Krimis des Monats: Prostituiertenmord unterm Fliegenpilz

Heinrich Steinfest führt seine Heldin Lilli Steinbeck in eine unterirdische Verbrecherrepublik. Jörg Juretzka hält Spannung wohl für was für Mädchen - Jim Thompsons wiederentdecktes Debüt "Jetzt und auf Erden" enthält bereits alles, was seine Pulp Novels ausmacht. Die interessantesten Krimis des Monats!

Steinfest-Thema Winter in Fernost: "Ungeheuerliches Schneetreiben" Zur Großansicht
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Steinfest-Thema Winter in Fernost: "Ungeheuerliches Schneetreiben"

Reise in die schwärzesten Abgründe der Psyche: Jim Thompsons "Jetzt und auf Erden"

Als es mit dem Mann, den sie den "Dostojewski des Schunds" nannten, zu Ende ging, lebte er in einem kleinen Apartment in Los Angeles, unweit des Hollywood Boulevard. Jim Thompson war 70 Jahre alt und am Ende seiner Kräfte, alle Träume von Ruhm und Geld und Glück waren ausgeträumt. Hollywood hatte ihn ausgespuckt: Von Stanley Kubrick, für den er zwei Drehbücher schrieb, war er verschaukelt worden, Steve McQueen, der in der Verfilmung von Thompsons "The Getaway" die Hauptrolle spielt, hatte ihn gedemütigt, Robert Redfords Leute hatten ihn übers Ohr gehauen. Und jetzt ging ihm, nach mehreren Schlaganfällen, auch noch das verloren, was ihn immer hatte weitermachen lassen, trotz aller Nackenschläge, die das Dasein für ihn bereithielt: die Sprache. Als die Worte ihn verließen, wollte Thompson nicht mehr leben, hörte auf zu essen und starb.

Dass Thompson überhaupt so lange durchgehalten hat, darf getrost als Wunder bezeichnet werden. Wer "Jetzt und auf Erden" liest, seinen, jetzt zum ersten Mal in deutscher Übersetzung vorliegenden Debütroman, der nichts anderes als eine kaum verschleierte Biografie ist, lernt einen Mann kennen, der permanent am Abgrund balanciert. Einen Alkoholiker und Depressiven, der nur deshalb nicht abstürzt - oder sich fallen lässt -, weil er Verantwortung für seine Familie trägt, für seine hysterische Frau und seine drei Kinder, für seine Mutter, die mit der Familie in San Diego lebt und für den Vater, der irgendwo in einem Heim dem Tod entgegendämmert. Mit den Kurzgeschichten, die Thompson (bzw. sein Alter Ego James Dillon) ab und zu an Magazine verkauft, kann er die Familie nicht durchbringen, weshalb er in einer Flugzeugfabrik arbeiten geht. Der stumpfe Job ist für den labilen Kreativen ein Albtraum. Zumal ihn die chaotische und zänkische Familie nicht unterstützt, sondern eine zusätzliche Last bedeutet.

"Jetzt und auf Erden" entstand 1942, zehn Jahre bevor Thompson mit "Der Mörder in mir" seinen ersten bedeutenden Noir-Roman veröffentlichen sollte. Auch wenn es eigentlich kein Krimi ist, enthält "Jetzt und auf Erden" bereits alles, was seine späteren Pulp Novels ausmachen wird: den Nihilismus und die Brutalität, den Wahnsinn und die Abgeschlagenheit seiner Figuren, den tiefschwarzen Humor und den Sinn fürs Absurde. Die Fabrik etwa, in der Thompson/Dillon als Buchhalter angestellt ist, trägt in ihrer kafkaesken Stumpfsinnigkeit Züge der Hölle, in der sich die Helden aus "The Getaway" am Ende ihrer Flucht wiederfinden. Ein Ende von einer solchen Radikalität, dass Hollywood sich nicht getraut hat, es in den zwei Verfilmungen zu übernehmen.

