Krimis des Monats Waffenverkäufe? Nicht bei dem Wetter!

Mit "Wahrheit" befindet sich Peter Temple auf Augenhöhe mit den Giganten der Kriminalliteratur. Heinrich Steinfest hat nicht den Krimi zu Stuttgart 21 geschrieben - zum Glück! Und Dominique Manotti führt in die Abgründe der Mitterrand-Jahre. Die interessantesten Krimis des Monats.

Politiker Mitterrand, Kohl 1985: Undurchsichtige Gemengelage
Corbis

Politiker Mitterrand, Kohl 1985: Undurchsichtige Gemengelage


Die Paranoia der Mitterrand-Jahre: Dominique Manottis "Roter Glamour"

Es ist 1985; die erste Amtszeit des französischen Präsidenten François Mitterrand ist in vollem Gange, doch wirft schon die cohabitation ihre Schatten voraus, die nach den Parlamentswahlen 1986 den Sozialisten Mitterrand mit einem konservativen Regierungschef zusammenzwingen wird. Im Umfeld des Präsidenten ist man entsprechend paranoid, wittert den Einfluss der Rechten: Wollen sie die Bemühungen um die Befreiung französischer Geiseln im Libanon sabotieren? Aber es gibt auch hausgemachte Probleme: Ein Waffengeschäft mit dem Iran, der gerade mit dem Irak im Krieg liegt, geht schief und dem Präsidentenberater François Bornand viel Geld durch die Lappen.

Auch wenn die Figuren in diesem Politkrimi erfunden sind, die Paranoia der Mitterrand-Jahre ist es nicht; nach dem Tod des Präsidenten wurde eine Abhöraffäre publik, Journalisten, Politiker, aber auch Schönheiten wie die Schauspielerin Carole Bouquet wurden belauscht. Der Roman steigt tief ein in die undurchsichtige Gemengelage des komplizierten französischen Polizeisystems, und es ist eine seiner größeren Qualitäten, dass er es schafft, in dieser Unübersichtlichkeit starke, facettenreiche Figuren zu finden. Dem machtbewussten Bornand, dem im Zweifel das schöne Leben näher ist als linker Idealismus, steht Noria Ghozali gegenüber, eine Berufsanfängerin bei der Polizei, nordafrikanischer Abstammung, die erst das ihrem Ermittlungstalent angemessene Selbstbewusstsein entwickeln muss.

Die Autorin Dominique Manotti wurde im vergangenen Jahr sehr gefeiert für ihren Wirtschaftskrimi "Letzte Schicht", und auch "Roter Glamour" ist sehr stilsicher erzählt: in knappen Sätzen, die Manottis erklärtes Vorbild James Ellroy nicht verbergen, aber mit einem genauen Blick für die Atmosphäre der verschiedenen Milieus im Paris der achtziger Jahre. Natürlich sind die Sympathien der von der sozialistischen Präsidentschaft enttäuschten Linken Manotti bei der jungen Polizistin, doch sie schenkt dem zwielichtigen Strippenzieher Bornand einige große Szenen. So flaniert er eines Morgens an der Seite Mitterrands zum Elysée-Palast und erstattet einen Lagebericht. "Der Präsident hat einen Schritt zugelegt. 'Verderben Sie nicht diesen wunderbaren Regenspaziergang. Von Waffenverkäufen will ich nichts hören.'" Das ist die Art, wie man präsidieren kann, als sei man sein eigenes Denkmal. Felix Bayer

Eben nicht der Krimi zu Stuttgart 21: Heinrich Steinfests "Wo die Löwen weinen"

Es sind höchstens drei von 279 Seiten, die zeigen, was aus diesem Buch hätte werden können, wäre es nicht von Heinrich Steinfest geschrieben: Da tauchen "Parkschützer" auf, der Schlachtruf "Oben bleiben" - plötzlich befindet man sich in dem Stuttgart des Sommers 2010, das man aus den Nachrichten allzu gut kennt. Dem Stuttgart, in dem sich die Gegner und Befürworter eines Bahnhofsbauprojekts gegenüberstanden, bis die Wasserwerfer vorfuhren. Doch zum Glück ist "Wo die Löwen weinen" eben nicht, wie vom Verlag behauptet, "der Krimi zu Stuttgart 21".

"Wo die Löwen weinen", der Titel zitiert angeblich Steven Spielbergs Breitwandschmonzette "A.I.", ist überhaupt kein klassischer Kriminalroman - und gerade deswegen großartig: Gleich dem Seiltänzer, der sich in einer Schlüsselszene des Buchs aufmacht, zum Bahnhofsturm zu balancieren (so offensichtlich wie württembergisch-bildungsbürgerlich eine Mörike-Anspielung), erhebt sich Heinrich Steinfest weit über die vorhersehbaren Realitäten des Politkrimis üblicher Machart. Als gelte es, Peter Rühmkorfs bekanntes Gedicht "Hochseil" als Rezeptur zum Schreiben von Kriminalromanen neu zu interpretieren: "Wir turnen in höchsten Höhen herum, selbstredend und selbstreimend, von einem Individuum aus nichts als Worten träumend."

