Krimis des Monats Literaturkritik in ihrer radikalsten Form

Ein Buch nur verreißen? Viel zu harmlos, findet der Rezensent in Dean Koontz' "Blindwütig". Es hätte ein herrliches Stück Trash-Literatur werden können. Außerdem: Der jämmerlichste Held der Krimigeschichte. Und eine verliebte Kommissarin aus Schweden.

Erst wird das Werk vernichtet, dann der Schriftsteller selbst - zumindest bei Dean Koontz
Corbis

Erst wird das Werk vernichtet, dann der Schriftsteller selbst - zumindest bei Dean Koontz


Jämmerlichster Held der Krimi-Geschichte: Colin Batemans "Ein Mordsgeschäft"

Früher diente er als Witzfigur, war für ein paar schäbige Lacher gut oder als Stichwortgeber für den Helden. Doch in diesem Jahr hat Hollywood dem Nerd ein ganz wunderbares filmisches Denkmal gesetzt. Endlich einmal stand der bebrillte Schlaumeier im Mittelpunkt, endlich einmal gewann dieser Außenseiter am Ende alles. Das Mädchen, den Ruhm, die Selbstachtung.

Die Rede ist hier nicht etwa von der aufgeblasenen Hype-Produktion "The Social Network", sondern von "Kick-Ass", Matthew Vaughns ebenso anarchischer wie charmanter Hommage an die Heerscharen Superhelden verehrender Jungs, die mit der Diskrepanz zwischen Comicwelt und pubertärer Verunsicherung nicht klar kommen.

Was aber passiert, wenn Nerds erwachsen werden? Eine mögliche Antwort liefert der irische Autor Colin Bateman. Der namenlose Held seines Romans "Ein Mordsgeschäft" ist inzwischen von Comics auf Krimis umgestiegen und hat aus seiner Leidenschaft einen Beruf gemacht: als Besitzer der Buchhandlung "Kein Alibi" in Belfast (die es übrigens tatsächlich gibt, ihr Inhaber hat allerdings wenig Ähnlichkeiten mit der Romanfigur).

Batemans Buchhändler weiß alles über Polizisten, Privatdetektive und Serienmörder - und nichts über das wirkliche Leben. Er wohnt noch bei seiner Mutter (was zu einer ganzen Reihe von Anspielungen auf Hitchcocks "Psycho" führt), hat keine Freunde, zu wenige Kunden und träumt seit Jahren davon, das Mädchen aus dem Modeschmuckladen gegenüber anzusprechen. Darüber hinaus leidet er an Psychosen, Phobien und Paranoiaschüben. Kurzum: Bateman hat den vielleicht jämmerlichsten Helden der Krimi-Geschichte geschaffen.

Seine Stunde schlägt, als der Privatdetektiv aus dem Büro nebenan eines Tages spurlos verschwindet und dessen Klienten sich Hilfe suchend an ihn wenden. Der Buchhändler entwickelt ein überraschendes Geschick darin, die meist harmlosen Fälle zu lösen. Doch Gefahr ist nicht sein Geschäft, und so will der Teilzeit-Detektiv kneifen, als sich die Suche nach einer vermissten Frau zu einem Mordfall entwickelt. Wenn da nicht Alison wäre, das Modeschmuckmädchen, das eines Tages bei ihm im Laden steht und offensichtlich ein Faible für brenzlige Situationen hat …

"Ein Mordsgeschäft" ist eine Seltenheit, ein humoristischer Krimi, weniger Parodie, als vielmehr anspielungsreiche - und gelegentlich durchaus bösartige - Liebeserklärung an das Genre und seine Leser. Spannend wie Raymond Chandler, lustig wie Woody Allen: nach diesem Rezept hat Colin Bateman schon mehr als 20 überaus erfolgreiche Romane geschrieben, was in Deutschland allerdings kaum jemand bemerkt hat; seit gut zehn Jahren hatte sich kein Verlag mehr gefunden, der seine Bücher (mit der Ausnahme einer Action-Story für Jugendliche) veröffentlichen wollte. "Ein Mordsgeschäft", in Großbritannien liegt übrigens mit "The Day Of The Jack Russell" bereits die Fortsetzung vor, ist ein schöner Neuanfang und ein perfekter Einstieg in Batemans Welt. Damit diese höchst vergnügliche Lektüre nicht länger nur Krimi-Nerds vorbehalten bleibt. Marcus Müntefering

Buchtipp

Colin Bateman:
Ein Mordsgeschäft
Mord, Anarchie und verdammt heiße Hosen.

Heyne Verlag; 431 Seiten; 8,99 Euro.

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Der Liebhaber ist der Hauptverdächtige: Kjell Erikssons "Schwarze Lügen, rotes Blut"

Kind, Liebe, Arbeit - für eine klassische Ermittlerin sind das in der Regel zwei Wirkungsfelder zu viel. Die schwedische Kommissarin Ann Lindell verkörperte zwar ebenfalls über Strecken ihrer Romanheldinnenexistenz die einsame Wölfin, doch von Buch zu Buch dichtete ihr Erfinder Kjell Eriksson ihr ein bisschen Familienanhang dazu. Zum Beispiel eine etwas anstrengende Mutter, die sie immer wieder vergisst zu besuchen, und einen Sohn, dessen Erziehung sie als Alleinerziehende gerade mal so wuppt.

