Kritik an der "Tagesschau" Wo der Zuschauer nur Zaungast ist

Autistische Erzählrituale, eine stereotype Inszenierung, dazu noch feine Unbegreiflichkeit: Ein neues Buch des Journalisten Walter van Rossum rechnet mit dem Mythos "Tagesschau" ab.


Hamburg - Als Walter van Rossum vor einem Jahr bei der "Tagesschau"-Redaktion in Hamburg um einen Besuchstermin bat, witterte zunächst niemand Gefahr. Van Rossum ist freier Autor. Er recherchierte für einen Hörfunkbeitrag. Vorsichtshalber habe er seinen Namen "so genuschelt", sagt er. Niemandem sei etwas aufgefallen.

Van Rossum? Vielleicht hätte "Tagesschau"-Chefredakteur Kai Gniffke vorher mal ins eigene Archiv schauen sollen. Er wäre auf ein Buch des Journalisten gestoßen. "Meine Sonntage mit Sabine Christiansen" heißt es, und es erzählt von den "Geiern der Apokalypse", jenen vermeintlichen Sanierungsspezialisten aus den Chefetagen von Wirtschaft und Politik, die sonntags um 21.45 Uhr zum Sinkflug über das marode Land ansetzten und ihre Zehnjahrespläne an das Volk durchreichen durften. Die Moderatorin selbst sei nur "eine Tonspur in der Endlosschleife", so van Rossum. Treffender wurde das sonntägliche Polit-Placebo selten seziert.

Gniffke hätte also gewarnt sein können. Stattdessen fiel er aus allen Wolken, als Rossums Stück im Deutschlandfunk ausgestrahlt wurde. In seinem "Tagesschau"-Weblog notierte er ironisch: "Haut der uns auf die Fresse! Gottohgottohgott, sind wir schlechte Menschen, imperialistische Kriegstreiber, Büttel des Großkapitals, elende Ami-Schergen und fußballgeile Quotenhuren."

Doch Gniffkes Publikum reagierte durchaus mit Zustimmung auf das van-Rossum-Stück, "voll ins Schwarze getroffen" hieß es und "sehr gute Analyse".

Dieser Tage erscheint van Rossums "Tagesschau"-Verriss nun auch als Buch mit dem Titel "Die Tagesshow. Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht". Der Autor versucht darin die Demontage eines Monuments. Eines deutschen Rituals, dessen Begrüßungsfanfare – "Ruhe jetzt, Kinder!" – immer noch regelmäßig neun Millionen Menschen vor den Fernseher lockt.

Gestanzte Worthülsen, erblindete Bilder

Die "Tagesschau", befand Ex-RTL-Chef Helmut Thoma einmal, könne man "auch in Latein verlesen". Und auch van Rossum befindet, die öffentlich-rechtliche Nachrichtenbastion durchziehe ein geradezu autistisches Erzählritual. Was bleibt, sei eine stereotype Aufbereitung von Pseudonachrichten, die den Zuschauer zum Zaungast degradiert und am Ende alles in feiner Unbegreiflichkeit verhüllt.

Gestanzte Worthülsen würden unterlegt mit Bildern, die der Autor "erblindet" nennt: Inszenierte Politikerauftritte, völlig austauschbare weinende Frauen im Kosovo oder die "schier unvergängliche Börsenkulisse". So weit, so Wut.

Seine Belege entstammen weitgehend der von ihm zerpflückten Sendung vom 6. Dezember 2006: Warum, so van Rossum, wird ein großes deutsches Wiederaufbauprojekt in Afghanistan in Szene gesetzt, wenn von Wiederaufbau "keine Rede" sein kann? Warum macht sich die Redaktion gemein mit Wolfgang Schäubles hymnischer Bilanz der Fußball-WM – und unterschlägt die Unkosten? Was für einen Nachrichtenwert hat eine Pressekonferenz des neuen Telekom-Chefs Obermann, wenn darin nicht "die Kontur eines neuen Programms" erkennbar ist? "Tagesschau"-Chef Gniffke atmet schwer. Vor ihm liegt van Rossums Manuskript, die Ränder sind voller Kommentare. Neben "belanglose Bilder aus dem Archiv" hat Gniffke Protestkreuze gemalt. "Ja, viele Bilder sind belanglos. Die Realität besteht zum großen Teil aus belanglosen Bildern", sagt er.

Gniffke hat eine Menge Einsprüche. Der 46-Jährige ist promovierter Politikwissenschaftler, eine Art deutscher Informationswart. In 15 Minuten will er die Leute "fit machen für den nächsten Tag". Er muss eine Welt erklären, in der eine nordfinnische Kuh täglich sechs Dollar an Subventionen erhält, während ein Fünftel der Menschen mit unter einem Dollar auskommen muss. Das ist Schwerstarbeit. "Aber wir können nicht immer bei null anfangen."

Van Rossum dagegen fordert, den Zuschauern einen Grund zu liefern, zu reagieren. Er will aus stillen Mitwissern Menschen machen, die aus ihrem Sessel aufspringen: "Dass an diesem Tag wieder so etwa 30.000 Kinder irgendwo auf unserem Planeten ihr kurzes Leben in einer stinkenden Pfütze aushauchen, hatte für die "Tagesschau" auch heute keinen Nachrichtenwert." An dieser Stelle des Manuskripts steht bei Gniffke nur "Weltklasse".

Eine gute recherierte Nachricht braucht kein wohlfeiles Etikett

Schwerer wiegt van Rossums Vorwurf, bei der Irak-Berichterstattung werde das "Tagesschau"-Publikum glatt betrogen. Man müsse von einem "barbarischen und durch nichts zu rechtfertigen Angriffskrieg" reden.

Etwas ideologische Entspannung hätte hier gut getan. Denn je mehr der Autor schäumt, desto offenbarer werden die Defizite seines Buchs. Eine gut recherchierte Nachricht braucht keine wohlfeilen Etiketten - auch keine gut gemeinten. Zwar liest sich der Vorwurf gut, dass die 90-köpfige Redaktion von ARD-aktuell regelmäßig die journalistische Fassung verliere. Nur: Stimmt das?

Selbst van Rossum bemerkt, dass in der redaktionsinternen Kritik die Telekom-Meldung auf Vorbehalt stieß. Sicher, auch bei Nachrichtenredakteuren hält die Immunität gegen Inszenierungen nicht ewig. Verschwunden ist sie in diesem Kreise jedoch längst nicht.

Während etwa im Moment auf anderen Sendern fragwürdige Bank-Manager die Finanzkrise kleinreden dürfen, waren ARD-Redakteure schon bei US-Schuldnerberatungen und haben einen der Immobilienkredithaie gesprochen. Das Autorennspiel Formel 1 zum Beispiel ist für Gniffke in der Regel gar kein relevantes Thema. Und selbst wenn Eisbär Knut Paris Hilton eine Brustentzündung wegleckte – es ist sehr wahrscheinlich, dass die "Tagesschau" hier cool bleiben und schweigen würde.


Walter van Rossum: "Die Tagesshow. Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht". Kiepenheuer & Witsch, 208 Seiten, 8,95 Euro.



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