Krimis des Monats: Sarah Palin jagt den Antichristen

Josh Bazell schickt Sarah Palin auf die Jagd nach dem Monster der Apokalypse. Don Winslow drückt aufs Tempo. Robert Harris hat einen phantastischen Stoff: Ein Computerprogramm, das aus der Angst der Menschen Profite generiert.

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US-Politikerin Sarah Palin: Hier fehlt doch ein Strang der DNA!

Am Ende sind wir alle nur Wilde: Don Winslows "Zeit des Zorns"

Wer allzu erfolgreich ist, weckt Neid und Begehrlichkeiten. In der Regel hat das keine lebensbedrohlichen Konsequenzen. Baut man aber, wie die Helden in Don Winslows neuem Roman "Zeit des Zorns", das beste Gras von ganz Kalifornien an, gerät man fast zwangsweise in den Fokus mexikanischer Drogenbanden. Das kann sehr schnell sehr gefährlich werden. Zumal wenn man sich wenig kompromissbereit zeigt.

Da die beiden Dope-Könige Ben und Chon aber tot nichts wert sind - schließlich sollen sie fürs Baja Kartell weiter ihr Superzeug anbauen -, entführen die Mexikaner ihre Freundin Ophelia. Druck aufbauen. Gewalt ist eine Sprache, die der frühere Soldat (der sich selbst Baddhist, schlechter Buddhist, nennt) Chon bestens versteht. Und so schlagen Chon und sein Partner Ben, eigentlich Pazifist und Weltverbesserer, das Kartell mit seinen eigenen Waffen. Heißt: Druck erzeugt Gegendruck, bis zum blutigen Ende.

"Zeit des Zorns" ist ein Update von "Butch Cassidy und Sundance Kid", ein so romantischer wie ultrabrutaler Western, Feier des californian way of life und Abgesang darauf. Kurz vor dem finalen Shootout heißt es: "Wir haben (...) gesund gegessen, uns das Rauchen abgewöhnt, unsere Gesichter geliftet und die Sonne gemieden, die Haut gepeelt, Falten geglättet, Fett ebenso wie ungewollte Babys absaugen lassen und dem Tod und dem Alter den Kampf angesagt. Wohlstand und Gesundheit haben wir zu unseren Göttern gemacht. Eine narzisstische Religion. Zum Schluss haben wir nur noch uns selbst angebetet. Zum Schluss war das alles nicht genug."

Treffender kann man es nicht zusammenfassen. Doch damit begnügt sich Winslow nicht. Ihm geht es darum, zu zeigen, wie schnell Menschen die Maske der Zivilisation fallen lassen, wenn sie unter Druck geraten. Jeder in diesem Roman zeigt irgendwann seine wahre, ungezähmte Natur; die Dealer, die Anbauer, die Anwälte, die FBI-Agenten. Am Ende sind wir alle nur Wilde oder "Savages", wie der Originaltitel von "Zeit des Zorns" lautet: "Chon hat immer gewusst, dass es zwei Welten gibt. Eine bestialische. Eine weniger bestialische. (…) Und Chon weiß (…) dass beides ein und dieselbe Welt ist."

Nach den beiden eher leichteren Büchern über den Surfer-Detektiv Boone Daniels kehrt Winslow zu dem düsteren Sujet von "Tage der Toten"zurück, dem Roman über die mexikanischen Drogen-Kartellle, der ihn 2010 auch in Deutschland bekannt gemacht hat. Anders als in diesem ausschweifenden 700-Seiten-Bestseller greift Winslow in "Zeit des Zorns" zum Mittel der Verdichtung: weniger Figuren, weniger Handlung, mehr Tempo. Diese Verknappung ist ein Kunstgriff, der umso besser funktioniert, da Winslow im Kapiteltakt (und die sind sehr kurz: "Fickt euch", mehr steht nicht auf der ersten Seite) seinen Stil wechselt, mal erzählt er ironisch-auktorial, mal überbetont sachlich, innere Monologe folgen auf Passagen wie aus einem Drehbuch, Aphorismen auf gefakte Lexikoneinträge - und manchmal lädt Winslow seine Leser sogar zu einem Quiz ein.

Wie bei Winslow gewohnt im atemlosen Präsens geschrieben, bietet "Zeit des Zorns" etwas ganz Rares im zeitgenössischen Krimi: einen unverwechselbaren Sound. Marcus Müntefering

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Einmal Zeile-Drei-Muschi und zurück: Josh Bazells "Einmal durch die Hölle und zurück"

Woran liegt es nur, dass man sich bei Josh Bazells zweitem Kriminalroman "Einmal durch die Hölle und zurück" so sehr an die Bannerwerbung im Internet erinnert fühlt? An einem Wort wie "Muschi" zum Beispiel, das, als ginge es darum den Leser zum Draufklicken zu ermuntern, bereits in der dritten Zeile der ersten Seite aufflackert. Das kann ja nur eine hypnotische Wirkung nach sich ziehen: Gerade noch hatte man ganz unverbindlich in Bazells Krimi geblättert, schon steht man an der Kasse der Buchhandlung, kauft ihn - und weiß nicht mal warum.

Beim Weiterlesen könnte sich Ernüchterung breit machen: das mit der Muschi hatte man sich irgendwie anders vorgestellt. Was soll's. Verarscht zu werden ist man aus dem Netz gewohnt. Und Bazell wäre nicht Bazell, würde er dem Leser nicht eine Masse neuer Reizwörter bieten: (Lidocain, Dinosaurier-Erbgut, Sinaloa-Kartell), die in der Folge ebenso wenig eine entscheidende Rolle spielen wie die Muschi aus Zeile drei.