In Erikssons neuem Lindell-Fall entdeckt die Kommissarin nun die Liebe, und das kann sich nur negativ auswirken auf ihre beiden anderen Betätigungsbereiche. Nun gut, für das Kind gibt es das vielgepriesene umfassende schwedische Erziehungssystem, aber die Arbeit erledigt sich natürlich nicht wirklich gut, wenn man den ganzen Tag daran denkt, wie der Liebhaber in der Nacht zuvor mit seinen Händen die letzten verborgenen Winkel des eigenen Körpers auskundschaftete.

Gerade gibt sich die Polizistin wieder einem ihrer Tagträume hin, da stellt sich heraus, dass der begehrte Mann der Hauptverdächtige bei den Untersuchungen zum Mord an einem Obdachlosen ist. Verdächtig, dass er ausgerechnet jetzt spurlos verschwunden ist und sämtliche Mailbox-Benachrichtigungen der verliebten Kommissarin ignoriert.

Die Plotkonstruktion von "Schwarze Lügen, rotes Blut" ist sehr plakativ - die Sprache von Kjell Eriksson ist es dafür umso weniger. In kurz getakteten Perspektivwechseln und mit kargen Charakterisierungen führt er die Figuren im Umfeld des Verbrechens ein: Obdachlose, Handwerker, die Polizisten selbst - alle träumen von einem besseren Leben.

Sehnsucht macht mobil, und Kjells Erzählung schlägt derweil immer größere Bögen - springt schließlich sogar von Uppsala, Schweden nach Bahia, Brasilien, wo der Lover von Lindell abgetaucht ist. Was uns der Autor von ihm preisgibt, ist nicht gerade vertrauenerweckend. So versetzt Eriksson den Leser trotz spröder skandinavischer Sprache in einen nervösen Zustand. Kind, Liebe, Arbeit: Wird die Kommissarin gegen jede Wahrscheinlichkeit doch noch die drei großen Widersprüche ihres Lebens vereinen können? Christian Buß

Buchtipp

Kjell Eriksson:
Schwarze Lügen, rotes Blut
Ein Fall für Ann Lindell

Deutscher Taschenbuch Verlag; 413 Seiten; 8,95 Euro.

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Es hätte herrliche Trash-Literatur werden können: Dean Koontz' "Blindwütig"

Literaturkritiker können ganz schön gemein sein. Der eine wirft vor laufenden Kameras miese Bücher in den Müll, der andere zerreißt ein ihm unliebsames Werk auf dem SPIEGEL-Titel. Und überhaupt, immer diese Nörgelei, Schlaumeierei, Besserwisserei. Da ist es doch nur verständlich, wenn Schriftstellern mal der Kragen platzt und sie sich auf ihre Weise wehren: mit einem Buch. Folglich sind Rachephantasien in der zeitgenössischen Literatur keine Seltenheit, wir erinnern hier nur an Martin Walsers "Tod eines Kritikers".

Auch für den US-Bestsellerautor Dean Koontz, in der Vergangenheit gern als "Stephen King für Arme" verspottet, war das Maß der miesen Kritiken jetzt offensichtlich übervoll. In seinem neuen Roman "Blindwütig" schuf er einen Rezensenten, gegen den sich Denis Scheck und Marcel Reich-Ranicki wie Claqueure ausnehmen. Denn Shearman Waxx hat es sich zur Aufgabe gemacht, zunächst das Werk ihm nicht genehmer Autoren zu vernichten - und dann den Schriftsteller selbst.

Ins Fadenkreuz dieser radikalen Form der Literaturkritik gerät Cullen Greenwich, erfolgreicher Autor, guter Ehemann, toller Vater; kurzum: ein Mann, wie Martha Stewart ihn nicht perfekter hätte erfinden könnte. Greenwich nimmt sich die Schmähung seines neuen Werks ein wenig zu sehr zu Herzen und beschließt, Waxx zu konfrontieren - nicht ahnend, dass der längst alles in die Wege geleitet hat, den Schriftsteller und seine Familie auszulöschen. Als das Zuhause der Greenwichs explodiert, ergreifen die drei die Flucht. Und stellen schon bald darauf fest, dass Waxx nicht allein arbeitet.

"Blindwütig" hätte ein herrliches Stück Trash-Literatur werden können, würde dem Vielschreiber Koontz nicht jeder Sinn für Stil und Dramaturgie abgehen. Um Spannung zu schaffen, bedient er sich immer wieder desselben Kniffs, des vorausschauenden Cliffhangers der Sorte: "Wir hätten nicht gelächelt, hätten wir gewusst, dass schließlich einer von uns dreien erschossen würde und dass unser Leben nie mehr sein würde wie früher."

Was das Ganze aber zu einem Ärgernis macht: Koontz geht es um mehr, als einen leicht konsumierbaren Thriller zu schreiben. Er besitzt ein ausgeprägtes, man ist versucht zu sagen: blindwütiges Sendungsbewusstsein, sein ideologischer Überbau reicht von Küchenkalender-Philosophie (fröhlich und optimistisch muss der Mensch sein) über Intellektuellen-Feindlichkeit (erschließt sich mit der Pointe) und kleinbürgerlichen Anarchismus (die da oben machen ja doch, was sie wollen. Und das schlecht) bis zu einer offenkundigen Apokalypse-Sehnsucht (klar, auch dafür sind "die da oben" verantwortlich).

Ohne gemein sein zu wollen, ohne Nörgelei, Schlaumeierei und Besserwisserei: Dieses Buch ist ganz großer Mist. Aber, Mr. Koontz, keine Angst, hier hört das Interesse dieses Rezensenten an Ihrer Person auf. Definitv. Marcus Müntefering

Buchtipp

Dean Koontz:
Blindwütig

Heyne Verlag; 432 Seiten; 19,99 Euro.

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