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Krimis des Monats: Wiedergeburt aus dem Geist des Punk

Drogen und Satanismus: Cathi Unsworths "Opfer" beginnt in der Gruftie-Szene von 1983. Joe R. Lansdale erzählt in "Dunkle Gewässer" ein Abenteuer für Obama-Fans. In Ian Rankins "Mädchengrab" trösten den alternden John Rebus nur Bier, Zigaretten - und die Musik von Wishbone Ash. Die besten neuen Krimis!

Ian Rankins "Mädchengrab": Zurück bleibt Rebus' halbvolles Glas

Zwei alternde Männer in einem Pub. Zwischen sich ein Pint und ein Glas Malt. Sie trauen einander nicht, sie mögen sich nicht einmal besonders. Aber sie brauchen sich gegenseitig. Weil sie niemand anderen haben. Und weil sie das Gefühl vermissen, dazuzugehören, mitzumischen. Weil ihr Leben in den vergangenen Jahren zur Bedeutungslosigkeit geronnen ist und die Jahre, die noch vor ihnen liegen, mehr Schrecken bergen als der Tod.

Die beiden waren früher einmal Feinde, so wie Sherlock Holmes und James Moriarty. Auf der einen Seite der Polizist: John Rebus, genial, knorrig, unangepasst. Sein Gegenüber, seine Nemesis: "Big Ger" Cafferty, ehemals der gefürchtete Boss von Edinburghs Unterwelt, bullig, bauernschlau, brutal. Jetzt führen sie beide ein Leben auf dem Abstellgleis. Caffertys Imperium ist längst untergegangen, Rebus arbeitet nach seiner Pensionierung freiberuflich. Für eine Abteilung der Polizei, die sich um ungelöste Fälle kümmert. Verstaubte Akten, Papierkram, mehr nicht. Doch dann verschwindet ein junges Mädchen, die Stieftochter des derzeit gefürchtetsten Verbrechers der Stadt. Und Rebus und Cafferty sind plötzlich wieder im Spiel.

Schnell wird klar, dass das verschwundene Mädchen Opfer eines Serientäters geworden ist, der im Norden Schottlands seit vielen Jahren unentdeckt unterwegs ist. Rebus schafft es irgendwie, Teil des Ermittlungsteams zu werden. Nicht erwünscht, aber geduldet. Und natürlich ist es am Ende er, der Einzelgänger, der Außenseiter, der es schafft, den Fall aufzuklären. Der allen beweist, dass die Regeln sich geändert haben mögen, es aber immer noch sein Spiel ist. Beliebter wird er dadurch nicht, aber vielleicht darf er noch ein wenig länger mitspielen.

Es ist ein schönes Bild, das Ian Rankin gefunden hat für die Rastlosigkeit und Einsamkeit des pensionierten Polizisten John Rebus. Die meiste Zeit ist er unterwegs, allein in seinem klapprigen alten Saab. Richtung Norden, wohin die Spur der vermissten Mädchen führt und wo schließlich das titelgebende "Mädchengrab" gefunden wird. Er nimmt einen einsamen Drink, raucht ungezählte Zigaretten auf verlassenen Parkplätzen, hört Musik, um wachzubleiben. Der Soundtrack zu seinem Road Movie gehört ebenso der Vergangenheit an wie Rebus selbst: Nazareth, Wishbone Ash, John Martyn. Und Jackie Leven, der tieftraurige schottische Songwriter, der 2011 starb. Ein Freund von Ian Rankin, dem er dieses Buch gewidmet hat, das im Original nach einem der erhabensten von Levens Schmerzensliedern "Standing In Another Man's Grave" heißt.