Es ist nicht so, dass Bazell ein untalentierter Autor wäre. Fast ist man versucht zu behaupten, seine Geschichte sei rasant erzählt, strotze vor ungewöhnlichen Einfällen und sei zudem gespickt mit politischen Anspielungen - doch die Geschwätzigkeit, mit der Bazell bis in seine zahlreichen Fußnoten und einen 50-seitigen Anhang hinein zu Werke geht, wirkt, als habe die Geschichte ein Leck.

Auch dürfte es Josh Bazell nie ganz klar gewesen sein, ob er einen Krimi oder eine Krimiparodie schreiben wollte. Immerhin schickt er seine Hauptfigur Pietro Brwna (bekannt aus Bazells Debüt "Schneller als der Tod") in eine grandios groteske Szene: Bei seiner Jagd nach dem mysteriösen White-Lake-Monster begegnet Brwna der früheren Vize-Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin. Die wähnt, auf den Spuren des furchterregenden Untiers aus der biblischen Apokalypse zu sein. Dessen berühmte Nummer, die 666, so bildet es Palin sich ein, stünde für die einsträngige DNA-des Tieres.

Den zweiten, fehlenden DNA-Strang, auch das glaubt Palin, hat kein anderer als der große Gegenspieler des Antichrist: Jesus Christus, wer sonst. Sebastian Hammelehle

Buchtipp
Eine so atemberaubende wie furchterregende Vorstellung: Robert Harris' "Angst"

Nichts macht mehr Angst als die Unsicherheit, das Gefühl, etwas nicht verstehen und nicht kontrollieren zu können. In Zeiten, in denen europäische Staaten vor dem Bankrott stehen und in denen die globalen Finanzströme ein sinistres Eigenleben zu führen scheinen, bestimmt die Angst unser Handeln - oder macht es unmöglich.

"Angst", so heißt auch der neue Roman von Robert Harris. Der britische Bestsellerautor ("Vaterland") nimmt das mit den entfesselten Finanzmärkten wörtlich und lässt ein Computerprogramm Amok laufen. "VIXAL 4" heißt die Software. Sie soll das neue Herzstück eines Schweizer Hedgefonds werden. Das Versprechen: Auch und gerade in Zeiten volatiler Märkte sorgt "VIXAL 4" für satte Gewinne. Sein Erfinder, der Mathematiker Dr. Alexander Hoffmann, erklärt es potentiellen Investoren wie folgt: "An den Märkten herrschte zwei Jahre lang Panik, und unsere Algorithmen sind gerade bei Panik erfolgreich, weil nämlich der Mensch, wenn er Angst hat, immer auf vorhersehbare Weise reagiert."

Programme, die aus der Angst der Menschen Profite generieren und dabei nach Gewinnmaximierung streben - eine so atemberaubende wie furchterregende Vorstellung, aber für Harris noch nicht genug Stoff für einen Thriller. Und so verbindet er die abstrakte IT-Welt mit dem romantischen Schauerroman. "VIXAL 4" ist ebenso ein Nachfolger von "HAL 9000" aus "2001 - Odyssee im Weltraum", ein Programm, das - weder gut noch böse - einfach alles tut, um perfekt zu funktionieren, wie von Dr. Frankensteins Monster, das sich schließlich gegen seinen Schöpfer wendet.

Am Genfer See, unweit des Ortes, an dem Mary Shelley sich in jenem sagenumwobenen Sommer 1816 ihren "Frankenstein" einfallen ließ, lebt Hoffmann, ehemaliger CERN-Mitarbeiter und milliardenschwerer Hedgefonds-Chef, ein eigentlich recht beschauliches Leben in seiner 60-Millionen-Dollar-Behausung. Er ist der Typ weltfremder und überheblicher Wissenschaftler, der sich der Konsequenzen seiner Forschungen nicht wirklich bewusst ist. Schon deshalb, weil sie ihn nicht interessieren. Das aber wird sich innerhalb von 24 Stunden von Grund auf ändern: Erst kommt es zu einem Einbruch in Hoffmanns eigentlich perfekt gesicherte Villa, dann entdeckt er unerklärliche Transfers auf seinen Bankkonten; gleichzeitig spielen die internationalen Börsen verrückt. Als er endlich merkt, was diese Ereignisse verbindet, ist es schon fast zu spät.

Und das gilt leider auch für Harris' Roman. Der versucht uns bald 300 Seiten lang glauben zu machen, dass ein Genie wie Hoffmann einfach nicht darauf kommt, wer (oder was) ihm so übel mitspielt. Dass auf Hoffmanns verspäteten Heureka-Moment noch ein plumpes Action-Finale (Mensch gegen Maschine, ganz viel Feuer) folgt, macht die Sache nicht besser. Schade um einen phantastischen Stoff, schade um die vielen guten Ansätze, die Harris billiger Spannungsmache opfert. Dabei hätte er es besser wissen können, hätte er nur das Shelley-Zitat, das seinem Roman voransteht, auf sich gemünzt: "(…) wie gefährlich Wissen ist und wieviel glücklicher derjenige Mensch, welcher seine Geburtsstadt für die Welt hält, als derjenige, der größer werden will, als es seine Natur erlaubt."

Könnte heißen: Du bist Robert Harris, und das ist gut so. Versuche gar nicht erst, so viele Bücher zu verkaufen wie Dan Brown. Marcus Müntefering

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