Krimis des Monats: Verlässliche Erlösung mit Jussi Adler-Olsen

Zu derbe für die Leser von Kluftinger und "Dampfnudelblues": der Anti-Alpen-Krimi "Bad Fucking". Einen Retro-Helden hat Walter Mosley erfunden. Und dann gibt's auch noch "Erlösung", den neuen Carl-Mørck-Krimi von Jussi Adler-Olsen - warum ist der eigentlich so erfolgreich?

Bestsellerautor Adler-Olsen: Mustergültig skrupelloser Verbrecher Zur Großansicht

Bestsellerautor Adler-Olsen: Mustergültig skrupelloser Verbrecher

Cheerleader ohne Handyempfang: Kurt Palms "Bad Fucking"

Es gab einiges Hin und Her, bis das europäische Markenamt in Alicante 2010 den Namen einer Biersorte namens Fucking Hell genehmigte. Der bezog sich auf den Namen eines oberösterreichischen Dorfes namens Fucking. Das existiert wirklich, anders als Kurt Palms zwischen Höllensee und dem Hausberg Hohes Hirn gelegene Gemeinde Bad Fucking. Dort gibt es noch einen Gendarmen, obwohl die österreichische Bundesgendarmerie schon 2005 abgeschafft wurde - was den Bad Fuckingern keiner mitgeteilt hat. Wer im Wiener Innenministerium den Ortsnamen in den Computer eingibt, erhält eine Pornografiewarnung und der Zugriff wird verweigert.

"Bam, Oida, jetzt bin ich gefickt! Und das ausgerechnet in Bad Fucking!", ruft ein Mitglied der Vienna Honeybees aus, einer Cheerleadergruppe, die für ein Trainingslager in den Ort gekommen ist. Gerade hat sie erfahren, dass es in Bad Fucking keinen Handyempfang gibt, seit ein Bergrutsch das Dorf in eine Sackgasse verwandelt hat. Hier, am Ende der Welt, lässt der 1955 geborene Autor Kurt Palm ein ausgesprochen grelles Figurenarsenal sich austoben: Der Bürgermeister, die Initialen A.H. ins Taschentuch gestickt, hat das Gemeindevermögen in Hedgefonds verzockt; seine Frau liegt im Tranquilizerdämmer, sein pickliger Sohn betreibt das Hotel und versucht mit Aufnahmen von phallusförmigen Pilzen die Fotofachverkäuferin für sich zu gewinnen. Derweil lässt sich der Zahnarzt von seiner serbischen Putzfrau befriedigen und erleichtert sich in die Spucktasse. Und der aus der Zeit gefallene Gendarm ist eine spezielle Sorte Messie: Er hat seinen Posten mit stinkendem Aalfutter vollgemüllt.

Man merkt: Dem 50-plus-Publikum, das die Lesungen der Allgäuer Schmunzelkrimi-Autoren Volker Klüpfel und Michael Kobr bevölkert, wird der Humor von "Bad Fucking" zu derb sein. Zumal Kurt Palm rasant von einer Szene zur anderen und von einem Protagonisten zum nächsten springt, wo Klüpfel/Kobr seitenlang um einen einzigen Gag herumscharwenzeln. Dennoch hat Rowohlt die Taschenbuchausgabe des 2010 im St. Pöltener Residenz-Verlag erschienen Buches mit idyllischen Bergbildern und dem Untertitel "Kein Alpen-Krimi" versehen - ein bisschen möchte man von dem Boom um die bajuwarischen Provinzromane, von Jörg Maurer ("Föhnlage") oder Rita Falk schon profitieren. Doch wo letztere im Anhang von "Dampfnudelblues" die Rezepte zu den Gerichten abdruckt, mit denen die Oma den Kommissar Franz Eberhofer verwöhnt, kann einem bei "Bad Fucking" eher schon mal der Appetit vergehen.

So zum Beispiel, wenn ein tschetschenisches Verbrecherpaar der Innenministerin die Zunge abschneidet ("Sarema Abubakarowa hatte Mühe, das Blut, den Kot und den Urin mit einem feuchten Tuch zumindest oberflächlich von Maria Sperrs Körper abzuwischen.") Doch diese Drastik steht für Trash im besten Sinne: Kurt Palm, der einst mit Hermes Phettberg die "Nette Leit Show" entwickelte und österreichweit als Marxist bekannt ist, nutzt die Überzeichnungen zur Abrechnung mit der einwandererfeindlichen Innenpolitik oder der Profitgier, die zur Finanzkrise führte. Einen Mordfall gibt es übrigens auch - ein ehemaliger Hotelier wird in seiner Wohnhöhle tot aufgefunden. Er wird im Verlauf des Buches völlig nebensächlich. Felix Bayer

Buchtipp

Kurt Palm:
Bad Fucking
Kein Alpen-Krimi.

