminalroman wird am Hindukusch verteidigt

Landser-Krimi vom "Tatort"-Schauspieler: Gregor Weber, sonst Saarbrücker Schnauzbartträger, hat einen Roman verfasst. Roger Smith erweist sich mit "Staubige Hölle" als Meister des kühl geschilderten Albtraums. Und Anne Goldmann liefert ein gänzlich untypisches Debüt.

Bundeswehr-Soldat in Afghanistan: Hochkameradschaftlicher Verein
REUTERS

Bundeswehr-Soldat in Afghanistan: Hochkameradschaftlicher Verein


Geradezu sensationell unzynisch: Anne Goldmanns "Das Leben ist schmutzig"

Das ist doch mal ein lobenswerter Ansatz: "Das Leben ist schmutzig" ist Anne Goldmanns Debütroman - und ganz offenbar hat sich die Österreicherin vorgenommen, nicht alles, aber doch sehr vieles anders zu machen, als es sonst üblich ist im Kriminalroman. Wenn nicht gar im Großteil der deutschsprachigen Literatur.

Es gibt in diesem Buch keine tragende Ermittlergestalt, keine kunstvoll aufgebaute Kulisse der Bedrohung, keine ausgiebigen Schilderungen von Gewaltexzessen, eine Leiche taucht erst auf, als die Geschichte schon halb erzählt ist. Stünde nicht das Wort "Mord" auf dem Umschlag, man würde lange davon ausgehen, es handele sich bei diesem Buch nicht mal um einen Krimi.

"Das Leben ist schmutzig" spielt in einer Welt, die von deutschsprachigen Schriftstellern in den vergangenen Jahren fastvöllig ausgeblendet wurde: Im Kleinbürgertum und in der Unterschicht. Schauplatz ist ein Mietshaus in Wien. Die Atmosphäre ist muffig, ohne in jene klischeehafte Wien-Schwiemeligkeit abzugleiten, mit der sich Hasser und Liebhaber der österreichischen Hauptstadt gleichermaßen identifizieren können.

Kaleidoskopartig und in mitunter an Trägheit grenzender Ruhe schildert Goldmann das Leben ihrer Figuren. Ein Briefträger, ein Rentner, eine Kellnerin, die Hausmeisterin und andere - allesamt mehr oder weniger verkorkste Gestalten. Die Beziehungen gescheitert, der Job füllt keinen aus. Der eine sammelt Aktfotos, der andere geht ins Bordell. Draußen ist es heiß, der Wiener Sommer ist gefürchtet.

Es wäre leicht, aus dieser Mischung ein Panoptikum verkrachter Existenzen zu machen. Doch Goldmann erliegt kaum einmal der Versuchung, ihre Figuren vorzuführen. Ihr Blick ist warmherzig, menschenfreundlich, geradezu sensationell unzynisch. Anders als Hans Fallada aber, dessen wiederentdeckter, erstaunlich erfolgreicher Roman "Jeder stirbt für sich allein"in einem grundsätzlich ähnlichen Milieu spielt, gelingt es Goldmann nie, beim Erzählen wirklich Fahrt aufzunehmen.

Ihre Geschichte ist gründlich geerdet, gleicht dabei auf Dauer aber der detaillierten Schilderung einer Landschildkröte. Hätte Fallada dieses Tier beschrieben - man würde am Ende glauben, dass es Flügel hatte. Sebastian Hammelehle

Gedrosselt feierlich: Gregor Webers "Feindberührung"

Das Leben ist kein "Tatort". Das weiß auch der Schauspieler und Krimi-Autor Gregor Weber, der seit mehr als zehn Jahren als Ermittler-Sidekick in dem "Tatort" aus Saarbrücken auftritt. Erst war er an der Seite von Jochen Senf zu sehen, jetzt spielt er neben Maximilian Brückner. Die Krimis haben sich in den letzten Jahren von grottenschlecht hin zu passabel entwickelt; zu kritisieren gibt es immer noch genug. Weber selbst, ein sympathischer Querkopf mit Fernfahrerschnauzer, ist der erste, der in Interviews über die blöden Einfälle seines Arbeitgebers herzieht.

