Krimis des Monats "Ihr alle seid das Kartell"

Don Winslow zeigt das Blutmeer, in dem Drogen-Mexiko versinkt, Merle Kröger berichtet von einem Kreuzfahrtschiff, das ein Flüchtlingsboot findet, und Cay Rademacher erkundet mit einem verkrachten Korruptionsfahnder die Provence.

Aufmarsch der Polizisten in Mexiko: Wie aus einem Winslow-Roman
REUTERS

Aufmarsch der Polizisten in Mexiko: Wie aus einem Winslow-Roman


Don Winslow raucht nicht, spritzt nicht, schnupft nicht. Der Mann trinkt nicht einmal. Dennoch kennt er sich mit Drogen aus wie kaum ein zweiter. Nicht mit ihrer Wirkung. Aber mit ihren verheerenden Auswirkungen. Winslows zentrale These: Nicht in Mexiko selbst liegen die Ursachen für das Drogen-Problem. Sondern in den USA, wo Millionen Konsumenten mit ihrer unersättlichen Gier nach Kokain, Amphetaminen und Marihuana den Markt erst schaffen. Und somit direkt verantwortlich sind für Hunderttausende Opfer, die der sogenannte Krieg gegen die Drogen gekostet hat.

Der war das Thema des epischen Drogen-Thrillers "Tage der Toten", mit dem Winslow 2005 bekannt wurde, und das von "Savages - Zeit des Zorns", das von Oliver Stone verfilmt wurde. Und er ist wieder Thema in "Das Kartell", dem neuen 800-Seiten-Mammutwerk, in dem Winslow zurückkehrt zu seinem Helden Arthur Keller, der am Ende von "Tage der Toten" den Drogenboss Adán Barrera zur Strecke bringen konnte und sich in ein Kloster zurückzog. Jetzt, nach nur einem Jahr im Gefängnis, flieht Barrera - und holt sich zurück, was ihm seiner Meinung nach zusteht: den Titel des mächtigsten Narcos im Land. Bei seinem grausamen "Game of Thrones" ist ihm jedes Mittel recht - Bestechung, Verrat, Einschüchterung, Ränkespiele, Folter, Massenmord. Dass seine Heimat in einem Meer aus Blut versinkt - geschenkt. Fürs Image spielt er sich als Wohltäter auf, lässt Kirchen, Brunnen und Schulen bauen. Weil keiner Barrera besser kennt als Keller, wird er von den amerikanischen Behörden reaktiviert, soll den mexikanischen Kollegen beratend zur Seite stehen. Natürlich wird aus Rat bald Tat, denn Keller will Rache.

Nach einigen umstrittenen ("Vergeltung") und läppischen ("Missing New York") Romanen markiert "Das Kartell" eine triumphale Rückkehr - eine düstere, aber hellsichtige Dokumentation des Grauens. Winslow hat fünf Jahre daran gearbeitet, eine Zeit, in der die Situation in Mexiko turboeskalierte: "Die Schlacht gegen Al-Qaida hat die Grenzen des Denkbaren, Erlaubten und Machbaren verschoben", lässt Winslow Keller sinnieren. "Die CIA arbeitet im Mittleren Osten mit Drohnen und gezielten Tötungen, die DEA unterstützt das mexikanische Militär bei ,Festnahmen' von Drogenbossen, die immer öfter zu Exekutionen werden. Ich bin kein Drogenfahnder mehr, ich bin jetzt Jäger." Ein Jäger, dessen Methoden ähnlich radikal sind wie die seines Gegners.

