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Krimis des Monats: Ganz cool im griechischen Sündenpfuhl

Den Ermittler in Petros Markaris' "Faule Kredite" beeindrucken weder Bankermord noch Finanzkollaps, schließlich fährt er täglich Auto in Athen. Außerdem unter den Krimis des Monats: ein neues Bernie-Gunther-Meisterwerk von Philip Kerr und französische Nachkriegs-Tristesse von Didier Daeninckx.

Demonstrationen gegen das das Sparpaket der Regierung in Athen: Vitaler Wahnwitz Zur Großansicht
DPA

Demonstrationen gegen das das Sparpaket der Regierung in Athen: Vitaler Wahnwitz

Hupkonzert im Stillstand: Petros Markaris' "Faule Kredite"

Von Rankings und Ratings samt entsprechender Agenturen und Institutionen dürften die Griechen fürs Erste die Nase ziemlich voll haben, und dass der gute alte "Observer" einen der ihren zu den Top Ten Europas zählt, ändert daran wohl nichts: Petros Markaris sei einer der zehn besten Krimiautoren des Kontinents, erklärte neulich das britische Traditionsblatt seinen Lesern, worauf der im Frotzeln geübte Markaris-Hellene - der durchaus, dank Michaela Prinzingers griffiger Übersetzung, auch ein deutscher Leser sein kann - fragen könnte: Warum nicht gleich der beste? Denn was ist schon ein Gratis-Triple-A für den Autor der "Faulen Kredite" gegen die Realität der faulen Kredite, fiesen Zinsen und miesen Triple-Cs, die dem gemeinen Griechen das Leben verleiden.

Markaris selbst stellt Brechts Frage nach dem berühmten Unterschied seinem aktuellen Roman zur griechischen Krise voran: Was der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank sei, kann allerdings Markaris' Kommissar Charitos im Folgenden nicht ermitteln. Er hat genug damit zu tun, einen Mann zu fassen, dem das Finanzwesen eine Hydra zu sein scheint und der binnen Kurzem zwei Banker, den Mitarbeiter einer Rating-Agentur und einen Schuldeneintreiber enthauptet. Weil zwei der Opfer Ausländer sind und der Täter auf Plakaten zum Boykott der Banken aufruft, erhält der Fall internationale Brisanz, die von der Finanzkrise befeuert wird und die aufgeladene Stimmung in Athen weiter anheizt.

Unter dem Druck der Ermittlung läuft Kostas Charitos zu großer Form auf. Wer wie er sein Leben im Athener Verkehrschaos verbracht hat, den kann selbst ein drohender Staatskollaps nicht mehr aus dem Gleichgewicht bringen. Erst als seine Frau, deren notorische Sticheleien ihn immunisiert haben gegen alle kriminalistischen Zumutungen dieser Welt, plötzlich verstummt, weil sie den Selbstmord eines kleinen Bankrotteurs mit ansehen musste, ahnt Charitos, dass er diesmal mit der Verhaftung des Täters nicht allen Opfern des Falls zur Gerechtigkeit verhelfen kann.

Wie immer bei Markaris, der einmal erklärte, er fürchte nichts mehr als die Langeweile, ist das Erzähltempo enorm. Das Vergnügen des Autors an der geschmeidigen Mechanik, mit der er Charitos zwischen Finanzhaien, Staatsbonzen, ängstlichen Immigranten und verunsicherten Kleinbürgern ermitteln lässt, findet Ausdruck in flink hingepfefferten Kommentaren zur politischen Lage im Jahr 2010 unter besonderer Berücksichtigung von IWF, EU und der deutschen Regierung. Vor allem aber in geradezu enthusiastischen Beschreibungen der Staus auf Athens Straßen. Sie sind mehr als ein Running Gag, der in ungezählten Variationen die Handlung rhythmisiert. Sie porträtieren die Stadt und preisen den vitalen Wahnwitz einer Kultur, die den Stillstand mit Hupkonzerten feiert.
Hans-Jost Weyandt

Buchtipp

Petros Markaris:
Faule Kredite
Ein Fall für Kostas Charitos.

Diogenes Verlag; 396 Seiten; 22,90 Euro.