Am Ende treffen sich Rebus und Cafferty noch einmal auf ein letztes Pint, auf ein letztes Kräftemessen. Und dann verschwindet Rebus. Einfach so, als Cafferty eine neue Runde bestellt: "Als er sich umdrehte, war Rebus weg, hatte sein halb volles Glas und das Foto von der Beerdigung zurückgelassen." Kein Sieg, nur ein kleiner Moment der Genugtuung. Marcus Müntefering

Buchtipp
Joe R. Lansdales "Dunkle Gewässer": Update von "Huckleberry Finn" für die Ära von Barack Obama

Das Floß ist als Fortbewegungsmittel in der westlichen Welt längst heruntergekommen zum Vehikel für gelangweilte Outdoor-Urlauber und die Besucher von pseudohistorisch inszenierten Flussfesten. In Joe R. Lansdales "Dunkle Gewässer" dagegen schippert es noch einmal voller Würde durch eine Geschichte: Der abenteuerlichen Flucht von vier Menschen, die, wie könnte es bei einem texanischen Schriftsteller wie Lansdale anders sein, durch den Süden führt. Nicht wie bei Twain über den Mississippi, sondern den osttexanischen Sabine River.

An Bord Sue Ellen, 16 Jahre alt, und die Erzählerin des Buches, dazu deren schwarze Freundin Jinx Smith, der junge Schwule Terry Thomas und Helen Wilson, die ebenso schöne wie betäubungsmittelabhängige Mutter der Hauptfigur. Eine veritable band of outsiders also, die häusliche Gewalt, Rassismus und Homophobie hinter sich lassen will auf ihrem Weg ins himmlische Jerusalem, das in "Dunkle Gewässer" Hollywood heißt.

Dort wollen sie die Asche von May Linn in alle Winde verstreuen. Deren Wasserleiche wird ganz zu Beginn des Buches ans Ufer des Flusses gespült: Gefesselt mit Draht, an den Beinen als Gewicht eine Nähmaschine.

Lansdale hat den Roman in drei Teile gegliedert. Setzt er zu Beginn des ersten noch ein bisschen zu sehr auf den Sound der mündlichen Überlieferung und der Alltagssprache, so entwickelt sich spätestens im zweiten Drittel des Buchs, als die Gruppe von einem baptistischen Prediger aufgenommen wird, eine atmosphärisch dichte, unterhaltsame, unaufdringlich elegant geschriebene Geschichte, bei der allein Sue Ellens küchenpsychologische Fertigkeiten konstruiert wirken: Welche 16-Jährige käme schon auf die Idee, dem Killer Skunk, von dem die Gruppe im dritten Teil verfolgt wird, ein frühkindliches Trauma zu attestieren?

In seiner Beschwörung des Guten im Menschen und der Rechte der Minderheiten wirkt "Dunkle Gewässer" wie eine Abenteuerroman gewordene Ansprache des derzeitigen US-Präsidenten - mag das Buch auch Mitte der dreißiger Jahre spielen, es ist das stimmungsvolle Update von "Huckleberry Finn" für die Ära von Barack Obama. Sebastian Hammelehle

Buchtipp
Cathi Unsworth' "Opfer": Jeder Gang in den Plattenladen eine revolutionäre Geste

Zwei Frauen zählen derzeit zu den wichtigsten Erneuerern des Krimi-Genres. Die Amerikanerin Sara Gran und die Engländerin Cathi Unsworth schließen Spannung und Popkultur kurz, mit verblüffenden Effekten. Grans flirrende, psychedelisch verzerrte Geschichten leben von ihrer sprachlichen und gedanklichen Üppigkeit, während Unsworths Romane strukturell und stilistisch fast schon konventionell daherkommen und ihre Stärke in der Beschwörung vergangener Tage finden, in denen der Diskurs noch von Subkulturen bestimmt wurde. In den frühen achtziger Jahren nimmt Unsworths vierter Krimi "Weirdo", der jetzt unter dem deutschen Titel "Opfer" vorliegt, seinen Anfang.

