Krimis des Monats: Kokser, Kommies und der Drogenkrieg

Superlativalarm! "Einer der besten Thriller aller Zeiten" sei Don Winslows "Tage der Toten"- behauptet der Verlag. Außerdem: ein Giftmord im Strandhotel. Und eine Amerikanerin, die sich freiwillig verschleiert. Ab sofort alle vier Wochen bei SPIEGEL ONLINE: die wichtigsten Krimis des Monats.

Romanthema Drogenkrieg: Ronald Reagan als Stichwortgeber Zur Großansicht
REUTERS

Romanthema Drogenkrieg: Ronald Reagan als Stichwortgeber

Der mächtigste Verbrecher ist der Staat: Don Winslows Drogenverschwörungs-Epos "Tage der Toten"

Krimis sind Radiergummis fürs Gehirn, sagte Gottfried Benn. Dieses Buch ist das Gegenteil davon: Don Winslows "Tage der Toten" will keine Entspannungslektüre sein, mit der man sich abends den Alltag aus dem Kopf pustet, sondern ein Epos. 689 Seiten dick. Eine Handlung, die sich von Mitte der Siebziger bis zur Gegenwart erstreckt. Don Winslow hat Gerichtsakten gelesen, Berichte der CIA, der US-Drogenbehörde, des Kongress' ausgewertet. Vordergründig erzählt er die Geschichte des mexikanischen Drogenkriegs - eigentlich aber handelt "Tage der Toten" von viel mehr: Die größte und mächtigste Verbrecherorganisation in diesem Roman ist der Staat. Aufgehängt an einem wenig bekannten Aspekt der Iran-Contra-Affäre (Ronald Reagan und George Bush werden als Stichwortgeber im Roman erwähnt), erzählt Winslow aus einer Zeit, in der fast jedes Mittel recht war, um die Linke in Südamerika zu vernichten - und jedes Kokstütchen ein Bollwerk im Kampf gegen den Kommunismus.

"Tage der Toten" hätte ein großer amerikanischer Roman werden können. Und Suhrkamp preist das Buch entsprechend pompös im Privatfernsehjargon: "Einer der besten Thriller aller Zeiten." Bei der Lektüre könnte man den Verdacht haben, auch der Autor selbst habe diesen Maßstab im Kopf gehabt - denn, wie so oft, führt gerade der Vorsatz, Großes leisten zu wollen, zur künstlerischen Blockade.

Ein Jahr nach "Tage der Toten" (in den USA 2005 veröffentlicht) schrieb Winslow ganz entspannt einen Krimi über einen emeritierten Mafiakiller: "Frankie Machine". Das Buch, in Deutschland bereits veröffentlicht, zeigt, was "Tage der Toten" fehlt. Vor lauter Ambition hat Winslow das Wichtigste vergessen: eine Figur, die das Buch trägt. Frank Macchiano in "Frankie Machine" ist ein wunderbar plastischer, so sympathischer wie zweifelhafter Typ. Art Keller dagegen, der Drogenfahnder im Mittelpunkt von "Tage der Toten" bleibt auch nach Hunderten Seiten in der prallen Sonne Mittelamerikas blass.

Keller wirkt so zweidimensional, als habe man versucht, mit einem aus der Zeitung ausgeschnittenen Foto in der Hauptrolle einen großen Hollywoodfilm zu drehen. Dazu kommt die schlaue Nutte, der schillernde Kleriker, der Mafiaboss als Opfer seiner eigenen Wollust - Prototypen aus dem Kasperletheater des Thrillers. Und damit eigentlich vollkommen gerechtfertigt: Genreliteratur darf klischeehaft sein. Aber nicht vorhersehbar. Atemlos spult Winslow das angelesene Wissen herunter. Alles in schlackenlosem Präsens aufgeschrieben - das mag irgendwie hard boiled sein, anschaulich, lebendig oder gar sinnlich wird die Geschichte nur selten: Dann, wenn sich Winslow weg vom großen Erzählstrang hin zu Nebenhandlungen bewegt.

So blutig es in "Tage der Toten" auch zugeht: Der Roman hätte ein Blick in den Abgrund sein können - geworden ist es ein Blick in den Aktenordner. Sebastian Hammelehle

Buchtipp

Don Winslow:
Tage der Toten.

Aus dem Amerikanischen von Chris Hirte.

Suhrkamp Verlag; 689 Seiten; 14,95 Euro.

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Strychnin im Strandhotel: Silvina Ocampos und Adolfo Bioy Casares' Meta-Krimi "Der Hass der Liebenden"

Ein Giftmord in einem abgelegenen argentinischen Strandhotel hält den Erzähler von der Arbeit am Drehbuch ab, das er dort schreiben wollte. Zwei Liebende verdächtigen sich gegenseitig, und ein Sandsturm hält die Gäste, die Leiche und einen Kommissar gefangen. Kurzum: Ein Krimi, wie er im Buche steht. Und doch auch ganz anders.

