Krimis des Monats Wenn Hipster hassen

Gillian Flynn liefert mit "Gone Girl" den Thriller-Blockbuster des Jahres. Andrea Maria Schenkel findet mit "Täuscher" zu alter Form zurück. Und Christopher Brookmyre spielt mit "Die hohe Kunst des Bankraubs" zu oft in der Krimi-Kreisklasse, obwohl er das Talent für die Champions League hat.

Wenn die Lifestyle-Fassade bröckelt: "Gone Girl" erzählt vom Hipster-Horror
Corbis

Wenn die Lifestyle-Fassade bröckelt: "Gone Girl" erzählt vom Hipster-Horror


Hinter der Lifestyle-Fassade lauert der Hass: Gillian Flynns "Gone Girl"

Mit seinem prekären Status hat der Hipster der Gegenwart schon immer offensiv umzugehen gewusst: Aus dem Symbolfundus der weißen Unterschicht nahm er sich Trucker-Caps, Feinrippunterhemden und Dosenbier und wandelte sie vorbeugend in ironische Statements um, die für alles außer den tatsächlichen ökonomischen Abstieg stehen durften. Aber was tun, wenn der Job wirklich wegfällt und das Geld nicht mehr für die Miete, überhaupt für das Leben in der Großstadt reicht?

In Gillian Flynns "Gone Girl" wird dieses Szenario zur Grundlage eines Thrillers, in dem sich Suspense und popkultureller Scharfsinn auf einzigartige Weise die Waage halten. Denn Flynns Hauptfiguren, die New Yorker Thirty-Somethings Nick und Amy, ereilt der Hipster-Horror: Eben noch hatten sie Jobs in der Medienwelt, jetzt stehen sie vor dem Nichts. Doch was liegt für den retroverliebten Hipster näher, als zurück in sein Südstaaten-Heimatdorf zu ziehen, eine Kneipe mit ironischem Namen aufzumachen und die Tage fortan mit Bier trinken zu verbringen? Ehe sich Amy versieht, hat Nick ihr Leben nach North Carthage, Missouri, verlagert.

Dort findet Amy aber weder Anschluss noch Arbeit, die Finanzspritzen ihrer Eltern werden knapper, die Beziehung zu Nick leidet. Dann ist Amy plötzlich verschwunden, und der sanfte, stets leicht verträumt wirkende Nick steht als einziger Verdächtiger da. Die Nachbarn berichten von lauten Streiten, und die Polizei entdeckt einen riesigen Blutfleck in der Küche, der sorgfältiger weggeputzt wurde, als es ein impulsiver Einbrecher je hätte erledigen können.

In den USA war Flynns dritter Roman ein überraschender Bestseller: Über zwei Millionen Exemplare wurden bislang verkauft, eine Filmadaption mit Ben Affleck und Rosamunde Pike unter der Regie von David Fincher ist auf dem Weg. Für den deutschen Markt avisiert der Fischer-Verlag einen ähnlichen Erfolg und setzt auf eine bombastische Werbekampagne. Wem das zu viel Hype ist, dem sei Entwarnung gegeben: "Gone Girl" hat die Aufregung verdient, einen reizvolleren Psycho-Thriller wird man in diesem Jahr nicht in die Finger bekommen.

Flynn beginnt das Buch mit einem furiosen Wettstreit der unzuverlässigen Erzähler um das Vertrauen der Leser. Zunächst sehen wir den Tatort mit den Augen von Nick, der sein Leben ab dem Tag von Amys Verschwinden beschreibt. Er ist panisch, verzweifelt, von der Situation heillos überfordert, aber ist er auch unschuldig? In einer brillanten Montage setzt Flynn dagegen ältere Tagebucheinträge von Amy, die erst vom jungen Eheglück erzählen - und dann von der Eskalation in die größtmögliche Gewalt.

Der temporeiche Wechsel der Perspektiven stärkt das Rätsel im Zentrum des Romans: Was ist mit Amy am Tag ihres Verschwindens passiert? Aber er lässt auch eine andere Art von Rätsel aufkommen: Was ist mit Amy und Nick vor diesem Tag passiert? Warum konnten sie sich so entfremden? Auf dieser Ebene evoziert "Gone Girl" einen Horror, der das Buch über weit über die Genregrenzen hinaus hebt, denn es geht um die heiklen Grundlagen jeder romantischen Beziehung und die Frage, ob man seinen Partner jemals wirklich kennen kann.

