Die besten neuen Krimis Pillen für den schnellen Kick

Ein rasanter Thriller ist Richard Langes "Angel Baby". In Kevin Barrys "Dunkle Stadt Bohane" bekriegen sich die Gangs. Und Sandrone Dazieris "In der Finsternis" erzählt von Bonnie und Clyde auf Benzos.

Bezugspunkt für "Dunkle Stadt Bohane": Die Gang-Dystopie "Uhrwerk Orange"
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Bezugspunkt für "Dunkle Stadt Bohane": Die Gang-Dystopie "Uhrwerk Orange"


Outlaws, deren einziger Antrieb der schnelle Kick ist: Kevin Barrys "Dunkle Stadt Bohane"

Kevin Barry hat seinen Debütroman "Dunkle Stadt Bohane" in der Zukunft angesiedelt, seine Figuren aber leben in der Vergangenheit: "Wer sich nachts den Gedanken an die verlorene Zeit hingab, der spielte bekoksten Freestyle Jazz auf der Klaviatur seines Gedächtnisses." Die "verlorene Zeit" wird in Liedern und in der wöchentlichen Zeitungskolumne "All unsere Gestern" verherrlicht. Sogar ein kleines Kino gibt es in Bohane, in dem Filme aus einer Zeit gezeigt werden, als die Stadt noch ein strahlendes Juwel war.

Davon ist in der Gegenwart des Romans, Mitte des 21. Jahrhunderts, nicht viel übrig geblieben. Wann und warum sich die "einst große, kosmopolitische Stadt" an der irischen Westküste in ein von Gangstern beherrschtes Drecksloch verwandelte, erklärt Barry ebenso wenig wie die Abwesenheit von technischen Errungenschaften wie Autos, Smartphones oder Computern.

Die Stadt Bohane erinnert an die anarchischen Siedlungen aus Spätwestern, an das Deadwood der gleichnamigen HBO-Serie vor allem, in der das Versprechen von künftiger Zivilisation eher eine Drohung darstellt. Barry hat seine Figuren nach Archetypen geschaffen. Sie sind keine Helden. Der müde gewordene Cowboy, der sich gegen einen alten Feind und junge Draufgänger behaupten muss - ein Gangster von lächerlicher Gestalt.

Dieser Gangster heißt Logan Hartnett und herrscht über weite Teile der Stadt. Als Anführer einer Gang von Jugendlichen kontrolliert er Glücksspiel, Drogenhandel und Prostitution. Und er hört nicht auf seine Frau Macu, die ihm ständig in den Ohren liegt, dass er mit seinen fast 50 Jahren zu alt dafür sei, sich in Kämpfen aufzureiben. Wie fast allen Einwohnern Bohanes fehlt Hartnett die Fantasie, sich ein Leben jenseits des gewohnten Umfelds vorzustellen.

Nur einer hat den Absprung geschafft, wenn auch nicht freiwillig: Gant Broderick, einst Boss von Bohanes Unterwelt und Macus Liebhaber, wurde 25 Jahre zuvor von Hartnett aus der Stadt gejagt - und seitdem zu einer mythischen Figur verklärt. Als bekannt wird, dass Broderick zurückkehrt, zerbrechen auch die letzten zivilisatorischen Strukturen: Bohane bereitet sich auf einen Krieg unter den Gangs vor.

Barry macht kein Geheimnis daraus, dass er sich für seinen Roman ausgiebig im Fundus der Populärkultur bedient hat. Im Nachwort nennt er TV-Serien wie "The Wire", Comics wie "Love & Rockets" und Filme wie "The Wanderers". Der wichtigste Einfluss aber dürfte Anthony Burgess' "Uhrwerk Orange" gewesen sein. Wie diese große Dystopie der Sechzigerjahre erzählt Barry von Outlaws, deren einziger Antrieb der schnelle Kick ist.

Wie Burgess lässt Barry seine Figuren in einer aus Dialekten und Neologismen zusammengesetzten Fantasiesprache reden, die dank der engagierten Übersetzung von Bernhard Robben auch in der deutschen Fassung strahlt. "Dunkle Stadt Bohane" ist aber nicht nur eine Verbeugung vor berühmten Vorbildern, sondern ein vitales Kunstwerk, weil Barry es schafft, Bekanntes unvertraut und frisch wirken zu lassen. Marcus Müntefering

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Auf der Flucht vor den Schatten der Vergangenheit: Richard Langes "Angel Baby"

Sein Auftrag führt Malone, den Menschenschmuggler, in eine malade mexikanische Grenzstadt. Hier hockt er am Tresen einer trostlosen cantina, den Schädel voller Koks und Tequila. Und während er eine mies blondierte Stripteasetänzerin befummelt, führt Malone Selbstgespräche. "Ich hatte auch eine Tochter. Aber sie ist gestorben und ich bin gestorben, und das hier ist alles, was noch von mir übrig ist."

Auch Luz, die schöne Ehefrau eines der größten drug lords von Tijuana, hatte einmal eine Tochter. Doch die hat sie vor ein paar Jahren bei Verwandten in Los Angeles zurückgelassen, verführt von den Versprechungen eines vermeintlich besseren Lebens an der Seite von Ricardo, dem Verbrecher, den sie El Príncipe nennen, der Prinz.

Jetzt siecht Luz in einem Knast dahin, ihre Gefühle hat sie jahrelang im Konsum- und Pillenrausch erstickt. Doch sie will ausbrechen, um mit ihrer Tochter ein neues Leben zu beginnen. Und dafür braucht sie ausgerechnet die Hilfe von Malone, dem versoffenen Schleuser, dem längst alles egal ist.