Der "Krieg gegen die Drogen" ist nicht nur gnadenloser geworden, sondern auch virtueller. Längst schon nutzen die Narcos Websites und Social Media für Reputationsmanagement und Rekrutierung. Winslow macht einen Journalisten und Blogger zum heimlichen Helden seines Romans. Frustriert davon, dass die großen Medien aus Angst zu oft schweigen, startet er einen Blog, auf dem er das tägliche Grauen zeigt - und unbequeme Wahrheiten verbreitet: "Ich spreche zum Weißen Haus und dem Kongress, ich spreche zur AFI und der DEA, ich spreche zu den Bankiers, den Landbesitzern und Ölbaronen, den Kapitalisten und den Drogenbossen, und ich sage euch: Ihr seid alle gleich. Ihr alle seid das Kartell. Und ihr seid schuldig." Marcus Müntefering

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Merle Kröger: Havarie

Gegen jeden Zwischenfall fühlt sich die Crew des gigantischen Kreuzfahrtschiffs "Spirit of Europe" gewappnet: Terroranschläge, Seuchen, verdorbene Mägen - und bestimmt auch gegen Eisberge. Doch dann ist es ein winziges Schlauchboot voller Algerier, das ohne Benzin im Mittelmeer treibt, das die Maschinen des Kreuzfahrers zum Stillstand bringt. Wenn auch nur für die 90 Minuten, die es dauert, bis die spanische Küstenwache vor Ort ist, um die Flüchtlinge aufzunehmen, damit sie später abgeschoben werden können.

Dieses Treffen zwischen David und Goliath ist die Ausgangssituation von Merle Krögers "Havarie", dem dritten aktuellen, dem Krimigenre zuzuordnenden Roman, der auf einem Kreuzfahrtschiff spielt. Sebastian Fitzek brauchte für "Passagier 23" lediglich eine neue Kulisse, vor der er seine üblichen Metzeleien inszenieren konnte; Frank Schulz schickte seinen traurigen Helden "Onno Viets" auf ein Narrenschiff, verschwendete aber keinen Gedanken an die Zustände unter Deck; Merle Kröger hingegen dringt tief ein in die Eingeweide des Kreuzfahrers: vom Oberdeck, auf dem die reichen Passagiere ein wenig angewidert auf das Treiben der gewöhnlichen Touristen blicken, bis in die Kabinen der Entertainer und das gewaltig wummernde Herz des Schiffs, den Maschinenraum, schließlich sogar bis in die Müllräume, wo die ärmsten Schlucker schuften.

Mehr als ein Dutzend gleichwertige Hauptfiguren hat sich Merle Kröger für "Havarie" ausgedacht. Die Gurkha Lalita etwa, die sich als einzige an Bord dafür interessiert, wohin der Sänger der Bordband verschwunden ist. Oder den Algerier Karim, der die gefährliche Tour über das Mittelmeer schon mehrfach gewagt hat und doch immer wieder zurück musste. Und, die vielleicht sympathischste Figur, den spanischen Fischer Diego, der als Freiwilliger der Küstenwacht oft nur noch die Leichen der Ertrunkenen bergen kann.

Durchlässig ist die Gegenwart in dieser Geschichte, löchrig, und durch diese Löcher dringt Kröger tief in die Vergangenheit ein. So wird der Roman zur Zeitmaschine, der sich für ein paar Sätze, Absätze oder Seiten mit den Erinnerungen der Protagonisten kurzschließt. Verwehte Bruchstücke, die kein vollständiges Bild ergeben, aber ein Panorama, eine Collage aus Schnipseln, die von Krieg erzählen und von Vertreibung, von Verzweiflung und Gegenwehr und manchmal sogar von Hoffnung. Syrien und Assad, der Untergang der Gustloff, der Spanische Bürgerkrieg, der Nordirlandkonflikt, das Chaos im Algerien der Neunziger, die Ursprünge der Ukraine-Krise, der Terroranschlag in Mumbai, ein Umwelt-Skandal in Andalusien… Fast ein bisschen viel für einen so kurzen Roman. So bleiben einige der Figuren etwas blass, in ihrer Funktion gefangen.

