Krimis des Monats Die Sinnlichkeit des Mordens

Eine Detektivin zwischen Yoga und Kokain: Sara Gran schickt ihre Heldin Claire DeWitt ans "Ende der Welt". Max Bronskis "Der Tod bin ich" ist eine Seltenheit - ein geistreicher Spannungsroman aus Deutschland. Elmore Leonard findet mit "Raylan" zu seiner Bestform zurück.

Gran-Thema Popkultur: Erkenntnistheoretische Angelegenheit
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Gran-Thema Popkultur: Erkenntnistheoretische Angelegenheit


Extrem lässig: Elmore Leonards "Raylan"

In schlechten Krimis sind die Figuren kaum mehr als ein Anhängsel des Plots, in guten ist es andersherum. Und weil Elmore Leonard mehr unvergessliche Charaktere erfunden hat als alle anderen Autoren des Genres, wird er als "Amerikas Krimi-Meister" und "Dickens aus Detroit" gefeiert. Zu seinen Geschöpfen gehören Chili Palmer, der Kredithai mit Hollywood-Ambitionen aus "Schnappt Shorty", Jack Foley, der smarte Bankräuber, den George Clooney in der Verfilmung von "Out Of Sight" spielte, und eben Raylan Givens. Den Marshal mit den Markenzeichen Cowboyhut, Knarre, cooler Charme hatte sich Leonard Anfang der Neunziger für den Roman "Jede Wette" ausgedacht und Jahre später für die Kurzgeschichte "Fire In The Hole" reaktiviert.

Die Figur diente als Vorlage für eine der interessantesten Fernsehserien derzeit: In "Justified" - in den USA in die vierte Staffel gegangen, hierzulande bei Kabel eins vom Publikum sträflich ignoriert - brilliert Timothy Olyphant (eine schöne Variante seiner Sheriff-Rolle in "Deadwood") als aufrechter Gesetzeshüter, der im Hinterland von Harlan County, Kentucky, so kompromisslos für Recht und Ordnung sorgt, als wäre seit den Zeiten des Wilden Westens wenig passiert in der Welt.

Timothy Olyphant war es auch, der Elmore Leonard auf die Idee brachte, einen weiteren Roman über Raylan Givens zu schreiben. Das Resultat: ein beispielloser Fall von "Das Fernsehen imitiert die Literatur, die wiederum das Fernsehen imitiert". Leonard begnügt sich nicht damit, einen Roman zu schreiben - er komponiert ihn so, wie moderne TV-Serien angelegt sind: zugleich episodisch und episch.

So ist die Geschichte um eine frustrierte Krankenschwester, die sich als Organhändlerin versucht, zwar bereits nach dem ersten Drittel des Buchs zu Ende erzählt, führt aber mehrere Figuren ein, die für die weiteren Handlungsstränge (eine Pokerspielerin gerät in den Verdacht, zusammen mit zwei Stripperinnen Banken zu überfallen; die Abgesandte einer Bergbaufirma will mit schmutzigen Tricks an noch mehr Kentucky-Kohle kommen) von Bedeutung sein werden.

Leonard spielt mit den Erwartungen derjenigen seiner Leser, die auch die Serie kennen. Einige beliebte Figuren tauchen erst spät (oder gar nicht) auf, haben dann kleinere, größere oder andere Rollen als gewohnt. Was in einigen Fällen bedauerlich ist - Boyd Crowder, der moralisch höchst ambivalente ehemalige Neonazi, kommt zu kurz -, in anderen sehr zu begrüßen - Raylans Ex-Ehefrau, in der Serie eine der eher nervigen (weil konventionellen) Figuren, gönnt Leonard nur ein einmaliges Gastspiel.

Dieses Spiel mit der Differenz zwischen den Romanfiguren und den TV-Vorbildern (und wiederum den literarischen "Originalen") ist so verwirrend wie reizvoll. Man könnte behaupten, dass Leonard im hohen Alter (er ist 86) Freude an metafiktionalen Mätzchen entwickelt. Aber wichtiger ist es, dass "Raylan" ein extrem lässiges Buch geworden ist, mit dem Leonard nach einem kleinen Durchhänger ("Dschibuti", 2010) zu seiner Bestform zurückfindet. Marcus Müntefering

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Femininer Rock'n'Roll: Sara Grans "Das Ende der Welt"

Claire DeWitt ist nicht Ermittlerin, wie der deutsche Untertitel behauptet, sondern Detektivin. Ein Detektiv verhält sich zum Ermittler wie das von Sportjournalisten manchmal bemühte "schlampige Genie" zum Hilfswissenschaftler in Festanstellung - ob ein Detektiv jemals etwas so Schnödes tun würde wie zu ermitteln, darf bezweifelt werden.

All ihr Wissen und Selbstverständnis bezieht die in San Francisco lebende DeWitt aus Frankreich: von Jacques Silette, dem Verfasser des mythischen Buchs "Détection", für Detektivarbeit zumindest bei Sara Gran in etwa das, was Hegels "Phänomenologie des Geistes" für die Geschichtsphilosophie ist. Die Detektivarbeit ist für Silette eine weniger konkrete als erkenntnistheoretische Angelegenheit. "Das Ende der Welt" ist die Geschichte einer Suche.

