Krimis des Monats: Suters größter Trick

Von und Marcus Müntefering

Gentlemen ganz unterschiedlicher Prägung in den besten Krimis des Januars: Für Martin Suters neuen Serienheld Allmen hält das Leben nur zwei Herausforderungen bereit. Elmore Leonard erzählt von kubanischen Ganoven. Und Tana French führt in die dunkle Welt irischer Prolls.

Schulden? Hauptsache, der Bademantel sitzt - zumindest bei Martin Suters Allmen Zur Großansicht
Corbis

Schulden? Hauptsache, der Bademantel sitzt - zumindest bei Martin Suters Allmen

Eine Geschichte wie ein schlaffer Händedruck: Martin Suters "Allmen und die Libellen"

Der Einbruch in eine Bank, das wissen auch wir, die wir die "Dreigroschenoper" nicht auswendig können, ist nichts gegen die Gründung einer Bank. Martin Suter, von dem hat das wohl keiner erwartet, erweist sich als gelehriger Schüler Brechts, wenn er im ersten Band der als Serie angelegten Geschichte um J. F. v. Allmen und seinen Butler Carlos weniger von Verbrechen erzählt (die durchaus stattfinden), sondern von den Geschäften, die sich damit machen lassen.

Die Figur des Butlers - mancher mag da leise aufstöhnen oder das Buch gleich weglegen - weist die Richtung: "Allmen und die Libellen" ist ein altmodischer Krimi, ein sehr altmodischer Krimi, ein Buch, das zwar in der Gegenwart spielt, sich aber liest, als stamme es aus der Zeit, als Eric Ambler, Graham Greene oder Dorothy L. Sayers ihre Romane schrieben.

Wer alte Krimis auch deshalb schätzt, weil sie so gänzlich frei sind von den technischen Errungenschaften unserer Tage, dürfte von "Allmen und die Libellen" angenehm überrascht sein: Suter schafft es, durch Verwendung der Konstruktion "Online-Presse" sogar das Internet antiquiert wirken zu lassen.

Suter erreicht nicht die Dimension existenztieller Dramen, die Simenon in seinen "Maigret"-Krimis so beiläufig schildert - warum auch? Für Allmen, wie Suter Schweizer, hält das Leben nur zwei Herausforderungen bereit: die des schwindenden Vermögens und die, sich das Schwinden des Vermögens nicht anmerken zu lassen. Allmen war Millionenerbe, er lebt als Privatier, längst musste er von der Villa ins Gartenhaus ziehen, seine Schulden kann er kaum begleichen, und die Bezüge seines Butlers bringt er nur durch einen Kniff auf - in der ersten Hälfte wirkt "Allmen und die Libellen" wie ein schlaffer Händedruck, allzu distinguiert und vorhersehbar erscheint die Welt, in der das Buch spielt.

Dann allerdings, und das ist womöglich Suters größter Trick, lernt man die Figuren schätzen und könnte sich wenig Entspannenderes vorstellen als einen zweiten Roman mit diesem Gespann in den Hauptrollen.

Zuletzt gründen Allmen und Carlos gar ein Unternehmen - keine Bank, nur eine ganz kleine Agentur. Sebastian Hammelehle

Buchtipp

Martin Suter:
Allmen und die Libellen.

Diogenes Verlag; 194 Seiten; 18,90 Euro.

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Eine ganz einfache Geschichte: Elmore Leonards "Road Dogs"

Als "Road Dogs" 2009 in den USA erschien, nannte die "Washington Post" Elmore Leonard ein "nationales Kulturgut". Hierzulande hingegen ist der Name des 85-jährigen Schriftstellers nur Eingeweihten ein Begriff. Immerhin: Viele seiner mehr als 40 Romane, darunter etliche Western, vor allem aber Thriller, wurden verfilmt und fanden über diesen Umweg auch die Aufmerksamkeit des deutschen Publikums. Zu den bekanntesten Adaptionen zählen Quentin Tarantinos "Jackie Brown", die Hollywood-Satire "Schnappt Shorty" und "Out Of Sight", ein geschmeidiges Gangsterstück mit Jennifer Lopez und George Clooney.

Der Bankräuber Jack Foley, den Clooney in "Out Of Sight" so unwiderstehlich verkörperte, steht auch im Mittelpunkt von "Road Dogs". Zu Beginn des Romans sitzt Foley im Gefängnis, er wurde zu 30 Jahren verurteilt. Doch Amerika wäre nicht Amerika, wenn ein guter (und gutbezahlter) Anwalt da nicht etwas drehen könnte. Die nötigen Dollars stellt ihm sein Knastkumpel Cundo Rey zur Verfügung (den kleinen kubanischen Dealer mit dem großen Ego kennen Leonard-Liebhaber aus dem Meisterwerk "La Brava" von 1983). Als Gegenleistung soll Foley sich um seine Frau Dawn kümmern, bis er selbst nach Hause kommt. Foley erledigt die Aufgabe auf seine Weise - er steigt mit Dawn ins Bett. Schon bald schmieden die beiden Pläne, wie sie Cundo um seine Millionen erleichtern könnten. Bis sich Foleys Gewissen meldet, schließlich sind Cundo und er Road Dogs.

Was das heißt, erklärt ihm der Kubaner wie folgt: "Es geht ums Prinzip, darum, dass Road Dogs füreinander da sind. Solange wir was miteinander zu tun haben, sind wir Road Dogs, ob drinnen oder draußen." Was das tatsächlich meint, ist die Frage, die Leonard in seinem Buch aufwirft: Was bedeuten Begriffe wie Loyalität und Vertrauen für Menschen, deren Profession es mit sich bringt, eben diese Begriffe zu unterlaufen? Oder um es ganz einfach auszudrücken: Gibt es so etwas wie Ganovenehre?