Rowohlt; 277 Seiten; 9,99 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

Eine ebenso reiche wie kaputte Familie: Walter Mosleys "Manhattan Karma"

Für einen wie Leonid McGill ist eigentlich kein Platz mehr im heutigen New York - zu bullig seine Statur, zu schäbig seine Anzüge, zu eigenwillig seine Haltung. Ein bisschen wirkt es, als hätte Walter Mosley seinen alten Serienhelden Easy Rawlins von der West- an die Ostküste und aus den sechziger Jahren ins neue Jahrtausend verfrachtet, wo der Privatdetektiv sich daran aufreibt, den Widerspruch zwischen der Welt, wie sie sein sollte, und der Realität auszuhalten.

So seltsam aus der Zeit gefallen Leonid McGill zu sein scheint, so anachronistisch kommt auch "Manhattan Karma" daher, der erste Teil einer neuen Romanreihe des schwarzen Bestsellerautors Walter Mosley, der sich liest, als hätte dieser es noch nicht geschafft, gedanklich wirklich in der Gegenwart anzukommen. Das mag einerseits eine Schwäche sein, macht aber andererseits einen Großteil des Charmes von "The Long Fall" (wie der treffendere Originaltitel lautet) aus.

McGill ist einer dieser Detektive, die in der Tradition von Noir-Helden wie Philip Marlowe und Lew Archer stehen - aufrechte Männer, die durch die Konsequenz, mit der ihre Handlungen aus ihrer Haltung folgen, nicht für den Erfolg in einer auf Konformität gepolten Gesellschaft bestimmt sind.

Durch zweierlei allerdings unterscheidet sich die Retrofigur McGill von ihren Vorbildern: Er ist nicht einer dieser großen Einsamen, die ihre Abende meist mit Grübeln und Trinken verbringen, sondern ein liebevoller Familienvater - auch wenn er für seine untreue Frau schon lange nichts mehr empfindet und zwei der drei Kinder nicht von ihm sind: "Unsere Liebe war eher eine Art mehrjährige Schwindsucht auf Thomas Manns Zauberberg. So lange hatten wir jedenfalls gebraucht, um uns davon zu erholen."

Und dann hat McGill auch noch eine dunkle Vergangenheit, ermittelte jahrelang für Verbrechersyndikate und leidet jetzt an schlechtem Gewissen. "The Long Fall" erzählt die Geschichte seiner Läuterung und der Schwierigkeiten, die er damit hat - man könnte meinen, es mit einer Art Anti-Mephisto zu tun zu haben: McGill will zwar stets das Gute, schafft aber viel zu oft das Böse. Das beginnt bei den vier Männern, die er suchen soll und die, kurz nachdem er sie aufgespürt hat, ermordet werden. Bei dem Versuch, die Hintergründe aufzuklären, bringt McGill auch sich selbst in Lebensgefahr. Seine Ermittlungen führen ihn schließlich zu einer ebenso reichen wie kaputten Familie, was durchaus als Verneigung vor Ross Macdonalds Lew-Archer-Büchern verstanden werden darf.

An die Klasse dieses Vorbilds kommt Mosley allerdings nicht heran. Zwar gelingen ihm immer wieder großartige Szenen, aber er schafft es nicht, diese zu einer kohärenten Erzählung zusammenzuführen, vieles bleibt anekdotisch, Stückwerk. Außerdem wirkt Mosleys Sprache häufig floskelhaft - Sätze wie "Mir lief es eiskalt den Rücken herunter" wollte man eigentlich nie wieder lesen. Dennoch, "The Long Fall" ist ein gelungenes Update klassischer Detektivgeschichten und Leonid McGill eine sympathische und originelle Figur, auf dessen weitere Fälle man gespannt sein darf. Marcus Müntefering

Buchtipp

Walter Mosley:
Manhattan Karma

Übersetzt von Kristian Lutze.

Suhrkamp; 388 Seiten; 9,95 Euro.