"Jetzt und auf Erden", diese knallharte Geschichte eines Geschundenen, der ebenso an seiner eigenen Natur wie an der harten Realität verzweifelt, ist mitunter fast unerträglich in ihrem Naturalismus und wäre nur echten Thompson-Fans zu empfehlen, würde sie sich nicht immer wieder über die Schilderung sozialen Elends hinaus entwickeln: zu einer grotesk-komischen und fieberhaft-surrealen Reise in die schwärzesten Abgründe der Psyche. Marcus Müntefering

Buchtipp
Ein kurzes Klischee ist besser als eine lange Erklärung: Jörg Juretzkas "Freakshow"

Ein Rollstuhl als Illustration eines Buches, das "Freakshow" heißt, ist eine geschmacklich zumindest verwunderliche Entscheidung, auch wenn man weiß, dass früher schon die Coverfotos zu Jörg Juretzkas Krimis kurios bis bizarr mit dem Titel konkurrierten: Zuletzt bleckte ein Gebiss aus dem Zahnlabor auf dem Umschlag von "Rotzig & Rotzig" (2010). Dabei waren die abgebildeten Kauleisten natürlich nicht mit dem schönen Titel gemeint, der en passant den schnoddrigen Ton und überdrehten Stil von Juretzkas Krimireihe in der Dopplung gut traf. Sondern vielmehr zwei freche Bengel, die aus den Fängen eines Menschenhändlerrings befreit werden mussten. Das Thema greift Juretzka in der "Freakshow" wieder auf und verknüpft es mit Autodiebstahl, Gewaltpornos und christlichem Fundamentalismus auf eine abenteuerliche Weise, die Grafiker für alle Zeit von der Pflicht zum Inhaltsbezug beim Gestalten seiner Bücher befreien sollte. Kurios bis konfus, bizarr bis bescheuert ist der zehnte Krimi von Jörg Juretzka, und sozusagen doppelrotzig obendrein, was vor allem auf das Konto seines Ermittlers Kristof Kryszinski und seiner Erzählweise geht.

Einfach so seine Geschichten runterzurattern wäre unter der Würde dieses vom Leben gebeutelten Ruhrpott-Marlowes, der gleich zu Anfang des Buchs aus seiner Wohnung geschmissen wird und anschließend von einem Fall in den nächsten stolpert: Das Rotzige ist diesem Macho, der mit einem Toyota Baujahr 1977 zwischen Mülheim und Duisburg rumtuckert, Ausdruck seiner Haltung zum Leben, das es beim Sprücheklopfen zu hegen und pflegen gilt. Dass dieser Kerl, der sich langsam dem Rentenalter nähert, trotz aller Turbulenzen immer wieder auf die Beine kommt, hat er neben seiner zähen Findigkeit dem Kommissar Menden und dem Junkie Scuzzi zu verdanken. Während der eine Kryszinskis häufige Abstecher ins Illegale deckt, federt der andere seine schmerzhaften Crashs mit der Wirklichkeit ab. Beiden ist er in ewiger Hassliebe verbunden, denn natürlich hat "Krüschel", wie seine Freunde ihn nennen, bei aller Windigkeit das Herz auf dem rechten Fleck, was die Frauen sofort spüren - und das alles ist tatsächlich so läppisch ausgelutscht, wie es klingt.

Weil es sich aber nie langweilig und meistens lustig liest, könnte man sagen, dass der Mangel an Originalität eine Voraussetzung ist für die Qualität des Buchs, das über weite Strecken einer Parodie des Genres gleicht. "Ein kurzes Klischee ist besser als eine lange Erklärung, warum man es nicht verwendet hat", hat der Autor einmal gesagt, und mit dieser Erkenntnis baut er auch die "Freakshow", wenn er so lange ein Klischee auf das nächste türmt, bis sich jede Erklärung erübrigt. Auf der Handlungsebene folgt der gelernte Tischler Juretzka, der bereits dreimal einen Deutschen Krimipreis erhielt und nach wie vor auf dem Bau jobbt, dabei recht unbekümmert dem Titel einer Fernsehserie, an deren Drehbüchern er mitgeschrieben hat: "Was nicht passt, wird passend gemacht" Das gilt auch für die heiklen gesellschaftlichen Themen, die er so zurechtstutzt, bis sie den Rhythmus der Erzählung nicht mehr stören. Das Buch ist auf schnelle Pointen geschrieben: ein Jux zum Beömmeln, wie es an der Ruhr so schön heißt. Dabei geht die Spannung weitgehend flöten. Aber Juretzka, der gleich seinem Helden gern einen Spruch raushaut und einmal erklärte, er lese weder deutsche Krimis noch Bücher von Frauen, ist Spannung wahrscheinlich was für Mädchen. Hans-Jost Weyandt