Was stellen Krieg und Krise, Kapitalismus und Globalisierung mit den Menschen an, fragt Kröger. Und ist clever genug, die Antwort dem Leser zu überlassen. Kein allwissender Erzähler ordnet, bewertet, glättet die Dinge. Stattdessen wechselt die Perspektive, manchmal innerhalb eines Absatzes, von der neutralen dritten in die subjektive erste Person. Erzählen, das heißt immer auch: Ordnung schaffen. Dass diese Ordnung nur eine Illusion ist, vermittelt Merle Kröger auf beeindruckende Weise. Marcus Müntefering

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Cay Rademacher: Mörderischer Mistral

Die Nachrichten der letzten Tage, die von korrupten Männern hinter Bettlaken handelten, haben eine Sehnsuchtsfigur groß gemacht: Korruptionsermittler, die gnadenlos vorgehen gegen Filz und seltsame Überweisungen und selbstbewusst überreichte Briefumschläge. Eine gute Zeit also für Capitaine Roger Blanc und seinen ersten Fall "Mörderischer Mistral". Denn Capitaine Blanc ist Spezialist für Korruption. Gerade hat er den ehemaligen Handelsminister überführt. An einem Freitagvormittag wird er vom Staatsminister in die Zentrale der Gendarmerie einbestellt, einen Zweckbau jenseits des Périphérique von Paris. Capitaine Blanc betritt das Büro des Staatsministers mit der Hoffnung auf eine Beförderung. Und verlässt es als zwangsversetzter Provinzpolizist, der sich seitdem fragt, ob auch der Staatsminister etwas zu verbergen hat und ihn deswegen loswerden will.

48 Stunden später sind seine einzigen verbliebenen Facebook-Freunde nur die drei Kollegen, die gerade im Urlaub sind und seinen Sturz nicht mitbekommen haben, dazu noch ein paar alte Schulfreunde. Seine Frau nutzt die günstige Gelegenheit ihm mitzuteilen, dass sie lieber in Paris bliebe und eh schon lange mit ihm habe sprechen wollen. Und so schläft Capitaine Blanc kurz darauf allein auf einer Luftmatratze in einem geerbten Haus, das er zwar nie verkauft, aber auch nie renoviert hat, mitten in der Provence, mitten in seinem neuen Einsatzgebiet.

Dass dieser Capitaine Blanc keine Ahnung von seiner neuen Heimat hat, kommt dem Autor Cay Rademacher natürlich entgegen, weil sich so Seite um Seite die Gelegenheit bietet, Leser und Capitaine Blanc zuverlässig und allumfassend wie ein Reiseführer mit der Provence vertraut zu machen. Dieser Geruch? Ach, das ist wilder Thymian. Die schlechten Seiten? Naja, es gibt diese Drogenbanden aus Marseille. Und das Essen? Sehr empfehlenswert sind zum Beispiel Coquilles Saint-Jaques - Muscheln in einem Teigmantel, bestreut mit Petersilie und geriebenem Knoblauch, dazu ein Bällchen Reis.

Rademacher war bislang bekannt als Autor historischer Reportagen und Rekonstruktionen für das Geschichtsmagazin "Geo Epoche". Und für seine historischen Romane "Der Trümmermörder" und "Der Schieber". "Mörderischer Mistral" ist sein erster Regionalkrimi und er verhält sich zu den historischen Reportagen in etwa so wie ein Badeurlaub zu einer Bildungsreise durch Florenz, was vollkommen in Ordnung ist, weil er vermutlich genau dafür geschrieben worden ist. Die Leiche auf dem Schrottplatz kann noch so viele Einschusslöcher haben, dieser Geschäftsmann vom Hafen noch so schmierig sein, der neue Vorgesetzte noch so streng - selbst die Befragung der Verdächtigungen fühlt sich nicht anders an als ein harmloser Ausflug in irgendein nettes Fischerdörfchen. Was dieses Buch aber am meisten mit Badeurlaub gemeinsam hat, ist die große Frage am Ende: Wenn doch alles so gemächlich war - warum ist dann schon wieder alles vorbei? Maren Keller

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