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Ohne Zögern durch die Maut-Schranke rasen: Jussi Adler-Olsens "Erlösung"

Die Gesellschaft ist heil in "Erlösung" - und sie bleibt es auch. Denn sowohl Täter als auch Opfer stehen außerhalb der Welt des Durchschnittsbürgers: Hier der streng religiös erzogene Serientäter; dort seine Opfer, allesamt Mitglieder von Sekten. Es dürfte Teil des Erfolgs von Jussi Adler-Olsens Reihe um den dänischen Ermittler Carl Mørck sein ("Erlösung" ist nach "Erbarmen" und "Schändung" der dritte Teil der Serie), dass man in diesem Buch einem mustergültig skrupellosen Verbrecher detailliert bei der Arbeit zuschauen kann - und dabei doch immer das Gefühl hat, dieser Kriminelle würde in der Realität für einen selbst kaum eine Bedrohung darstellen.

Mit der Welt der Freikirchen und Sekten, in der "Erlösung" über weite Strecken spielt, hat sich Adler-Olsen ein Milieu ausgesucht, das dem allergrößten Teil seiner Leser fern ist - und zudem, im Gegensatz zu vielen anderen Minderheiten, keine Lobby hat. So wird kaum jemand provoziert - und kaum jemand beunruhigt: Adler-Olsen schafft es, ein die Öffentlichkeit im Fall wirklicher Verbrechen heftig aufwühlendes Thema wie die Entführung und Ermordung von Kindern durch eine Art Filter ablaufen zu lassen.

Auf das Funktionieren der staatlichen Organisationen und staatsbürgerliche Solidarität ist Verlass in "Erlösung". So lässt sich eine EDV-Spezialistin ohne größeres Nachdenken auf eine lebensbedrohliche Verfolgungsjagd ein - und das, obwohl sie die Frau, mit der sie durch eine Mautschranke rast, erst wenige Minuten zuvor kennen gelernt hatte. Es sind derartige Momente, in denen sich vermeintliche Zufälle allzu geschmeidig im Sinne der Aufklärung eines Verbrechens fügen, die "Erlösung" besonders in der zweiten Hälfte zu einer ziemlich vorhersehbaren Lektüre werden lassen.

Es gibt, auch wenn der Anfang der Geschichte gut konstruiert ist und Adler-Olsen deutlich besser schreibt als Stieg Larsson, an dessen Erfolg sich dtv mit dem deutschen Titel anzulehnen versucht, in "Erlösung" kaum wirkliche Abgründe, kaum menschliches Versagen, keine widersprüchlichen Charaktere, nichts wirklich Beunruhigendes, sondern vor allem eine ganze Menge hilfsbereiter, intelligenter Menschen. Das sind doch mal gute Nachrichten. Für die Massen, die Adler-Olsen als Urlaubslektüre schätzen, lässt sich das Wort "Erlösung" wohl eindeutig dechiffrieren: Es steht für "Entspannung" - ohne unerwünschte Nebeneffekte. Sebastian Hammelehle

Buchtipp

Jussi Adler Olsen:
Erlösung

Übersetzt von Hannes Thiess.

DTV; 592 Seiten; 14,90 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Kluftinger und "Dampfnudelblues"
hippo-jk 29.06.2011
Diese beiden Autoren in einem Atemzug zu nennen, wird den Schreibern der Kluftinger Krimis nicht gerecht: Dampfnudelblues ist mit Abstand das schlechteste, verkrampfteste Buch, das ich die letzten Jahre in die Finger bekommen habe. Fürchterlicher Stil, grauenvoll zäh. Das erste Buch, das nach dem Lesen im Müll landete - jemals!
2. Eine Frage?
jackweil 29.06.2011
Zitat von sysopZu derbe für die Leser von Kluftinger und "Dampfnudelblues": der Anti-Alpenkrimi "Bad Fucking". Einen Retro-Helden hat Walter Mosley erfunden. Und dann gibt's auch noch*"Erlösung", den*neuen Carl-Mørck-Krimi von Jussi Adler-Olsen - warum ist der eigentlich so erfolgreich? http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,771230,00.html
Auf was für Krimis steht Sebastian Hammelehe? Auf sozialdemokratisch-grüne Selbstzerfleischung mit ganz viel sozialkritischer Betroffenheit? Einen Beruf als Kritiker stell ich mir echt entspannt vor, wie im Urlaub, weil, da kann man jeden Schwachsinn von sich geben, ohne das es Konsequenzen hat. Fast noch besser als Bundestagsabgeordneter.
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