Von geplatzten Träumen und unerfüllten Sehnsüchten erzählt der Amerikaner Richard Lange in seinem rasanten Thriller "Angel Baby". Seine verlorenen Helden Luz und Malone, die mexikanische Prinzessin und der amerikanische Drop-out, sind auf der Flucht vor den Schatten der Vergangenheit - und vor El Príncipes Zorn: Der Drogenboss will seine Frau zurück. Nicht aus Liebe, sondern weil sie ihm gehört, und er selbst es sein will, der sein Eigentum zerstört.

Also hetzt er seiner Frau einen Profi hinterher: Jerónimo, genannt der Apache, ein Killer, der sich eigentlich schon aus dem Geschäft zurückgezogen hatte. Doch zu El Príncipe sagt man nicht Nein. Vor allem nicht, wenn er deine Familie als Geiseln nimmt.

Neben Jerónimo sucht auch der korrupte Grenzpolizist Thacker nach Luz. Oder besser gesagt, nach dem hübschen Sümmchen, das sie aus El Príncipes Safe hat mitgehen lassen. Der Cop und der Killer beschließen, bei der Jagd auf Luz gemeinsame Sache zu machen. Ein fragiles Bündnis, keiner von ihnen hat die Absicht, sich an sein Wort zu halten.

Grenzen - zwischen Mexiko und den USA, arm und reich, Erinnerung und Gegenwart, Hoffnung und Resignation - sind die wiederkehrende Metapher in Langes Roman. Alle Figuren in "Angel Baby" haben irgendwann einmal eine Grenze überschritten, eine Entscheidung getroffen, mit deren Konsequenzen sie jetzt nicht klarkommen. Sie alle werden im Laufe des Romans erneut vor eine Wahl gestellt. Und von dieser Wahl hängt ab, wer sein Leben oder zumindest sein Seelenheil retten kann.

Richard Langes lässige, aufs Wesentliche verknappte Prosa klingt mal wie ein Country Song, bitter-süß und sehnsuchtsverweht, mal wie Hardcorepunk, rasend schnell und knallhart. Oder wie er selbst sagt: "Als Schriftsteller bin ich ein gemeiner Hund, der dir mit einem Wort das Lächeln aus dem Gesicht knallt und mit einem Satz das Herz bricht." Marcus Müntefering

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Wieder ist ein Junge verschwunden: "In der Finsternis" von Sandrone Dazieri

Dante Torre gehört zu jenen unglücklichen Menschen, die anstelle eines Namens in der öffentlichen Wahrnehmung nur noch die Beschreibung ihres Schicksals tragen. Er ist "der Junge aus dem Silo". Eine kurze Zusammenfassung für ein langes Martyrium: Als Kind wurde Torre von einem Mann gekidnappt und jahrelang, ohne Kontakt zur Außenwelt, in ein einem Silo gefangen gehalten.

Ein Bett, ein Wasserkrug, ein Eimer am Balken, eine Luke, harte Strafen und ein Mann, den er Vater nennen muss, so sieht seine Welt aus, bis zu dem Tag, an dem Torre die Flucht gelingt. Diese Flucht findet nie ein wirkliches Ende, auch dann nicht, als Torre als Erwachsener in einem Apartment aus Glas über den Dächern der Stadt wohnt, das mit Videofilmen, Comicfiguren und Utensilien gefüllt ist, die aus jenen Jahren stammen, die Torre vom Vater geraubt worden sind.

Sandrone Dazieri ist in Italien ein berühmter Thriller-Autor. Und er hat eine Vorliebe für angeknackste Figuren, denn nur so ist erklärlich, dass dem Jungen aus dem Silo in Dazieris Roman "In der Finsternis" eine Partnerin zur Seite gestellt ist, die ihm in Sachen seelischer Abgründe ebenbürtig ist: Eine junge Polizistin namens Colomba, die unter einer gescheiterten Festnahme leidet, bei der viele Unbeteiligte starben.

Zusammen sollen sie auf Anweisung des Chefs der jungen Polizistin einen unheimlichen Fall untersuchen: Wieder ist ein Junge verschwunden. Wieder wurde die Mutter ermordet. Und auch wenn die offiziellen Ermittler lieber eine einfachere Lösung hätten und ihm nicht glauben: Für den Jungen aus dem Silo ist klar - der Vater ist zurück.

Es folgen gefährliche Handlanger, geschickt montierte Rückblenden, überraschende Geständnisse und tote Zeugen, immer dann, wenn die Lösung des Falls näher rückt. Wie sollte es aber auch anders sein? Wer statt der üblichen schwedischen Standardpolizisten mit Schlafproblemen und Liebeskummer zwei schwer traumatisierte Ermittler auf die Jagd schickt, spart auch bei der restlichen Handlung nicht an Verfolgungsjagden, illegalen Gangs und geheimen Experimenten.

Dabei ist das Buch an jenen Stellen am besten, an denen sich Danzieri in Zurückhaltung übt: Wie naheliegend wäre es gewesen, aus der jungen Polizistin mit dem dunklen Schicksal und dem Jungen aus dem Silo das romantische Psycho-Pärchen zu machen? Doch Torre und Colomba sind mehr als Bonnie und Clyde auf Benzos. Ihre Beziehung ist auf eigenwillige Art zärtlich. Und wie besonders diese beiden Figuren sind, merkt man daran, dass trotz aller Explosionen und Morde über die 560 Seiten hinweg, die Minuten am denkwürdigsten bleiben, in denen sich der Junge aus dem Silo mit seiner Platzangst ein unscheinbares Treppenhaus runter quält. Maren Keller

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