Buchtipp
Erstaunlich naturverbundene Verbrecher: Heinrich Steinfests "Die Haischwimmerin"

Ein klassischer Kriminalroman ist "Die Haischwimmerin" auf keinen Fall, ein Spiel mit den Konventionen des Genres aber sehr wohl: Die bei Blockbustern-Krimis übliche, in grauer Vorzeit spielende Einganzsequenz wird auf fast 90 Seiten ausgewalzt, eine Tote taucht überhaupt erst auf Seite 233 auf, eine der Hauptfiguren stärkt sich mit Globuli: Arsen in homöopathischer Dosis. Sind wir hier bei Agatha Christie - oder doch eher bei Paracelsus? Nein, bei Heinrich Steinfest, dem Luftgeist unter den deutschsprachigen Krimiautoren.

Ivo Berg, am Rande der Schwäbischen Alb in einem Ort namens Giesentweis (für Ortskundige leicht dechiffrierbar) als Baumpfleger tätig, und zudem der Mann, von dem Steinfests Serienheldin Lilli Steinbeck beinahe einmal ein Kind bekommen hätte, reist im Auftrag eines Pharmakonzerns ins verschneite "Russisch-Fernost": Dort soll er, der die Bäume nicht nur zurückstutzt, sondern sogar mit ihnen zu reden versteht, sich auf der Suche nach der Dahurischen Lärche machen. Die ölige Ausscheidung von den Zapfen dieses äußerst seltenen Gewächses verspricht, so hat ihm zumindest ein Abgesandter der Arzneimittelfirma erzählt, nicht weniger als die Heilung aller Krankheiten.

Wie in Dantes "Hölle" führt Bergs Weg schließlich durch einen Schlund unter die Erde: Dort liegt Toad's Bread, eine Verbrecherrepublik mit erstaunlich naturverbundenen Kriminellen. Fast wie die Na'vi in "Avatar" leben sie in enger Symbiose mit den Bäumen (und den Fliegenpilzen) auf ihrem Territorium. Klar, dass die Tote, in deren Mordfall in Toad's Bread ermittelt wird, vielleicht doch keine Prostituierte war: Sie hatte mit Fliegenpilzen zu tun.

In einem Hotel trifft Berg nicht nur seine ermittelnde Jugendliebe Lilli Steinbeck wieder (der Leser hat mittlerweile erfahren, welches Unglücks wegen sie ihren markanten, an eine Klingonin erinnernden Nasenstummel im hübschen Gesicht trägt), er löst auch das entscheidende Rätsel, bei dem es letztlich um mehr geht, als einen bloßen Lärchenzapfen.

Mag auch "Die Haischwimmerin" ein ganzes Arsenal schillernder Gestalten bieten, nicht eine davon ist so vielschichtig und lebendig wie die Protagonisten in Heinrich Steinfests vorigem Kriminalroman "Wo die Löwen weinen". Auch darin ist das Verbrechen, in dem ermittelt wird, letztlich nebensächlich. Doch an Welthaltigkeit und phantastischer Raffinesse ist "Wo die Löwen weinen" kaum zu übertreffen. "Die Haischwimmerin" wirkt dagegen eher wie eine Fingerübung, erinnert an einen Comic (es taucht sogar eine Art Page mit Namen Spirou auf), an die Bücher Haruki Murakamis - doch je mehr die Geschichte Fahrt aufnimmt, desto mehr erweist sie sich als frei schwingendes Gebilde, in dem Mystik, Surrealismus und Steinfests Interessen auch für die unerwartetsten Seiten der Kulturgeschichte sich zu einem zauberhaften Ganzen fügen. Und das ist einmalig im deutschsprachigen Kriminalroman. Sebastian Hammelehle

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