Kritik an Harry Potter Das Kreuz mit der Religion

Religiös motivierte Kritiker bekreuzigen sich bei der Potter-Lektüre, die Kirchen selber bleiben gelassen. Harry Potter als spiritueller Verderber der Jugend? Wer's glaubt, wird selig.


Düsseldorf - Nicht nur Millionen von Potter-Fans halten dem Hogwarts-Zögling von Buch zu Buch die Treue. Auch seine Kritiker ruft Harry mit jedem neuen Abenteuer auf den Plan. Verführung zum Satanismus, Verhöhnung des Christentums, Verharmlosung von Okkultismus und Geisterglaube lauten die Vorwürfe.

Todesserin Bellatrix Lestrange: Auf der dunklen Seite der Macht
Warner Bros.

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Die Kritik kommt vor allem aus christlich-fundamentalistischen Kreisen. Die katholische Soziologin und Buchautorin Gabriele Kuby zum Beispiel nimmt bei ihrer Kritik an der Potter-Manie jedenfalls kein Blatt vor den Mund: Angewidert sei sie von einer Welt der Gewalt und des Grauens, der ständigen Bedrohung und der Besessenheit, die Kinder an die Welt des Okkulten gewöhne, sagt sie.

"Harry Potter ist ein globales Langzeitprojekt zur Veränderung der Kultur", betont Kuby in ihrer 2003 erschienenen Abrechnung mit dem Zauberlehrling-Phänomen, "Harry Potter - gut oder böse?". "Mit der Verharmlosung von Magie dringen die Kräfte in die Gesellschaft ein, die das Christentum einst überwunden hat", erklärt die Autorin. In den Romanen gebe es niemanden, der das Gute wolle, Harrys Kampf gegen das Böse sei durch seine Verwandtschaft mit dem bösen Magier Voldemort im Grunde nur ein Scheinkampf.

Verändert hat sich die Meinung der Schriftstellerin in den letzten vier Jahren nicht - im Gegenteil. "Ich habe viel Post von Eltern bekommen, die mich in meiner Kritik bestärkt haben und froh waren, dass wenigstens einer mal öffentlich gegen diesen Hype vorgeht", erklärt sie.

Auch der damalige Kardinal Ratzinger habe ihre Aufklärungsarbeit ausdrücklich unterstützt: In einem auf der Homepage Kubys veröffentlichten Brief aus dem Jahr 2003 erkennt der heutige Papst in Harry Potter "subtile Verführungen, die unmerklich und gerade dadurch tief wirken und das Christentum in der Seele zersetzen, ehe es überhaupt recht wachsen konnte".

Dieses Argument animierte zuletzt auch einen Hacker, der es nach eigenen Angaben geschafft hatte, in die Bloomsbury-Rechner einzudringen: "Wir agieren als Spielverderber, um die Lektüre des Buches nutzlos und langweilig werden zu lassen", schrieb der selbst ernannte Racheengel "Gabriel" der Verlagsbranche laut Nachrichtenagentur Reuters.

Dass Eltern an einer Chemnitzer Schule im März durchgesetzt haben, dass die Lektüre eines Harry-Potter-Romans vom Lehrplan genommen wird, entpuppte sich als Irrtum. Der Rat der Soziologin ist jedoch eindeutig: "Die Kinder so lange wie möglich von Harry Potter fern halten."

Keine zweite Bibel

So weit will Corinna Dahlgrün, Professorin für praktische Theologie an der Universität Jena, allerdings nicht gehen. Sie hat kein Problem mit der Verwendung der Potter-Bücher in der Gemeindearbeit oder in der Schule, sagt aber auch: "Intensive Gespräche sollten die Lektüre der Kinder begleiten, denn man muss aufpassen, welches Welt- und Gottesbild hier vermittelt wird." Bei Harry Potter gebe es keine Möglichkeit der Erlösung, keine göttliche Instanz über den Menschen, die die Toten und Opfer wieder ins rechte Bild setze, betont die evangelische Theologin.

Vertreter der Kirche geben sich in der Debatte um die zumeist religiös begründeten Kritiken gelassen. "Bei Harry Potter handelt es sich nicht um theologische, sondern um fiktionale Literatur, man sollte den Text daher auch nicht als zweite Bibel lesen", sagt Rolf Pitsch vom katholischen Borromäusverein, der die Potter-Reihe im Auftrag der Büchereien zahlreicher Erzbistümer qualitativ begleitet und rezensiert hat. "Natürlich müssen wir noch Band sieben abwarten, aber bislang hat die katholische Kirche eine durchaus wohlwollende Haltung zu Harry Potter", betont er.

Auch Matthias Pöhlmann von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin kann die Aufregung nicht nachvollziehen. "Da gibt es nichts Okkultes hineinzugeheimnissen, Harry Potter ist eine Geschichte über Freundschaft und die Auseinandersetzung von Gut und Böse." Dass das Ganze noch gewürzt sei mit Zauberei, habe gerade für Kinder einfach einen besonderen Charme.

Als "harmlose Traumliteratur" will ebenfalls der Religionspädagoge und evangelische Theologe Matthias Frohmann die magische Fantasy-Reihe verstanden wissen. Kinder und Jugendliche sollten nicht unterschätzt werden, betont der langjährige Potter-Forscher und heutige Lehrer an einem Duisburger Gymnasium. "Sie können durchaus unterscheiden, sowohl zwischen Recht und Unrecht als auch zwischen Realität und Illusion."

Daniela Pegna, AP

Korrektur: Irrtümlicherweise wurde in diesem Bericht zunächst angegeben, dass an einer Chemnitzer Schule die Potter-Lektüre vom Lehrplan genommen wurde. Das ist nicht richtig, wie auch in der Stellungnahme des Schulleiters auf der Homepage des Gymnasiums deutlich wird.



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