Ein früherer Liebhaber De Witts wurde ermordet. Am Tatort fehlen mehrere Gitarren. Sich allein auf ihre Intuition verlassend, beginnt die Detektivin mit der Recherche. Dabei zeigt sie, wie es sich für eine junge Frau in der Bay Area wohl gehört, nicht nur ein Faible für Yoga, Rockmusik und chinesische Medizin, sondern auch eine leicht selbstzerstörerische Neigung zu Kokain und Betäubungsmitteln. Parallel dazu erzählt Sara Gran die Geschichte von DeWitts erster Ermittlung, 1987 in Brooklyn, als sie eine Freundin aus dem Sadomaso-Hinterzimmer eines Punkstars befreit.

"Das Ende der Welt" ist wie femininer Rock'n'Roll. Ein unkonventionelles, stimmungsvolles Buch, bei dem die Sinnlichkeit der Erzählung wichtiger ist als die Brutalität des Verbrechens. Getragen von der Ästhetik der Popkultur spielt Gran mit den Themen des Detektivromans und verweigert sich zugleich seiner Logik - bis hin zur letzten Konsequenz: Die Geschichte ist kurzweilig, aber überhaupt nicht spannend.

Das allerdings dürfte nur diejenigen stören, die auf Ermittlungen Wert legen. Wer Detektive bevorzugt, könnte sich mit Claire DeWitt durchaus anfreunden. Sebastian Hammelehle

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Mit dem Willen zur Größe: Max Bronskis "Der Tod bin ich"

"Aufrecht wie ein Herrenreiter saß er auf seinem Hollandrad, und die Rockschöße seines beigen Leinenanzugs flatterten im Wind." So gediegen kommt die Exposition von Max Bronskis "Der Tod bin ich" daher, es könnte sich um eine Szene aus der britischen Landadelsserie "Downton Abbey" handeln. Doch nur zwei Seiten weiter wird der ältere Herr eine Pistole gezogen und einen ersten Mord begangen haben.

Ein spektakulärer Auftakt für einen Roman, der zwar in der bayerischen Provinz beginnt, aber alles andere als ein weiterer kreuzbraver Provinzkrimi ist. Vielmehr hat Bronski, bislang für seine im Münchner Schlachthofviertel angesiedelten Mordgeschichten bekannt, den ambitionierten Versuch unternommen, einen Thriller von internationalem Format zu schreiben.

Und das mit einem Helden, der für Aufregungen aller Art so gar nicht geschaffen ist. Tino Senoner hat es sich nämlich ziemlich gemütlich eingerichtet in seinem Leben. Sein Job als Verwalter für einen stilvoll verarmten Baron ist ebenso anspruchslos wie seine Geliebte, die Köchin des Hauses. Ansonsten liegt er mit Vorliebe bekifft in der Hängematte oder trifft sich zum Plausch mit seinem Vorgänger. Doch eben jener ist jetzt das Opfer des älteren Herren im Leinenanzug geworden. Als kurz darauf Senoners Tante ermordet wird und seine Mutter verschwindet, erkennt der Zauderer, dass die Zeit zum Handeln gekommen ist. "Jenseits unseres gut gepflegten Gärtchens (befindet sich) eine Wildnis ungeahnten Ausmaßes", ahnt Senoner.

Über sechs Jahrzehnte spannt Bronski den Handlungsbogen, die Geschichte führt aus dem Bayern von heute in die Abgründe des Kalten Kriegs der Fünfziger und Sechziger und wieder zurück. Bevor es zu einem furiosen Showdown in Cambridge kommt, also dem Ort, der seit den "Cambridge Five" seinen Ruf als Spionagehochburg weg hat, fährt Bronski einiges auf. Zwei Ich-Erzähler, drei Agentenveteranen, die noch ein letztes Mal in die Schlacht ziehen, eine schicksalsschwere Liebesgeschichte. Und die "Weltformel", jene sagenumwobene "Theorie von allem", an der sich schon Heisenberg und Einstein vergeblich abmühten. Denn das ist das große Thema des Romans: wie Ordnung immer wieder zurück ins Chaos kippt, wie scheinbare Gewissheiten atomisiert werden. Und wie es bei diesem Durcheinander auf allen Ebenen vor allem auf eines ankommt: von den unendlich vielen möglichen Geschichten eine möglichst gute zu erzählen.

Dass Bronski sich bei seinem verwegenen Agentenspiel irgendwo zwischen Theorie und Action, zwischen Spannung und Parodie, zwischen Gegenwart und Vergangenheit ein wenig verzettelt, verzeiht man ihm. Weil er anders als die meisten seiner verzagten Kollegen hierzulande mit dem Willen zur Größe schreibt. Und weil "Der Tod bin ich" eine Seltenheit ist: ein geistreicher Spannungsroman aus Deutschland.

"Der Boden der Physik ist übersät mit Leichen von vereinheitlichten Theorien", hat der Physiker Freeman Dyson einmal gesagt. Max Bronski hat diesen Satz wörtlich genommen. Gewitzt. Gewagt. Gewonnen! Marcus Müntefering

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