Nun hat Weber einen Kriminalroman geschrieben, und auch darin kann er es nicht lassen, gegen die Deppen vom TV zu stänkern. In seinem Buch "Feindberührung", in dem es um den Mord an einem Afghanistan-Heimkehrer geht und die Verstrickungen einer Rockergang, erinnert sich eine der Ermittlerfiguren, wie er einmal bei einem Fernsehkrimi beratend zur Seite stand, und wie einer deutschen Wohnsiedlung von den Fernsehfuzzis die Anmutung der Bronx gegeben wurde und wie sie die Bullen wie US-Cops agieren ließen. Lächerlich.

Aber wie muss man sich denn nun einen realen deutschen Ermittler vorstellen? Vielleicht ja so wie den in Gregor Webers Roman: Kommissar Grewe hat einen Haufen Kinder, die er sehr liebt, und eine schöne Frau, mit der immer noch regelmäßig schläft. Eigentlich macht ihm nicht viel zu schaffen, außer dass er bei seiner sympathischen jungen Kollegin zuweilen sexuelle Erregung verspürt, obwohl das doch dem Arbeitsverhältnis unangemessen ist. Schließlich bemüht sich der Mann allen Kollegen gegenüber um den größten Respekt - den diese meist erwidern. Gelegentlich verbeugt man sich sogar voreinander.

Den hochehrenwerten Professionalismus, den Neu-Schriftsteller Weber in "Feindberührung" beschreibt, unterwandert ganz wunderbar die im TV verbreiteten Bilder einsamer Polizeiwölfe, die an dem Elend der Welt und den korrupten Polizeiapparaten zu zerbrechen drohen.

Ähnlich verhält es sich mit der Bundeswehr, die hier als hochkameradschaftlicher Verein dargestellt wird, deren Mitglieder am Hindukusch auch unsere Freiheit verteidigen, um dann mit der daraus resultierenden körperlichen und seelischen Versehrtheit nach ihrer Heimkehr von der Bevölkerung allein gelassen zu werden. Weber, der einst bei der Marine in Eckernförde gedient hat, glaubt auch an diese Institution und ihrer Vertreter. Gewidmet ist das Buch "allen Männern und Frauen, die ihr Leben einsetzen."

Das geht in Ordnung. Gelegentlich kommt das Buch dann allerdings so gedrosselt feierlich daher wie diese einleitenden Worte. Richtig problematisch wird es, wenn Weber den moralisch grundierten Professionalismus seiner Helden in Kontrast setzt mit den Abstumpfungsprozessen und Gewaltexzessen von kaputten Soldaten und noch kaputteren Rockern. Erzählt er zum Beispiel aus der Perspektive eines Bikergang-Bosses, wie dieser sich an einer osteuropäischen Prostituierten vergeht, weidet er sich an jedem Detail, von den Kunstbrüsten bis zum Koksschniefen. Oje, so stellt sich der deutsche Spießer ein amtliches Rockerleben vor.

In solchen Momenten denkt man beim Lesen kurz, man sei in einer schlechteren Episode des "Tatort". Christian Buß

Buchtipp
Gregor Weber:
Feindberührung

Verlag Knaus Albrecht; 383 Seiten; 17,99 Euro.

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Zigarette im Rinnstein: Roger Smiths "Staubige Hölle"

Für Sonnenaufgänge hat der südafrikanische Schriftsteller Roger Smith nicht viel übrig: zu optimistisch. In seinen Büchern geht die Sonne permanent unter. Und das klingt dann so: "Als die Sonne ausblutete und starb, tönte ein Hauch Smaragdgrün den Himmel." Oder so: "Die Sonne erlosch wie eine Zigarette im Rinnstein."