Dass Nick und Amy Hipster sind, ist dabei kein zeitgeistiger Schlenker, sondern ein besonders perfider Kunstgriff. Schließlich stehen Hipster klischeehaft für ein Leben voller Oberflächlichkeiten. Als bei Nick und Amy die Lifestyle-Fassade wegbröckelt, entstehen nicht einfach Spannungen, es bricht sich Hass die Bahn. Wie kann der andere es wagen, nicht den Idealvorstellungen vom coolen Partner zu entsprechen? Beide finden auf ihre Art eine Strafe für den anderen. Und eine davon ist das perfekte Verbrechen. Hannah Pilarczyk

Buchtipp

Zwischen Fellatio und Formschwäche: Christopher Broomyres "Die hohe Kunst des Bankraubs"

Wer überfällt in Zeiten von ausgeklügelten Sicherheits- und Überwachungssystemen und Internetüberweisungen eigentlich noch Banken? Doch nur verzweifelte Loser, die nicht gemerkt haben, dass die Zeiten von "Maske auf, Knarre raus und Hände hoch" längst vorbei sind, oder?

Wie man es (fast) richtig macht, zeigen gleich zwei jüngst erschienene Krimis, die den Bankraub als Performance zelebrieren: "Ghostman", der literarische Erstling des 24-jährigen US-Amerikaners Roger Hobbs, und "Die hohe Kunst des Bankraubs" von Christopher Brookmyre, einem 44-jährigen Schotten, dessen guter Ruf es von Großbritannien noch nicht ganz bis nach Deutschland geschafft hat. "Die hohe Kunst des Bankraubs" ist erst der zweite von bislang 17 Brookmyre-Krimis, der ins Deutsche übertragen wurde, und bringt alle Voraussetzungen für einen Bestseller mit. Was nicht nur als Kompliment gemeint ist.

Der Einstieg allerdings ist fulminant: Brookmyre lässt einen Killer über die kathartische Kraft von Blowjobs in wirtschaftlichen Krisenregionen räsonieren, quasi als Gegengift zu den Auswüchsen einer kaputtglobalisierten Welt und der Dekadenz westlicher Demokratien. Ebenso gelungen ist der folgende Banküberfall: Zu den Klängen des Ska-Klassikers "One Step Beyond" swingen fünf als Clowns verkleidete Männer in eine Glasgower Bank, nehmen Kunden und Angestellte als Geiseln. Während die Polizei Hilflosigkeit demonstriert, amüsieren die Räuber sich und ihre Opfer mit einer Quizshow und einer Aufführung von "Warten auf Godot". Blutig wird es nur, als sich einige Celtic- und Glasgow-Rangers-Anhänger in die Haare kriegen.

Nach diesem hoffnungsvollen Auftakt verliert Brookmyre irgendwie den Faden, wird geschwätzig, wo er vorher pointiert war, verzettelt sich in Neben- und Abhandlungen, langweilt mit Psychologisierungen, Beschreibungen, Erklärungen und einer wohl verkaufsfördernd gemeinten Liebesgeschichte. Man kann Brookmyre nicht vorwerfen, dass er nichts zu erzählen hat, sondern im Gegenteil, dass er nie damit aufhört - als würde er pro Wort und nicht pro Buch bezahlt. Wenn Brookmyre gut ist, spielt er Champions League, wenn er schlecht ist, in der Kreisklasse. Bei "Die hohe Kunst des Bankraubs" bricht er nach einer furiosen ersten Halbzeit ein.

Aufsteiger in die Thriller-Bundesliga hingegen ist Roger Hobbs. Der Neuling könnte den Platz des 2008 verstorbenen Donald E. Westlake einnehmen, an dessen unter dem Pseudonym Richard Stark geschriebene "Parker"-Romane "Ghostman" erinnert. Was vor allem für den Titelhelden gilt, einen coolen Pragmatiker des Verbrechens, der hauptberuflich dafür sorgt, dass nach Überfällen alle Hinweise auf die Identität der Beteiligten verschwinden - und der in seiner Freizeit Ovid übersetzt. Er könnte sich in aller Ruhe den Klassikern widmen, wenn er nicht einem Gangsterboss wegen eines spektakulär missglückten Bankraubs in Kuala Lumpur noch einen Gefallen schuldig wäre. In Atlantic City soll er nach einem Casino-Coup aufräumen und gerät dabei ins Visier eines anderen Großkriminellen. Wie Hobbs diese Situation eskalieren lässt und das hohe Anfangstempo immer weiter zu steigern weiß, das ist große Krimikunst. Marcus Müntefering

Buchtipp
Fragmente einer niederträchtigen Tat, furios collagiert: Andrea Maria Schenkels "Täuscher"

Der 1.4.1922 ist kein Datum, das bayerische Kriminalhistoriker an Aprilscherze denken lässt. In Niederkaifeck wurden die sechs Bewohner des Einödhofs massakriert, und im rund 80 Kilometer entfernten Landshut sorgte die brutale Ermordung einer jungen Frau und ihrer kranken Mutter für Entsetzen.