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Zwischen allen Fronten: Philip Kerrs "Mission Walhalla"

Welchen Stellenwert hat ein Verbrechen, ein einzelner Mord etwa - und wie wichtig ist dessen Aufklärung -, wenn es vor dem Hintergrund eines Weltkriegs und der systematischen Ausrottung von Millionen Menschen geschieht? Das ist die moralische Frage, die in allen bisherigen Bernie-Gunther-Romanen des schottischen Schriftstellers Philip Kerr mitschwang. Und es ist die Frage, die in "Mission Walhalla", dem siebten Buch der Reihe, endgültig in den Vordergrund tritt.

"Field Grey" (so der treffendere Originaltitel) beleuchtet das dunkelste Kapitel in der Geschichte des früheren Polizisten und Privatdetektivs Bernie Gunther - zunächst seine Arbeit für SS-Mann Reinhard Heydrich, der für Gunther eine Ausnahme machte und einen guten Ermittler einem guten Nationalsozialisten vorzog, dann Gunthers Zeit in Hitlers Armee: Frankreich, Russland, später die Kriegsgefangenschaft.

Doch zunächst treffen wir Bernie Gunther im sonnigen Kuba des Jahres 1954 wieder, wo er es in seiner unnachahmlichen Berliner Sturheit geschafft hat, zwischen alle Fronten zu geraten. Weder mit den amerikanischen Gangstern um Meyer Lansky noch mit den kubanischen Revolutionären will er sich gemein machen - der desillusionierte Gunther hat längst keine Lust mehr, für irgendjemanden den Kopf hinzuhalten. Bei seiner Flucht von der Insel wird er von den Amerikanern festgesetzt und nach Guantanamo verschleppt. Die anschließenden Verhörszenen nutzt Kerr für einige fein gesetzte Anachronismen, er hat seinen Spaß daran, die Parallelen zur US-Politik seit 9/11 aufzuzeigen: "Aber zugleich kam mir der Anblick vor wie eine Zukunftsvision", lässt er Gunther räsonieren, "in der die amerikanische Demokratie die Welt regierte, in einer Hand einen Colt und in der anderen einen Streifen Kaugummi. (…) Denn jetzt waren nicht mehr die Deutschen, sondern die Amerikaner die Herrenrasse."

Für Gunther ist es der Beginn einer Odyssee, die ihn von Kuba nach New York, Landsberg (in die Zelle, in der Hitler "Mein Kampf" geschrieben hatte) und Berlin führt. Die Amerikaner wollen Gunther einspannen, um Erich Mielke zu fassen - der spätere Stasi-Chef ist ein alter Bekannter Gunthers. Zweimal hatte er dem Kommunisten das Leben gerettet, auch wenn er seine guten Taten später bereuen sollte. Denn nichts hasst der Sozialdemokrat Gunther mehr als Extremisten - seien es nun Nazis, Linke oder Amerikaner - und Mörder. Und Mielke war an dem Mord an zwei Polizisten beteiligt …

Seit 1989 lässt Philip Kerr den stoischen Bernie Gunther ermitteln (mit einer 15-jährigen Pause). Aus einer originellen Idee entwickelte sich eine der herausragenden Reihen der zeitgenössischen Krimiliteratur. Nach "Field Grey", dem bisherigen Höhepunkt der Serie, kann sich Philip Kerr endgültig mit den Großen seiner Zunft messen, mit den Greenes und le Carrés. Kerr ist nicht weniger gelungen als die Neu-Erfindung des Noir-Romans als tiefschwarze Vision einer von Ideologien und Machtinteressen zerrissenen Welt. Und mit Bernie Gunther hat er eine Figur geschaffen, die trotz aller Schrecken, die sie in sich trägt und der sie ausgesetzt ist, Mut macht: Weil sie niemals ihre Menschlichkeit verrät.
Marcus Müntefering

Buchtipp

Philip Kerr:
Mission Walhalla

Übersetzt von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann.

Wunderlich Verlag; 544 Seiten; 19,95 Euro.