Es ist eine Zeit, in der Jungs aussehen wollten wie Ian McCulloch von Echo & The Bunnymen und Mädchen wie Siouxsie Sioux von den Banshees, als es hip war, den Okkultisten Aleister Crowley zu lesen, und irgendwie sexy, deprimiert zu sein (oder zu wirken). Eine Zeit, als der Gang in den Plattenladen eine quasirevolutionäre Geste bedeutete und jede neu gekaufte Single eine Patrone im Kampf gegen das Establishment war. Natürlich hatte dieser Flirt mit dem Abgründigen etwas zutiefst Juveniles, blieb letztlich zumeist folgenloses Spiel. In "Opfer" wird daraus mörderischer Ernst.

Unsworth siedelt ihre Geschichte in dem fiktiven ostenglischen Seebad Ernemouth an. Ein trostloses Nest, das außer dem Rummelplatz für die Jugendlichen keinerlei Vergnügungen bereithält. Und so bildet sich hier eine Subkultur heraus, eine drogengeschwängerte Postpunk-Grufti-Szene, inklusive halb verstandener Rebellion und falsch verstandenem Satanismus. Ein gefährliches Gemisch, das schließlich zu einem Mord führt. Das verwirrte Teenagermädchen Corrine wird verhaftet und verurteilt. Erst zwanzig Jahre später tauchen Zweifel an der Schuld der "Bösen Hexe des Ostens" auf.

Der ehemalige Polizist Sean Ward bekommt den Auftrag herauszufinden, was damals wirklich geschehen ist. Seine Nachforschungen führen ihn auf die Spur einer Verschwörung, in die Polizisten, Politiker und Kriminelle verstrickt sind. Und das scheinbar so beschauliche Ernemouth entpuppt sich als Höllenort, wo die Kinder für die Sünden ihrer Väter im Fegefeuer brennen.

Die Konsequenz, mit der Cathi Unsworth ihre Geschichte von Korruption und dem Verlust der Unschuld erzählt, erinnert an die tiefschwarzen Nordengland-Krimis von David Peace. Doch muss man vor allem bewundern, mit welcher erzählerischen Finesse sie die hochkomplexe, auf zwei Zeitebenen erzählte Geschichte in perfektem Tempo entwickelt und die Spannung anzieht, bis sie sich in einem doppelten Höhepunkt entlädt. Die musikalischen Verweise auf die Musik von Sisters of Mercy, Bauhaus oder Theatre of Hate geben dem Roman nicht nur einen zusätzlichen Sound, sondern eine weitere Ebene, die für das Verständnis der Geschichte nicht weniger Bedeutung besitzt als die Handlung selbst. "Opfer" ist die Wiedergeburt des Kriminalromans aus dem Geiste des Postpunk. Marcus Müntefering

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Kult
Gangolph 05.04.2013
John Rebus ist Kult. Endlich wieder da!
2. Zwischen Sara Gran und Catie Unsworth liegen Welten!
heine3000 05.04.2013
Stimmt, Sara Gran ist eine Offenbarung. Ihre beiden letzten Krimis sind einfach fantastisch, auch ihr bereits älteres Buch DOPE ist eine wunderschöne elegische Kriminalnovelle im Post War-New York (die esoterischen frühen Titel aus dem Back catalogue kann man sich eher sparen). Sie zählt zur Kategorie Gillian Flynn, Kate Atkinson, Tana French. Catie Unsworth dagegen schreibt wie eine englische Nele Neuhaus: Geschichten aus dem Alltagsleben, in die ein Verbrechen eindringt, mit fein verzweigten falschen Spuren und Verdächtigen - aber das sprachliche Niveau ist doch - trotz des Lektorat beiden späteren Bücher - höchstens Deutschleistungskurs (vielleicht sagen manche nun: " immerhin"). Das hat nichts gemein mit der sprachlichen Vielschichtigkeit und emotionalen Vehemenz von Sara Gran. Überhaupt scheinen die Figuren scherenschnitthaft bis zur reinen Schematisierung, ebenso wie bei Unworth, deren Subkultur-Personal wie vom Reißbrett scheint, inkl. gescheitertem Detektiv etc. Wie bei Neuhaus auch liest man zu Ende, weil man nun doch wissen will, wer der Täter ist. Aber quasi angeödet und gegen den eigenen Willen.
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