Eine eindeutige Antwort kann und will Leonard nicht liefern. Zum einen versucht hier jeder jeden zu betrügen, sucht jeder seinen Vorteil. Leonards Protagonisten sind Pragmatiker: Foley überfällt Banken, weil er gut darin ist und sich an einen gewissen Lifestyle gewöhnt hat; Dawn betrügt ihren Gatten, weil es Spaß macht und sie dadurch Macht über die Männer gewinnt; Cundo prügelt und foltert, weil er gelernt hat, dass er so bekommt, was er will. Zum anderen aber merkt Dawn, dass zwischen den Männern tatsächlich eine gewisse Verbundenheit herrscht, dass sie zögern, dem anderen zu schaden. Am Ende führt Dawns Angst vor dieser Männerfreundschaft, die sie nicht verstehen und nicht kontrollieren kann, dazu, dass die Situation eskaliert.

Elmore Leonard schafft es scheinbar mühelos, dass uns dieses moralschwache Trio ans Herz wächst. Er psychologisiert nicht, wertet nicht, überhöht nicht, er erzählt eine ganz einfache Geschichte mit ganz einfachen Mitteln. Und gerade in dieser Reduzierung liegt die Meisterschaft dieses einzigartigen Schriftstellers. Marcus Müntefering

Buchtipp

Elmore Leonard:
Road Dogs.

Übersetzt von Conny Lösch, Kirsten Riesselmann.
Eichborn Verlag; 303 Seiten; 19,95 Euro.

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Die Geschichte einer Jugend, die mit einem Verbrechen ihr jähes Ende fand: Tana Frenchs "Sterbenskalt"

Dass die Abkürzung Krimi für Kriminalroman steht, wird nicht bei jedem Buch klar. Tana Frenchs "Sterbenskalt" ist eindeutig ein Roman. Die in den USA geborene, seit 1990 in Dublin lebende French erzählt in ihrem dritten Buch die Geschichte von Frank Mackey.

In der Nacht von Sonntag auf Montag, vom 15. auf den 16. Dezember 1985, verlässt er kurz vor Mitternacht die Wohnung seiner Eltern. Gemeinsam mit seiner Freundin Rose Daly, wie French schreibt, "19 Jahre alt, kurvige Figur, langes, rotes, lockiges Haar", will er weg aus Dublin. Die Fährtickets nach England sind gekauft. Roses Abschiedsbrief an die Familie geschrieben. Doch Rose erscheint nicht am vereinbarten Treffpunkt. Mackey fühlt sich versetzt. Er hört nie wieder von ihr. Schließlich wird er Polizist und macht als Undercover-Fahnder Karriere.

22 Jahre später wird in einem Abbruchhaus ein Koffer gefunden - es kostet Mackeys jüngste Schwester Jackie nur ein paar Anrufe, und ihr Bruder, der mit seiner Familie längst gebrochen hatte, sitzt wieder dort, von wo er in den Achtzigern davon gelaufen war. Im Wohnzimmer seiner Eltern; Vater gewalttätiger Alkoholiker, Mutter überdreht, die Geschwister auf ganz unterschiedliche Weise gestört.

Schnell bestätigt sich Jackies Verdacht: Der Koffer gehörte Rose Daly. Wenig später wird auch deren Leiche gefunden. Tana French erzählt die Geschichte des Verbrechens als Familien- und Sozialroman. Das Kunststück, den Unterschichtsjargon der Mackeys nicht vorzuführen, sich aber auch nicht vorbehaltlos mit ihm gemein zu machen, gelingt French dabei nur halb.

Die aus der Ich-Perspektive Frank Mackeys erzählte Geschichte wirkt in ihrem Bemühen um saloppe, mündliche Rede zumindest in der deutschen Übersetzung phasenweise wie klischeegesättigter Unterhaltungsroman-Sprachbrei ("holte mein Leben das zweite Mal für den Schlag unter die Gürtellinie aus", "in hauchdünne Nylons gehüllt", "die Anrufbeantworter-Tussi"). Da wünscht man sich geradezu einen echten Proll, der dieses Gelaber stoppt - so redet nicht die Unterschicht, so redet nicht mal die die untere Mittelschicht, in die Mackey dank seiner Polizeilaufbahn aufgestiegen ist. So schreiben Romanautoren, die allzu fern sind vom geschilderten Milieu.

Auch nimmt man Mackey seine persönliche Katastrophe kaum ab: Die Jugendliebe tot, die eigene Familie unter Verdacht; Berufsleben, Privatleben - alles ganz fürchterlich, aber Mackey erzählt ungerührt weiter. Und das nicht mal, weil er so abgebrüht ist.

Seine starken Momente hat "Sterbenskalt" in den Rückblenden: Dublin in den Achtzigern, die Paisleyblusen und die toupierten Haare der Mädchen, der prügelnde Vater. Da ist das Buch viel mehr als ein Krimi - es ist die Geschichte einer Jugend, die mit einem Verbrechen ihr jähes Ende fand. Sebastian Hammelehle

Buchtipp

Tana French
Sterbenskalt.

Übersetzt von Klaus Timmermann, Ulrike Wasel.
Scherz Verlag; 608 Seiten; 16,95 Euro.

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