Verfasser dieses 1946 erschienenen Romans war das Traumpaar der argentinischen Literatur: Die Dichterin und Erzählerin Silvina Ocampo (1903-1993) war die Schwester von Victoria Ocampo, der Gründerin der legendären Literaturzeitschrift "Sur". Ihr Mann Adolfo Bioy Casares (1914-1999) war der engste literarische Weggefährte von Jorge Luis Borges und Autor einiger der bedeutendsten phantastischen Romane des 20. Jahrhunderts. Als gemischtes Doppel schicken sie hier einen skurrilen Schöngeist ins Treffen, der offen bekennt, dass er bisweilen "die Realität mit einem Buch verwechselt", und sich um ein Haar als Krebsfutter enden sieht.

Anspielungsreich, ironisch und elegant zieht "Der Hass der Liebenden" die Routinen und Klischees des Kriminalromans durch den Kakao, der selbstverständlich mit Strychnin versetzt ist. Die Romangestalten fallen darauf hinein, doch am Ende ist die Lösung viel einfacher als erwartet. "Die komplizierten Verbrechen sind der Literatur vorbehalten", stellt der Erzähler mit dem ihm eigenen Tiefsinn fest, "die Realität ist ärmer". Ulrich Baron

Buchtipp

Silvina Ocampo, Adolfo Bioy Casares:
Der Hass der Liebenden.

Aus dem Spanischen von Petra Strien-Bourmer.

Manesse Verlag; 188 Seiten; 18,95 Euro.

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Die Welt ist ein Minenfeld: Jenny Silers Terrorkriegs-Puzzle "Verschärftes Verhör"

Das Halstuch hatten wir schon. Zeit, dass auch der Schleier im Kriminalroman eine wichtigere Rolle spielt. Doch bevor im noch zu schreibenden ersten islamkritischen Krimi ein geschäftstüchtiger Autor den Burkamörder auf den freiheitsliebenden Westen hetzt, vollzieht Kat Caldwell, Arabischexpertin der US-Armee, bei Jenny Siler die Verhüllung mit dem Niqab genannten Gesichtsschleier in aller Stille - eine Szene, die gerade in ihrer Beiläufigkeit symbolträchtiger und spektakulärer ist als jedes laute Bekenntnis: "Sie begriff, dass in der Anonymität eine ungeahnte Macht lag, eine Freiheit, als wäre sie nicht mehr Teil der Welt, sondern etwas völlig Neues." Der Satz deutet es an: In "Verschärftes Verhör", ihrem Thriller über Caldwell, einen ungeklärten Todesfall in Afghanistan und den marokkanischen Teenager Jamal, der zwischen den Fronten zerrieben zu werden droht, betrachtet die amerikanische Autorin die Welt ohne das klare Schema derer, die schon ganz genau wissen, wo das Gute und wo das Böse sein Lager aufgeschlagen hat.

Das hindert Siler nicht daran, einen harten, grausamen Roman zu schreiben, bei dem die Möglichkeiten der Handelnden äußerst begrenzt sind: Desillusionierung oder Tod - oder beides. Wie über ein Minenfeld hetzt sie Jamal von Marokko über Spanien bis nach Bagram, dem größten afghanischen Lager der US-Armee. Doch dieses Minenfeld ist die Welt. Menschenhändler, Päderasten, Folterer sind ihre geradezu natürlichen Bewohner.

Die Handlung setzt bereits in der Spätphase des Vietnamkriegs ein, erstreckt sich über das marokkanische Gewaltregime Hassans II. in den Achtzigern, bis zu den Anschlägen des 11. September und der darauf folgenden US-Invasion Afghanistans.

Siler erzählt kaleidoskopartig, mit häufig wechselnden Handlungsorten, ständigen Zeit- und Perspektivwechseln, das bremst den Leser, wie auch die Geschichte; doch langsam nimmt der Roman Fahrt auf. Silers Kunst besteht dabei in der Verknappung: Der Joint der Geliebten, ihre krausen Schamhaare - Details genügen, um ein ganzes Universum anzudeuten. Beiläufig gelingt Siler so auch eine Chronik des Scheiterns amerikanischen Demokratieexports - erzählt in geradezu impressionistischer Weise. Sebastian Hammelehle

Buchtipp

Jenny Siler:
Verschärftes Verhör.

Aus dem Amerikanischen von Susanne Goga-Klinkenberg.

Fischer Taschenbuch Verlag; 320 Seiten; 8,95 Euro.

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Am 6. Oktober finden Sie an dieser Stelle die Romane des Monats. Krimis gibt's wieder am 27.10.

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