Zwischen beiden Verbrechen besteht keine Verbindung, doch finden sie nun zusammen im Werk der Kriminalautorin Andrea Maria Schenkels, die sieben Jahre nach der literarischen Bearbeitung der Niederkaifecker Schlachtnacht in ihrem Sensationsdebüt "Tannöd" zum Schreckenstag ihres größten Erfolgs zurückkehrt und den Landshuter Doppelmord in ihrem fünften Roman fiktionalisiert. Vielleicht als werkimmanenter Aprilscherz gedacht, lädt die ominöse Datumsübereinstimmung natürlich zu allerlei hobbykriminalistischen Spekulationen ein, die haltlos sein dürften. Und nährt den weitaus triftigeren Verdacht, dass Schenkel, die 2012 mit "Finsterau" bereits einen "Tannöd"-Aufguss vorgelegt hatte, literarisch einfach nicht vom Fleck kommt.

"Täuscher" entkräftigt anfangs die Befürchtung und stärkt sie zugleich. In Schenkels Romanen gab es bisher nichts zu lachen, und wer die müde Komik der Eingangskapitel überstanden hat, ist dafür rückblickend dankbar. Wenn zwei "Weiberleut" in der Amtsstube "wie aufgeregte Hühner" ihre Aussage "gackern", wähnt man sich im Wartesaal des "Königlich bayerischen Amtsgerichts" unter Vorsitz des unvergessenen Beppo Brehm.

Dabei sind die vermeintlich beschaulichen Tage der Monarchie längst passé, die berüchtigten Volksgerichte der jungen Republik urteilen rabiat über Leben und Tod, und wie Schenkel abrupt die Polkagemütlichkeit eines biederen Bajuwarenschwanks aufgibt, um im kühlen Berichtston und kühnen Arrangement kurzer Kapitel die Tat und den Mordprozess zu schildern, lässt jede Erinnerung an histo-regionalen Schmunzelkrimikram verblassen.

Es geht um Clara Ganslmaier, die als "geldige alte Jungfer" gilt, weil sie wohlhabend, unverheiratet und 32 Jahre alt ist, und um ihren Verlobten Hubert Täuscher, ein stets klammer, haltlos wirrer Gernegroß, der von einer Karriere beim Film phantasiert, denn um die Macht des Kinos geht es auch. Seine schwarzweißen Alptraumbilder verführen zur mörderischen Nachahmung.

Doch eigentlich handelt dieser Roman von Habgier und Niedertracht, und diese uralten Wörter sperren sich sowohl gegen das sozialpsychologische Vokabular der Kriminalistik von heute, als sie auch die provinzielle Begriffswelt von gestern sprengen. Und dass Schenkel nicht nachlässt, das niederschmetternd Banale des Bösen hartnäckig zu umkreisen, um zuletzt die Monstrosität eines Raubmordes in einer schlimmstmöglichen Facette bloßzulegen, zeichnet die kalte Wucht dieses Romans aus.

Man kann leicht Einwände finden gegen Schenkels Manier, die Chronologie der Ereignisse aufzubrechen, und im willkürlichen Vor und Zurück auf der Zeitachse ein nur zu leicht durchschaubares Mittel zur Verrätselung und Spannungssteigerung sehen. Doch in diesem Roman aus einer unruhigen Zeit, die in der Collage ein künstlerisches Instrument zur Erfassung der gesellschaftlichen Brüche sah, gelingt Schenkel damit ein fragmentarisches Gesellschaftsbild mit expressionistisch scharfen Schlaglichtern auf Täter und Opfer. Die Charaktere sind flach, doch ihre rücksichtslose Sentimentalität lässt sie als Zeitgenossen von Ödön von Horvaths verzweifelten Kleinbürgern kenntlich werden, die sehnsüchtig ins Unheil wanken. Hans-Jost Weyandt

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insgesamt 2 Beiträge
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dunnhaupt 24.08.2013
1. Was sagt es aus über ein Volk ...
... das Kriminelle bewundert und die Polizei hasst?
peg66 21.07.2016
2. Brem
Beppo Brem - und nicht Brehm - war nie der vorsitzende Richter im Amtsgericht!
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