"Wo die Löwen weinen" bietet mehr bemerkenswerte Einzelfiguren, als der Großteil der in diesem Frühjahr erschienen deutschsprachigen Krimiproduktion zusammen. Doch anders als in manchem seiner vorigen Bücher, geht Steinfest seinen Lesern nicht auf die Nerven, indem er es mit allzu originellen Details übertreibt.

Sein Kriminalist Rosenblüt kommt aus München nach Stuttgart zurück, um in einem diffusen Fall von Erpressung zu ermitteln. Schnell gerät er in ein Universum, das mit dem Alltag der baden-württembergischen Landeshauptstadt nicht viel zu tun hat, umso mehr aber mit des Erzählers großem Wissen aus Film, Weltliteratur und Archäologie; seinem Faible für ungewöhnliche, schöne Frauen und gebrochene, melancholische Männer.

Der entscheidende, niemals in Erscheinung tretende Hintermann in "Wo die Löwen" weinen, genannt Ratcliffe, ist übrigens keine Anspielung auf einen CDU-Politiker, sondern auf einen mit dem Bauvorhaben eng verstrickten SPD-Mann. Man kann das auch als einen Hinweis auf den verheerenden Zustand der Mappus-Regierung vor den Wahlen verstehen: So wenig satisfaktionsfähig, dass ihre Vertreter nicht mal mehr für einen Krimi taugen. Sebastian Hammelehle

Phantastische kleine Schimmelstute: Peter Temples "Wahrheit"

Mit der titelgebenden "Wahrheit" ist es nicht weit her in der Welt von Peter Temple, diesem vor drei Jahrzehnten aus Südafrika mit Umweg über Hamburg nach Australien ausgewanderten Schriftsteller. "Wahrheit", so heißt in diesem Roman ein Rennpferd, eine "phantastische kleine Schimmelstute (…). Sie wurde krank und starb binnen Stunden, brach zusammen und starb, ihre guten Augen vergaben ihnen, dass sie unfähig waren, sie zu retten."

In einer Gesellschaft, in der die Wahrheit tot und begraben ist, regieren Korruption und Gier, Gewalt und Willkür. Es ist die Welt, in der viele der interessantesten Bücher der jüngeren Vergangenheit angesiedelt sind, die Welt von James Ellroy und David Peace. Und die Welt von Peter Temple, der mit diesen Giganten der zeitgenössischen Krimi-Literatur absolut auf Augenhöhe ist.

"Wahrheit" ist sein neunter und bislang bester Roman - wenn man ihn aushält. Denn dieses Buch ist von einer solch konsequenten Negativität und überbordenden Komplexität, dass es viele Krimi-Fans vor den Kopf stoßen wird. Temple, der von sich sagt, im "Schlechte-Nachrichten-Geschäft" zu sein, ist kein Autor, der den Leser an die Hand nimmt und seine Geschichten in leicht verdauliche Häppchen verpackt. Seine Art zu schreiben fordert größtmögliche Aufmerksamkeit und belohnt mit meisterhaft pointierten Dialogen und subtiler Spannung, die sich weniger aus der Lösung der Mordfälle ergibt, als aus der Zurschaustellung der Verflechtungen von Politik und Kapital, von Polizei und Unterwelt.

"Sie hatten nichts als ihre Existenz, in all ihrem achtlosen, freudlosen Schrecken", beschreibt Temple einmal zwei Straßenkinder. Im Grunde gilt dieser Satz für alle seine Protagonisten. Sie sind Verlorene, Gefangene in ihrer selbstgeschaffenen Hölle - ob sie nun zum Bodensatz oder zur sogenannten Elite der Gesellschaft gehören.

Einer von ihnen ist Stephen Villani, kommissarischer Leiter des Melbourner Morddezernats, ein Karriere-Cop mit hehrem Anspruch: "Es ging darum, ein ehrlicher Mann zu sein. Ein Ehrenmann." Die Unvereinbarkeit dieser Maxime mit den Realitäten des (Polizei-)Alltags, das ist das große Thema dieses Romans - wie kann man den Druck aushalten, den Drohungen ebenso wie den Verlockungen widerstehen; wie kann man einen dreckigen Job erledigen und dabei selbst sauber bleiben; und wie schafft man es, Tag für Tag sinnloser Gewalt ausgesetzt, nicht zu resignieren? Villani erklärt es einem Kollegen, der nicht mehr weiter weiß, wie folgt: "Nun, immer daran denken, dass unsere Klienten die Toten sind. Wir sind die Lebenden. Auch wenn es sich nicht immer so anfühlt."

Am Ende dieses im besten Sinne überfordernden Romans, nach all den Toten der Gegenwart und der Vergangenheit, nach all den schuldhaften Verstrickungen und schuldlosen Verfehlungen, bleibt ein Gefühl dumpfer Verzweiflung. Die Welt ist schlecht - wir hatten es ja immer geahnt, aber selten zuvor hat es uns jemand in einer solchen Dringlichkeit vor Augen geführt wie Peter Temple. Marcus Müntefering



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