Die besten neuen Krimis Umfassende Chronik der Korruption

Die Krimis des Monats: Greg Iles' "Natchez Burning" führt in die US-Südstaaten, Frank Schulz' zweiter Onno-Viets-Roman auf ein Schiff. Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini nähern sich in "Suburra" dem "Schwarzen Herz von Rom".

Von Maren Keller und

Filmthema Schmiergelder: Jack Nicholson in "Chinatown"
ddp images

Filmthema Schmiergelder: Jack Nicholson in "Chinatown"


The great american novel in der Gestalt eines Thrillers: Greg Iles' "Natchez Burning"

Wenn Greg Iles Zeit dazu findet, spielt er Gitarre bei den Rock Bottom Remainders. Was hauptsächlich deshalb erwähnenswert ist, weil diese Band exklusiv aus Schriftstellern und Drehbuchautoren besteht. Die bekanntesten darunter: "Simpsons"-Erfinder Matt Groening und Gruselkönig Stephen King. Was die beiden für den Humor respektive den Horror tun, das macht Iles mit seinen Geschichten über Natchez, Mississippi, für den Spannungsroman: Er schreibt Liebeserklärungen an die amerikanische Kleinstadt. Düstere Liebeserklärungen, denn zu den Aufgaben des Thrillers gehört es, einen hellen Spot auf die Ecken zu richten, die sonst meist im Dunkeln bleiben.

Im Fall von "Natchez Burning" sind das der Rassismus, der hier vor allem in den Sechzigern wütete, und die Produktion von Crystal Meth - wobei sich sehr schnell herausstellt, dass hier ein direkter Zusammenhang besteht, die Seilschaften der Vergangenheit immer noch funktionieren, jetzt sogar generationenübergreifend. "Die Vergangenheit ist niemals tot. Sie ist nicht einmal vergangen", zitiert Iles am Anfang William Faulkner. Und sie kommt zurück nach Natchez, in Gestalt von Viola, einer farbigen Arzthelferin, die vor 40 Jahren vor dem Rassenhass geflohen war, jetzt aber, todkrank, ihren Frieden machen will. Aber stattdessen etwas wieder zum Vorschein bringt, das über Jahrzehnte verdrängt wurde und fast vergessen war.

Als Viola ermordet wird, gerät der Arzt Henry Cage ins Visier der Justiz, ihr früherer Arbeitgeber und heimlicher Geliebter. Henrys Sohn Penn Cage, Bürgermeister von Natchez, will nicht an die Schuld seines Vaters glauben und ermittelt auf eigene Faust in eine ganz andere Richtung: In den Sechzigern wurde Viola mehrfach vergewaltigt, ihr Bruder ermordet. Verantwortlich war eine Gruppe von Rassisten, die sich die Doppeladler nannte und neben ihren sonstigen mörderischen Aktivitäten auch ein Komplott zur Ermordung Robert Kennedys plante. Die Doppeladler und ihre Nachkommen töten jeden, der droht, ihre alten und neuen schmutzigen Geheimnisse aufzudecken - selbst wenn es die eigenen Männer sind.

"Natchez Burning" ist mit beinahe 1000 Seiten Greg Iles' bislang umfangreichste Arbeit und nur der Auftakt zu einer ambitionierten Trilogie, in der er die Geschichte des amerikanischen Rassismus erzählen will. Allerdings, und das ist ziemlich clever, nicht als historisches Werk, sondern indem er zeigt, wie dieser sich auch im 21. Jahrhundert noch manifestiert. Iles erweist sich als Meister darin, einerseits die Spannung auf einem extrem hohen Niveau zu halten und andererseits die Handlungsfäden so geschickt zu spinnen, dass der Leser trotz einer Vielzahl von Figuren, verschiedener zeitlicher Erzählebenen und wechselnder Perspektiven nie den Überblick verliert. Vor allem aber beweist Iles eine große Meisterschaft darin, Geschichte lebendig zu machen, erfahrbar, spürbar. "Natchez Burning" ist nicht weniger als the great american novel in der Gestalt eines Thrillers. Marcus Müntefering