Ansonsten verzichtet Smith, von dem jetzt mit "Staubige Hölle" der dritte Thriller vorliegt, auf ausgiebige Naturbilder. Er hält sich da an Elmore Leonard. Zu dessen berühmten zehn Regeln für gutes Schreiben gehört die Vermeidung langatmiger Beschreibungen zugunsten von Handlung und Action. Überhaupt lesen sich Smiths Bücher, als hätte er Leonard genau studiert (vor allem den frühen, noch nicht so süffigen), oder anders gesagt: als hätte Leonard einen besonders bösen Albtraum gehabt. Wie bei dem Amerikaner geht es auch bei Smith darum, eine überschaubare Anzahl von - meist kriminellen - Figuren möglichst schnörkellos einem Showdown zuzuführen. Und wie sein Vorbild setzt Smith auf Reduktion: kurze Sätze, keine umständlichen Erklärungen, so wenig Adjektive wie möglich.

Das Südafrika in Roger Smiths Romanen hat so gar nichts mit der Postkartenidylle zu tun, als die sich das Land vergangenes Jahr bei der Fußball-WM präsentierte. Und auch die Versöhnungsmechanismen, die Clint Eastwood in seinem gut gemeinten Sport-Drama "Invictus" aufzeigte, greifen hier nicht. Smiths Südafrika basiert viel mehr auf Fakten wie diesen: Alle zehn Minuten wird eine Frau vergewaltigt, jeden Tag sterben 50 Menschen bei Gewaltverbrechen, jeder Vierte hat Aids. Und das Land wird von einem Mann regiert, der behauptet, dass man sich durch Duschen vor Ansteckung schützen kann.

Auch Zulu-Warlord Inja Mazibuko, der monströse Killer aus "Staubige Hölle", glaubt nicht an die Errungenschaften der Schulmedizin: Er will eine Jungfrau heiraten, weil er überzeugt davon ist, dass der Sex in der Hochzeitsnacht ihn von Aids heilen wird. Zuvor aber hat er noch jede Mende Dreckarbeit für seinen Boss, den südafrikanischen Finanzminister, zu erledigen. Und so kreuzen sich seine Wege mit denen von Robert Dell, arbeitsloser Journalist und bis dahin überzeugter Pazifist. Dells Frau weiß zu viel über Injas Machenschaften. Also bringt dieser sie und ihre beiden Kinder kurzerhand um. Auch Dell soll sterben, doch bekommt er unerwartet Hilfe von seinem Vater, einem todkranken früheren CIA-Agenten. Gemeinsam machen sich die beiden auf die Jagd nach Inja. Am Ende des blutigen Rachefeldzugs gibt es nur Verlierer.

Man muss Roger Smith bewundern für die Ökonomie seiner Narration und die Unerbittlichkeit seines Blicks. Bei aller Brutalität, die er schildert, bei all den Morden, Vergewaltigungen und Folterszenen, bleibt seine Erzählstimme kühl und sachlich, fast distanziert. Nicht, als ob ihn das alles nichts angehe. Sondern als ob er es anders nicht ertragen könnte. Marcus Müntefering

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Marshmallowmann 01.06.2011
1. Auf Thema antworten
19,95 für ein Buch? Nicht euer Ernst hoffe ich.
Thin Lizzy 03.06.2011
2. Buchpreis
19,95 € finden Sie unverhältnismäßig??? An einem Buch hat ein Autor viele, viele Arbeitsstunden gesessen, es muss vermarktet werden, der Autor möchte verdienen, der Verlag möchte verdienen und der Buchhändler möchte verdienen... dann kostet so ein Buch auch gern mal 20€ und mehr. Gerade für ein Buch kann man diese Summe ja wohl bezahlen!
streetfighter 03.06.2011
3. Bitte?
Unterschicht wurde fast völlig ausgeblendet? Okay, wenn man en Großteil der Neuerscheinungen ansieht. Aber mit Clemens Meyer ("Als wir träumten") und André Pilz ("Man Down") gibt es doch zwei gewichtige Autoren, deren Geschichten in diesem Milieu spielen.
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