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Schrecken der Schützengräben: Didier Daeninckx' "Tod auf Bewährung"

Wenn Kriminalromane, um mal wieder Gottfried Benn zu zitieren, "Radiergummi fürs Gehirn" sind, dann sind historische Kriminalromane die Delete-Taste: Sind sie ganz sicher, dass Sie den Inhalt ihres Kurzzeitgedächtnisses komplett löschen wollen? Aber ja!

Viel mehr Weltflucht geht kaum. Eine Ausnahme von dieser Regel bildet Didier Daeninckx' "Tod auf Bewährung". Der Autor, Jahrgang 1949, ist in Frankreich deutlich bekannter als in Deutschland, wo sich seit Jahren wechselnde Verlage ohne allzu großen Erfolg bemühen. Zuletzt kam hierzulande 2010 - ziemlich eigentümlich betitelt - sein Haftentlassenen-Krimi "Nur DJs gibt man den Gnadenschuss" auf den Markt.

Nun folgt "Tod auf Bewährung", das französische Original erschien bereits 1984. Das Buch spielt kurz nach dem Ersten Weltkrieg, doch auch, wenn Bars, schwere Wagen und die leidenschaftliche Liaison des Privatdetektivs René Griffon mit seiner sinnenfreudigen Geliebten Irène für klassisches Old-School-Kolorit sorgen - man kann sich kaum einen ernüchternderen Hintergrund vorstellen, als das von Daeninckx geschilderte Nachkriegs-Frankreich: Wer nicht zur Unzahl der Kriegsversehrten gehört, dem spuken die Erinnerungen an die Schrecken der Schützengräben oder der Etappe durch den Kopf.

Daeninckx lässt keinen Zweifel daran, dass das Verbrechen, um das es in "Tod auf Bewährung" eigentlich geht, der Krieg ist. Ermittelt wird allerdings in einer ganz konventionellen Angelegenheit: Oberst Fantin de Larsaudìère, Kommandant des hochdekorierten 296. Regiments, wird erpresst. Griffon macht sich auf die Suche, doch bald - wie könnte es anders sein - ist er einer viel größeren Sache auf der Spur.

Daeninckx schildert Griffons Ermittlungen ziemlich minutiös und voll politischer Anspielungen. Wie Simenon in einigen seiner frühen, nur wenige Jahre später spielenden Maigret-Krimis hätte er seinen Stoff zur auf wenigen Seiten zur Tragödie verdichten können. Dann allerdings hätte er nicht nur den Detektiv Griffon, sondern vor allem dessen Gegner viel ernster nehmen müssen. So ist "Tod auf Bewährung" eher eine Genre-Fingerübung - das allerdings ohne beschönigende Romantik. Sebastian Hammelehle

Buchtipp

Didier Daeninckx:
Tod auf Bewährung

Übersetzt von Stefan Linster.

Liebeskind Verlagsbhdlg; 272 Seiten; 18,90 Euro.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Markakis
CarlitoJ 27.07.2011
Markakis Krimi ist ganz amüsant, aber letztlich sehr konventionell geschrieben. Wie der Rezensent auf ein rasantes "Erzähltempo" kommt, ist mir völlig schleierhaft. Die Einblicke in die griechische Stimmungslage sind einerseits überschaubar, andererseits vorhersehbar: Wie gehts einem wohl, wenn das Rentanalter heraufgesetzt, die Tochter mit Dr. jur. im Praktikum und das Arzt-Gehalt des Schwiegersohns nicht einmal für einen Zweipersonenhaushalt reicht? - Na eben. Ist wohl eher ein Krimi für Donna Leon und Mankell-Leser als für solche von Steinfest, Haas, Bazell.
2. titel
grmlfimmel 27.07.2011
Für den Titel nen Zitat aus Hangover zu nehmen find ich irgendwie sehr passend :) jede party hat irgendwann mal ein Ende
3. Danke SpOn !
Jonny_C 27.07.2011
3 Romane von Kerr habe ich gelesen, ich wusste nicht das es aus der "Bernie-Gunther-Reihe" inzwischen schon sieben sind. Da muss ich Morgen gleich mal in meine Buchhandlung und die restlichen bestellen....*freu* Also vielen Dank für die Buchbesprechung und den Hinweis !
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