Anzeige
Kein Krimi im herkömmlichen Sinn: Frank Schulz' "Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen"

So könnte ein Experiment in irgendeinem geheimen, unterirdischen Literaturlabor aussehen: Zwei Schriftstellern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, wird zur Inspiration die gleiche Homepage gezeigt, auf dass man überprüfen kann, dass daraus auch einmal zwei Romane werden, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Bei der Webseite handelt es sich um die der International Cruise Victim Association, einer Vereinigung, die auf die Schicksale all jener Vermissten aufmerksam machen will, die während einer Kreuzfahrt unter ungeklärten Umständen von Bord gingen und nie wieder auftauchten.

Denn während das Kreuzfahrtschiff als ziemlich perfekter Ort für Erholung suchende All-inclusive-Touristen bekannt ist, ist es auch für eine zweite Zielgruppe genauso geeignet: Verbrecher, die ihre Opfer ohne lästige Zeugen und Untersuchungen los werden wollen. Man kann aus diesem Umstand einen spannungs-streberhaften Thriller machen wie Sebastian Fitzek das mit "Passagier 23" vor Kurzem so erfolgreich getan hat, dass er seitdem die besten Plätze auf der Bestsellerliste so penetrant besetzt wie Urlauber die Liegen am Bordpool.

Man kann daraus aber auch jenen Roman machen, der unterschiedlicher nicht sein könnte, der wahrscheinlich kein Bestseller wird, aber vielleicht ein Lieblingsbuch und ganz sicher ein Kritiker-Erfolg. Wie es nun Frank Schulz mit "Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen" getan hat, dem Nachfolgewerk des ebenso lustigen "Onno Viets und der Irre vom Kiez".

Nun schickt Schulz seinen Onno Viets als Personenschützer und Leidensgenosse den Künstler Donald Maria Jochemsen, der mit modern-vulgären Kasperle-Stücken berühmt geworden ist, an Bord eines Kreuzfahrtschiffs. Während Fitzek durch die immer brutaler werdende Handlung brettert und dabei leider keine Rücksicht auf Sprache nehmen kann, tapert Schulz von einem exzentrischen Exkurs zum nächsten und gönnt seinem Onno Viets einen mehrseitigen Tischtennis-Match-Auftritt auf Noppensocken, biografische Rückblicke, die sich als alles andere als willkürlich erweisen und erzählt sind in kalauer-klugen Sätzen, von denen jeder einzelne genug Stoff böte für eine Dissertation zum Wesen des Humors.

In einer Laudatio auf Frank Schulz, die in der "FAZ" veröffentlicht wurde, hat Sven Regener erklärt: "Bei näherem Hinsehen gibt es beim Humor, wie bei allem anderen im Leben auch, drei Kategorien. Es gibt ihn übel, in flach und in gut, es gibt den Humor im Tetrapak vom Aldi, es gibt den Humor in der Schraubverschlussflasche für ein paar Mark von der Tankstelle und es gibt den Humor vom Wein-Peter, spezialabgefüllt, Grand Cru und St. Emilion und was weiß ich nicht alles".

Schulz kann alle drei Kategorien und zwar nahezu gleichzeitig. Was Fitzeks Figuren an Charakter fehlt, haben Schulzs Figuren im Übermaß, auch wenn es ihnen im Gegenzug vielleicht ein wenig am ermittlerischen Spürsinn fehlt, was auch daran liegt, dass Onno Viets eben ein fauler, freundlicher Ex-Kneipenwirt ist und kein Agent irgendeiner Spezialeinheit.

"Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen" ist deshalb kein Krimi im herkömmlichen Sinne und diese Rezension in der Kimi-Kolumne auf gewisse Weise ebenso falsch wie Onno an Bord des Kreuzfahrtschiffes. Andererseits verhält es sich mit diesem Onno Viets nun mal so: Seine Anwesenheit wertet ganz zweifellos jede Umgebung auf, wie er auf dem Kreuzfahrtschiff bewiesen hat. Wie Frank Schulz jedoch zu diesem Thema kam, und ob daran unter Umständen gar kein geheimes, unterirdisches Literaturlabor beteiligt war, ist nicht bekannt. Maren Keller

Anzeige
Ein Bandenkrieg scheint unvermeidbar: "Suburra: Schwarzes Herz von Rom" von Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini

Rom, offene Stadt, Selbstbedienungsladen für jeden, der von keinerlei moralischen Skrupeln belastet ist. Einer, der wirklich weiß, wie tief verwurzelt die Beziehungen zwischen organisierter Kriminalität, Staat und Kirche sind, ist Giancarlo de Cataldo. Der 58-jährige Richter hat in den Neunzigerjahren der legendären Magliana-Bande den Prozess gemacht und sein Wissen 2002 in dem gleich zweimal verfilmten Gangsterepos "Romanzo Criminale" verarbeitet, das ihn zu einem der profiliertesten Thriller-Autoren Italiens machte.

Seinen neuen Roman "Suburra" hat er zusammen mit dem Journalisten und Schriftsteller Carlo Bonini geschrieben. Die Mitglieder der Magliana-Bande sind längst Geschichte - mit einer Ausnahme: Samurai, japanophil, rechtsradikal, verdammt clever. Als graue Eminenz der römischen Unterwelt hat er seine Finger in so ziemlich jeder größeren kriminellen Operation. Sein neuestes Projekt: ein gigantisches Bauvorhaben, das unter anderem die Strandpromenade von Ostia in ein Freizeitparadies Marke Atlantic City verwandeln soll.

Doch zwei Entwicklungen drohen Samurais ehrgeiziges Vorhaben zu verhindern. Zum einen dreht sich im Italien des Jahres 2011 gerade der politische Wind. Zum anderen herrscht Uneinigkeit unter Roms Gangstern. Mord führt zu Vergeltung, ein Bandenkrieg scheint unvermeidbar. Eine Situation, die der Polizist Marco Malatesta ausnutzen will, um Samurai zur Strecke zu bringen.

Zu den erklärten Vorbildern de Cataldos gehört der Amerikaner James Ellroy. Wie Ellroy für Los Angeles, so komponiert de Cataldo für Rom eine umfassende Chronik der Korruption. Verarbeiteten "Romanzo Criminale" und die beiden Folgeromane die Zeit von Mitte der Siebziger- bis in die Neunzigerjahre, ist de Cataldo mit "Suburra" in der Gegenwart angekommen. Dem Italiener geht der unbedingte Stilwille Ellroys ab, er schreibt sachlich, fast schon schlicht, was allerdings der mitunter holprig wirkenden Übersetzung geschuldet sein mag. Ebenbürtig ist de Cataldo seinem US-Pendant aber in dem Ehrgeiz, kriminelle Verflechtungen minutiös aufzuschlüsseln: von den Straßen, auf denen das Blut fließt, bis in die Hinterzimmer der Macht. Cataldo mischt, wiederum wie Ellroy, Fiktion und Fakten. So basiert Samurai auf Il Nero, dem tatsächlich letzten aktiven Mitglied der Magliana-Bande, auch das Ostia-Bauprojekt existiert wirklich.

Den Glauben, dass sich grundsätzlich etwas ändern könnte in seinem Land, seiner Stadt, vermittelt de Cataldo nicht. Am Ende von "Suburra", am Tag als die Ära Berlusconi offiziell beendet ist, versammeln sich die Menschen auf den Straßen und Plätzen Roms. Während Händels "Halleluja" aus den Boxen eines Gettoblasters scheppert, man gemeinsam die Hoffnung auf eine bessere Zukunft feiert, sitzen wenige Kilometer entfernt Samurai und ein hoher Kirchenmann zu einer Krisensitzung zusammen. Samurais Befürchtungen zerstreut der Monsignore umgehend: "Ein Donner beim Ministerpräsidenten im Palazzo Chigi wird zu einem Lufthauch in den Ministerien. Das ist die Kraft der Republik." Marcus Müntefering

Anzeige

LITERATUR SPIEGEL auf Facebook

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.